Die Odyssee im neuen Licht
Rekonstruktionsanalyse
mit neuen Ortungsergebnissen (Kurzfassung)
Inhalt
1. Einleitung
2. Erste Ein- und Übersicht der
neu georteten Odyssee-Route
2.1 Die Ortungsliste der Odyssee-Stationen
2.2 Die Rekonstruktion in
geographischer Darstellung
3. Die Ergebnisse der gesamten Rekonstruktionsortung
3.1 Zur Textdarstellung
3.2 Zur Vorgeschichte
3.3 Die Odyssee
3.4 Zur Nachgeschichte
3.5 Zusammenfassung der
verschiedenen Beschreibungssituationen
3.6 Zusammenfassung der
wichtigsten Reiseerfahrungen
3.7 Das relevante
Literatur-Umfeld der Ortungsarbeit
4. Literatur (Auswahl)
Übersicht
erstveröffentlichter X-Ortungsergebnisse
zu den bedeutendsten europäischen Mythen:
Atlantis
Odyssee
Jesus
Dietrichsage
Artussage
Widmung
Für
meinen Onkel Erich Huf, Historiker-Archäologe, II.-WK-Teilnehmer,
Jugoslawien-Griechenland-Italien-Feldzug, gefallen an der toskanischen
Italien-Front.
1. Einleitung
Trotz
der langen bis in die Antike zurückreichenden Forschung um die
Rekonstruktion der Odyssee sind noch immer nicht alle Methoden
ausgeschöpft. Dabei bestehen jene antiken Angaben oft selbst nur aus
hypothetischen Meinungen von Seeleuten und Dichtern, ... So über viele
Generationen eingebrannt, können sich diese Meinungen dann auch noch bei
späteren, seriöseren Nachforschungen hartnäckig halten.
Beispielweise
gilt auch heute noch die Meeresstraße von Messina allgemein als die
treffendste Zuordnung zu "Scylla und Charybdis". Kritisch
betrachtet müßte diese Zuteilung aber vorerst als
erster Seemannsblick beurteilt werden. Denn ist sie es wirklich nur der
hier bekannten Strömungen wegen? Unter anderem sollte besagte
Fels-Klippenenge einen "Pfeilschuß"
breit sein, also höchstens einige hundert Meter. Die Meerestraße
von Messina ist jedoch im engsten Bereich bereits einige Kilometer breit.
Und solche markanten Kurzhinweise (vor allem zu Ortsbeschreibungen) sind
die überlieferungstreuesten Informationen, die die homerische Odyssee zu
bieten hat. Aber Epen können auch noch mit konkreteren ausforschbaren Ortsbeziehungen aufwarten. Was beispielsweise Troja für
die Ilias darstellt, das ist die Stadt Scheria
für die Odyssee. Die bisherige Unauffindbarkeit Scherias
muß nicht zwangsläufig auf eine dichterische
Erfindung hinweisen, sondern kann ebenso auf weit schwierigere
Suchbedingungen zurückzuführen sein. So ist hier eventuell davon
auszugehen, dass das infrage kommende Suchgebiet Scherias
100mal größer sein kann, als jenes von Troja und die Überreste sich nicht
auf einen markanten Hügel präsentieren, sondern in der Tiefe eines weiten
Schwemmlands verborgen liegen ...
Den vorliegenden
Ortungs- und Rekonstruktionsergebnissen liegen umfangreiche, induktive
Vorarbeiten zugrunde. Dabei sind vor allem die darin noch rudimentär
erhalten gebliebenen Informationsspuren von möglichen Realbeziehungen
extrahiert, geortet und auf die heutige Situation übertragen worden.
Unwesentlichere Überlieferungsteile wurden vorerst umgangen und bei
eventuell später aufkommenden Widersprüchen infragegestellt. Die
entscheidendsten Phasen dieses Prozesses wurden in größeren zeitlichen
Abständen durch mehrere Kontrollläufe wiederholt. Traten Widersprüche
zwischen wesentlichen Ortungsergebnisse und Überlieferungsangaben auf,
wurde der Untersuchungsbereich zwecks besseren Verständnisses eines
veränderten Gesamtbildes ausgeweitet. Das erfolgte in diesem Fall
beispielsweise über die Heimatzuordnung der zentralen Person
"Odysseus", wonach diese gemäß der neuen Ortungsergebnisse in
Kreta beginnen müßte, und der Insel Ithaka nicht
jene Rolle zugeteilt werden kann, wie sie uns aus der homerischen Odyssee
übertragen wird. In der abschließenden Synthese wurden die neuen
Ortungsergebnisse noch eingehender mit den entsprechend überlieferten
Textstellen und weiteren Informationen (ähnlichen kultur-historischen
Überlieferungen, vergangene/gegenwärtige geographische Situationen, ...)
auf die relevantesten Zusammenhänge hin überprüft und vergleichend
abgewogen.
Weitere,
grundsätzliche Einführungsbeiträge in Mythen und Ortung.
2. Erste Ein- und Übersicht
der neu georteten Odyssee-Route
Wie
angedeutet lassen die hier ermittelten Ortungsergebnisse diesen
kulturhistorisch bedeutsamen Stoff in einem neuen Licht erscheinen. Sie
kommen dabei auf eine sehr frühe erkundungsartige Italienreise um etwa 1600
v. Chr. - also auf eine viel frühere Zeitphase als die bisher dazu
allgemein favorisierte. Jene bisher vermutete Zeitangabe zur Odyssee stützt
sich vor allem auf einen
"Trojanischen Krieg" um 1200 v. Chr. und verläßt sich darauf, dass die zeitlich daran
angeschlossen geschilderte Irrfahrt eines Odysseus auch historisch im
selben zeitlichen Zusammenhang zu sehen ist. Die Untersuchungen der
vorliegenden Studie decken jedoch die Möglichkeit eines gravierenden
Zeitbruchs zwischen den Ereignissen der "Odyssee" und der
"Ilias" auf.
Die
Odyssee-Grundlage bezieht sich wie so oft bei hervorragenden Ereignissen und
Leistungen auf unglückliche Umstände, die zu einer Irrfahrt führten, so
dass die dabei gemachten neuen Erfahrungen es wert waren für andere
aufgezeichnet zu werden. Dabei könnte es sich jedoch auch um Erfahrungen
von mehreren Irrfahrten nach Italien handeln, die Homer hier in der Odyssee
zusammensetzte - schließlich waren einst solche Unternehmungen immer mit
etwas Abenteuer und Irrfahrt verbunden. Diese Ortungsarbeit kommt hier
zudem auf eine bronzezeitlich-griechische Italien-Expedition unter erschwerten
Umweltbedingungen auf die Spur, welche mit der bekannten
Santorin-Katastrophe zu verbinden sein dürfte. Die dabei ausgemachte Route
lässt auch ein Kursverhalten erkennen, wie es unter den damaligen
Seefahrts-, Orts- und Navigationskenntnissen üblicherweise abgelaufen sein muß: hauptsächlich nach dem Küstenverlauf des Neulandes
sich vorwärtstastend und im Falle von Überlieferungsangaben an die
markantesten Orientierungspunkte zumeist kultischer Bedeutung sich haltend.
Aus dem
unterschiedlichen Informationscharakter (z.B. vom magischen bis zum
klassischen Zeithorizont) und seiner unterschiedlichen Informationsdichte
erschließt sich, dass einige Teile des Urwerks im Laufe der langen
(mündlichen) Überlieferungszeit verloren gegangen sein müssen und jene Stellen
so teils lückenhaft geblieben oder mit Meinungseinflüssen einer neuen
Epoche kunstvoll überbrückt oder ergänzt worden sind. Dabei ist die
Möglichkeit von bewußten Verfälschungen nicht
auszuschließen, wie hier ebenso kritisch aufgeworfen ist.
2.1
Die Ortungsliste der Odyssee-Stationen
Es
folgt eine kurze Übersicht zur Odyssee-Route mit Odyssee-Hauptbezug (fett),
geographischer Zuordnung und Hauptmerkmalen von eventuell aufzufindenden
Spuren. Die in diesem Ortungsprojekt ermittelten Vorergebnisse, die zu
bisherigen Lokalisierungsergebnissen im Widerspruch stehen oder sie
erweitern können, sind unterstrichen angeführt. Die Aufzählungsnummern
sind in der anschließenden Kartendarstellung berücksichtigt. Eine
detailliertere Erläuterung der Rekonstruktion folgt dann im Analyseteil.
Zudem werden hier
die vorläufig geschätzten Werte der erreichbaren Signifikanz-Potentiale zu den
betreffenden Objektbereichen angegeben. Diese Zahlenangaben sind in eckigen
Klammern gesetzt. Bei diesen SP-Bereichen handelt es sich um einen
möglicherweise erreichbaren Wertrahmen. Die vorliegende Ortezuordnung
muß daher noch solange auf die hypothetischen
Werte 4-5 geschätzt werden, ehe diese nicht mit zureichenden
Feldforschungen abgeschlossen ist. In den angegebenen 20 Aufzählungspunkten
sind mindestens 22 Objektbereiche enthalten, von denen 20 einen relevanten
SP-Wert von mindestens 6 erreichen können. Der erreichbare
durchschnittliche SP-Wert der relevanten Odyssee-Orte liegt bei ca. 7,5.
Die bisherige Ortungs-Situation liegt aufgrund intensiver
Forschungsbemühungen zwischen 3-5, durchschnittlich bei etwa 4.
- Odysseus verläßt
Troja: Troja VI [2 oder 6-7]
- Eventuell könnten Spuren im Bereich
"Troja" VI/VII zu griech.-minoischen
Söldnerverbindungen im Dienste "Trojas" führen.
- Stadt der Kikonen: nördlich des heutigen Alexandroupolis.[7-9]
Eroberung mit anschließender Niederlage.
- Thrakische Stadt aus der Bronzezeit, Hinweise zu
Kriegszerstörungen um 1650 v.Chr.
- Kap Maleas: Ein Sturm bringt die Flotte vom heimatlichen
Nordkurs ab. [2] Sie erreicht am 10. Tag die Südspitze
Siziliens.
- Lotophagen:
ein Volk südlich von Modicca (Sizilien)
[6-7]
- Bronzezeitlicher Mohnanbau, auch zu Kultzwecken
(Schlaf- oder Fruchtbarkeitskult)
- Kyklopen:
Die "Ziegeninsel" entspricht der kleinen Insel Dino (Golf
von Policastro). Die "Höhle des Polyphem" befindet sich im Bereich Maratea-Castrocucco. [7-9]
- "Ziegeninsel": kleine der
Fruchtbarkeitsgöttin geweihte Insel, entsprechende Kultstätten. Die
"Höhle des Polyphem": Höhle mit
Spuren eines erdhaften Fruchtbarkeitsskults
(Megalithe, Phalli)
- Äolos, Gott der Winde: auf Lipari, die
Hauptinsel der Äolischen Inseln [6-8]
- Palastartige Kultstätte, Spuren eines
Wind-Wetter-Luft-Himmels-Kults, bronzezeitliches
Himmels-Observatorium?
- Der Versuch einer Heimfahrt scheitert. Äolus
weist eine weitere Hilfestellung ab.
- Laistrygonen (eigentl. Giganten): im Hafen von Miseno-Bacoli
bei Pozzuoli/Neapel. [7-9] Großer
Flottenverlust.
- Entsprechender Naturhafen, palastartige
Kultstätte, Spuren eines (Erd-)Feuer-Kults
- Circe: Gaeta (nordwestlich Neapels) [7-9].
Circe empfiehlt Odysseus zwecks Heimfahrt eine Wallfahrt zum Eingang
ins Totenreich.
- Palastartige Kultstätte der Erdmuttergottheit
oder Spuren dieses Fruchtbarkeitskults
- Volk und Stadt der kimmerischen
Männer: Stadt bei Grosseto im späteren Etruskerland (Toskana) mit
bronzezeitlicher Metallgewinnung [7-9]
- den Fluß entlang: den Fluß Ombrone (der Schattige) entlang Richtung Norden
- Eingang ins Totenreich: eine entsprechende Toten-Kultstätte in Castellina in Chianti - nördlich von Siena [6-8]
- Zurück zu Circe. Weiterfahrt entsprechend Circes Anweisungen.
- Sirenen: Insel
Ventotene südlich von Gaeta
[6-7]
- Kleine der Fruchtbarkeitsgöttin geweihte Insel,
Kultstätte und Aufenthaltsort für Novizinnen bzw. Verbannte
- Plankten, Irr- oder Klappfelsen: die gefährliche Inselpassage durch Procida-Vivara östlich von Ventotene
[6-7]
- Besondere Geologie, Wrackspuren am Meeresgrund
zwischen zwei kleinen Inseln
- Scylla und Charybdis: bei den Coreca
Klippen südlich von Amantea (Kalabrien)
[7-9]
- Kultstätte der Erdmuttergottheit in einer
Felsenhöhle und bei Klippen, Wrackspuren im Klippenbereich
- Helios, der Sonnengott auf Thrinakia: Sonnenkultort
bei Lentini (Sizilien).[7-9]
Tabubruch der Gefährten und Totalverlust.
- Sonnenkultort, Kult des kosmischen Feuers, bronzezeitliches
Himmels-Observatorium? Grotte an der Bucht
- zurück zu Scylla und Charybdis
- Calypso auf Ogygia: auf der Südseite der Insel Gozo (bei Malta) [7-9]
- Kultstätte einer Wassergottheit und/oder der
Erdmuttergottheit in einer großen Grotte, Spuren eines
Fruchtbarkeitskults, Erd-Wasser-Kult
- Scheria: ist ein bronzezeitliches Venedig an der
damaligen Pomündung gelegen, zwischen der heutigen Stadt Adria und Rovigo - vermutlich bei Villadose.
[8-10]
- Eine bronzezeitlche
Hafenstadt an einem großen Fluß -
überflutet/untergegangen und seit ca. 3000 Jahren verschollen.
- Heimkehr nach "Ithaka": Odysseus landet schließlich auf der
"Heimatinsel II" - Kephallenia.
[6-7].
- Landebucht, Verbergungsgrotte, Odysseus-Spuren
II/IV (Odysseus Hauptwirkungsstätte)
- In Ergänzung "Heimatinsel I" -
Odysseus-Spuren I (Geburtsheimat-Kindheit) - Kreta-Mallia
ist indirekt Bestandteil der Odyssee-Forschung [6-7].
- Eumaios Hof auf dem Korax-Berg: ist ein strategischer Punkt an der
Meeresenge von Antirrion - kurz vor Navpaktos. [6-7]
- Herrschaftliche, strategisch gelegene
Hofhaltung und Zufluchtsburg aus der Bronzezeit in Sichtweite zum
zugehörigen Palast
- Odysseus Palast: gehört eigentlich seiner Frau
"Penelope" und befindet sich in der östlichen Umgebung des
heutigen Navpaktos. [8-10]
- Bedeutender bronzezeitlicher Palastbau,
Odysseus-Spuren III (Ehemann-Herrscher)
- Odysseus besucht "seinen Vater
Laertes": seinen
Stiefvater auf der Insel Same (Kephallenia).
[6-7]
- Odysseus Spuren II (Jugend-Mann)
- Odysseus Grab: auf dem griechischen Festland. Ein mögliches Grab des
Odysseus wird hier als bedeutender Bestandteil der Odyssee-Forschung
aufgenommen [8-10]
- Grabanlage, Odysseus-Spuren V (Grabinschriften,
Grabbeigaben, körperliche Überreste als Schlüsselfunde zur "Odysseus"-Existenz)
2.2
Die Rekonstruktion in geographischer Darstellung

Kartengrundlage: National Geographic,
physische Satellitenbilddarstellung
3. Die Ergebnisse der
gesamten Rekonstruktionsortung
3.1
Zur Textdarstellung
Die
vorliegende Ausführung ist als erste Zusammenfassung detaillierterer
Grundlagenarbeiten gehalten, die erst nach Abschluss der Projektarbeiten
öffentlich zugänglich gemacht werden können. Zwecks Übersichtlichkeit
werden die verschiedenen Textbezüge einem dafür bestimmten Format
zugeordnet:
- Die Hauptbezüge sind fett markiert.
- Besonders markante Odyssee-Zitate und
entsprechende Kurz-Hinweise sind im Text vereinzelt eingeflochten und
"unter Anführungszeichen" gesetzt. Es handelt sich dabei vor
allem um sinngemäße Übernahmen aus der homerischen Odyssee, die hier
aufs Wesentlichste konzentriert sind, um den Text- und
Zusammenhangsfluss nicht unnötig zu strapazieren. Auf streng wörtliche
Übernahmen/Interpretationen, von denen es hierzu ohnehin verschiedene
Möglichkeiten gibt, wurde hier auch aufgrund einer als manipuliert
anzunehmenden Odyssee-Grundlage verzichtet. Bisherige
Odyssee-Untersuchungen, die sich allein auf wörtliche Überlieferungen
gestützt haben, sind dadurch nicht selten in die Irre geführt worden.
Das erstbekannte Opfer derartiger Manipulationen dürfte bereits die
Homer-Ausgabe selbst gewesen sein.
- Dazu sind die neuentdeckten Ortungsergebnisse
und Zusammenhänge dieser Untersuchung unterstrichen hinzugefügt.
- Zur weiteren Orientierung werden vergleichsweise
die bisher am stärksten verbreiteten Orts-Annahmen kursiv vermerkt. Die unter dem Aspekt - neuere oder letztere
Untersuchungen - angeführten Hinweise beziehen sich
schwerpunktmäßig auf Überlegungen hinsichtlich naheliegendster
Navigationsmöglichkeiten. Einen weiteren Einblick hierzu bieten die
Werke selbst (siehe Quellenangaben). Sie bleiben vom Autor dieser
Studie vorerst unkommentiert. Es gibt Rekonstruktionsergebnisse, die
über das Mittelmeer hinaus führen (z.B. Skandinavien, Weltumsegelung,
...) und hier in dieser Kurzfassung nicht berücksichtigt werden.
3.2
Zur Vorgeschichte
Die
Vor- und Nachgeschichte sollen das historisch raum-zeitliche Umfeld der
hier rekonstruierten Odyssee aus einer unidealisierten Perspektive
beleuchten. Auf diese Weise können die darin kurz aufgeführten Aspekte und
Szenarien zum besseren Verständnis der Gesamtsituation beitragen. Dabei
wird eine bisher noch nicht durchdachte Sichtweise vorgestellt, die einem
historischen Odysseus eher entsprechen dürfte. Zwar mag diese Vorgangsweise
aus wissenschaftlicher Sicht gewagt sein, anderseits entlarvt sie den von
Homer dargestellten Held "Odysseus" als stark idealisiert - der
maßgebende Kritikpunkt, der zu diesen Gegendarstellungen führte. Dieser
(Ideologie-)kritische Zugang zur homerischen Odyssee kann auch durchaus als
Parallele zu anderen ähnlichen Gründer-Mythologien (z.B.
Christus-Mythologie zwecks Christianisierung = religiöse Monopolisierung
durch einen bestimmten Erlöser-Monotheismus) verstanden werden, wobei hier
die Odyssee als typischer Vorläufer betrachtet werden kann
(Odyssee-Mythologie zwecks Patriarchalisierung restlicher matriarchalischer
Kulte und Bestrebungen).
- "Odysseus" Geburtsheimat: Kreta (anstelle der
homerisch-literarischen in Ithaka).
- Sohn eines Herrschers in Mallia
und seiner phönizischen Dienerin
(Nebenfrau). Für "Odysseus" entstehen daraus in der
ersten Lebensphase u.a. Bildungsvorteile, die mit dem frühen Tod
seines Vaters in Benachteiligungen enden, wodurch Odysseus Leben
eine einschneidende Prägung erfährt. Eine Andeutung dazu ist in den
bekannten "Lügengeschichten" verpackt
(verdrängt/verarbeitet).
- Odysseus zweite Heimat: Er
wird nach seines Vaters Tod jung nach Same (Kephallenia)
verschifft, wo ihn "Laertes" in Ermangelung eines eigenen
Sohnes kauft.
- Odysseus, ein Fremder in der neuen Heimat,
setzt sich später in der Fremde durch: als vorgebildeter
Seemann-Kapitän, Söldner und Abenteurer (Entdeckungsreisender). Er und seine Geschichten kommen damit weit
herum. (Man wird dabei an die Geschichten und die Biographie Jack
Londons erinnert.)
- Odysseus gelingt es dadurch auch, in eine
einflussreiche Herrscherfamilie des griechischen Festlandes
einzuheiraten.
- "Odysseus Palast" ist damit vor allem "Penelopes"
Domizil: vermutlich in der Umgebung östlich des heutigen Navpaktos gelegen (anstelle des
homerisch-literarischen in Ithaka). Erwähnenswert ist dabei auch
die überlieferte Palast-Stellung des Odysseus: Sein dortiges
Erscheinen im Verhältnis zur gesamten Erzählungs-Zeitspanne (ca.
10 Jahre Trojanischer Krieg - bzw. Kriegsdienst, 10 Jahre Irrfahrt)
ist sowohl zeitlich, wie auch von der Wirkung her als flüchtig-blitzartig
einzustufen. Das weist auf einen Helden hin, der in den Memoiren sein
Leben und Schicksal zu verarbeiten versucht, das von einem
lebenslangen Kampf gegen Fremdheit und um Heimatsuche geprägt
gewesen sein musste. In diesem Zusammenhang fällt eine nachträgliche,
künstlich aufgesetzte Heimatverbundenheit auf "Ithaka"
auf (siehe Nachgeschichte).
3.3 Die Odyssee
1.
"Odysseus verläßt Troja": Odysseus verläßt Troja VI
um 1600 v. Chr. mit seiner Flotte
Richtung Norden, aber ohne zuvor gegen Troja Krieg geführt zu haben,
denn er übt für und nicht gegen Troja Kriegsdienste aus. Der Kriegszug
gegen die thrakischen "Kikonen"
im Norden ist ein solcher Dienst für die "Trojaner". Eventuell
könnten schriftliche Spuren im Bereich Troja VI zu griech.-minoischen
Söldnern im Dienste Trojas VI führen.
Kurz zu den in diesem
Zusammenhang erwählten Ilias-Troja Synonymen: Die
"Trojaner" könnten für die Hethiter stehen und hinter
"Troja" ihre uneinnehmbare Hauptstadt Hattusa
stecken. Troja wäre hingegen viel leichter einnehmbar gewesen. Da Homer
jedoch Hattusa nicht kannte, ersetzte er Hattusa hierfür einfachhalber
mit "Troja" und nannte so dessen Volk "Trojaner". Das "Trojanische Pferd" dürfte
ebenso kein Geschenk an die Trojaner gewesen sein, um ihre uneinnehmbare
Stadt von Innen her zu erobern, sondern ein Weihegeschenk an den Gott
Poseidon, der u.a. für die Erdbeben und Pferde zuständig ist. Troja VI
wurde auch "von Innen her" durch Erdbeben zerstört und damit
leichte Beute für ihre Eroberer. In einem solchen Fall muß
wohl (ein besonderes Pferd) dem Gotte Poseidon geschenkt/geopfert worden
sein. Vermutlich waren derartige Naturkatastrophen auch der Auslöser für
den Untergang der Hethiter. Dasselbe Schicksal traf übrigens die minoische
Kultur in Kreta, hier Odysseus Heimat und Grundthema der Odyssee.
Normalerweise verbindet man mit Ilias-Troja einen 10 Jahre dauernden "Trojanischen
Krieg" um Troja VIIa. ca. 1200 v. Chr.
2.
"Schlacht um Ismaros, Stadt der Kikonen": nördlich
des heutigen Alexandroupolis. Man erobert die
heilige Stadt der Kikonen, muß
aber schließlich der nachrückenden, thrakischen
Übermacht weichen. Ein Teil der Krieger kehrt nach Troja zurück.
Odysseus Flotte tritt die Heimfahrt an.
Hierzu gehen Vermutungen in den Bereich
südlich von Komotini. Dort liegt auch der Berg Ismaros.
3. "Bei Kap Maleas": Odysseus
Flotte gerät hier in einen Sturm, der sie vom heimatlichen Nordkurs
abbringt. Sie erreichen am 10. Tag die Südspitze Siziliens.
Hier geht die allgemeine Vermutung in
Richtung nordafrikanischer Küste.
4. Bei den
"Lotophagen", den
Lotosessern: ein Volk und Kultort südlich von Modicca (Sizilien). "Lotos" = Mohn,
"blühende Speise pflücken", "Frucht des Halmes" =
Mohnkapsel, "lotophagische Männer" = opiumabhängige Männer.
Die ausgeschickten Boten mussten nach "Genuss des Lotos"
gewaltsam zu den Schiffen geholt und dort angebunden werden. Der Mohn ist
in mehreren Teilen Europas bereits zur Bronzezeit als Nahrungs-, Heil- und
kultische Zauberpflanze bekannt.
Hier wird allgemein ein Ort an der
nordafrikanischen Küste oder die Insel Djerba
angenommen, und als Lotosspeise wird meistens die Dattelfrucht vermutet.
Man ist sich bewusst, in einem Land
südwestlich der griechischen Heimat gelandet zu sein und schlägt deshalb
einen Nordost-Kurs ein, um entlang dieser Nordost-Küsten schließlich die
Küsten Illyriens oder Griechenlands zu erreichen.
5. Bei den
"Kyklopen": Die
Anlegestelle "Ziegeninsel" entspricht der kleinen Insel Dino
(Golf von Policastro) mit Grotten. Sie wird
als "unberührte Insel" geschildert (für die Jagd und andere
Eingriffe tabu) und dürfte einer Erdmuttergottheit geweiht gewesen sein,
was auch aus dem Namen der Insel abzuleiten ist: vormals Dina genannt von Dio/Dea. Dort machen die
Griechen reiche Jagdbeute. Die "Höhle des Polyphem"
wird einige Kilometer weiter nördlich im Bereich Maratea-Castrocucco
erreicht. - Maratea-Castrocucco (lat.-ital.: der Meeresgottheit dummer Liebling) oder Castrocucco (auch die Bedeutung = betrügerischer
Schafskopf, Tölpel oder kastriertes Auge... sind möglich. 'So alt wie der Cucco' bezieht sich auf 'Steinaltes') bringt
das in der Odyssee zum schafehaltenden Polyphem Beschriebene auf den Punkt. Es ist
bemerkenswert wie bestimmte Besonderheiten aus längst vergangenen Zeiten
sich in Flurnamen, Redensarten oder fernen Mythen bis heute herüberretten
können. Die zahlreichen Höhlenwohnungen gibt es in diesem Umfeld noch
(die von Maratea sind weltbekannt) und werden
teilweise noch heute als solche genutzt.
Hierzu verbindet man beispielsweise das
Gebiet bei der einstigen griechischen Stadt Cumae
nordwestlich Neapels. Neuere Untersuchungen kommen auf Orte an der
nordafrikanischen oder sizilianischen Küste.
Aber ist 'Polyphem'
wirklich ein riesiger Mensch, ein Gigant - wie von den Griechen
beschrieben? Die obige Ableitung weist hier auch in eine andere Richtung: Demnach
muß es sich eher um ein magisches
Fruchtbarkeits-Idol handeln, einen großen phallusartigen Stein (einen
Megalith - 'Castrocucco' entspräche auch einem
großen 'kastrierten Phallus' aus Stein), der hier beispielsweise in
einer Höhle kultisch verehrt wird, was die Griechen als Blasphemie (~Polyphem) empfinden. Das Volk, das solche Megalithe ehrt, ist also aus griechischer Sicht
primitiv und wird entsprechend bezeichnet ("Kyklopen") und
dargestellt. Die gesellschaftliche Beschreibung in der Odyssee weist noch
auf hier vorherrschende matriarchalische Gesellschaftsstrukturen hin. Die
Griechen durften diese Kenntnisse erst nach längerem Kontakt mit dem Volk
der "Kyklopen" erfahren haben, was hier unterschlagen wird oder
verloren gegangen ist. Bei den beschriebenen Tieren und Lebensgütern in der
Höhle des Polyphems dürfte es sich großteils um
Opfergaben handeln. Odysseus und seine Gefährten dringen in die Höhle ein
und wollen sich daran durch Diebstahl bereichern - ein weiterer Tabubruch. Polyphems griechische Beschreibung als Menschenfresser
dürfte eigentlich ein Fehlurteil sein. Denn Menschenknochen in den Höhlen
deuten in erster Linie auf Grabstätten und Ahnenkult hin. Und eventuelle
Menschenverluste in den eigenen Reihen könnte ebenso auf das gewaltsame
Eindringen und Verhalten der Griechen selbst zurückzuführen sein, das möglicherweise
in der Schändung des Kult-Heiligtums ('Castrocucco')
geendet hat.
Hinweise zur weiteren Interpretation: In dieser Episode beschreibt die höherstehende
griechische Kultur eine niedere Kulturstufe diffamierend (Ähnliches
begegnet uns beispielsweise bei den Christen, Moslems, ... wenn sie
heidnisches Kulturgut verurteilen und zerstören). Es ist also davon
auszugehen, dass die Griechen dieses Ereignis wie auch die weiteren zu
ihren Gunsten und Zwecken phantastisch umgestaltet haben - besonders wenn
sie matriarchalischen Kult-Eigenarten begegnet sind. Der Großteil dieser
Verzerrung dürfte aber erst im Laufe der langen Überlieferungszeit
stattgefunden haben, in der sich die griechische Kultur stärker zu einer
patriarchalischen Gesellschaft hin entwickelte. Die hier entscheidenderen
Ortsbeschreibungen dürften getreulicher überliefert sein, da bei den
geographischen Schilderungen neu entdeckter Länder sich der Ehrgeiz in
möglichst genauen geographischen Darstellungen messen kann - ideologische
Interessen der Verunstaltung (wie bei der Beschreibung fremder Völker und
Sitten) sind hier unangebracht. In diesem Geiste des
Kolonialisierungsgedankens ist die Odyssee auch durchgängig geschrieben:
Während das entdeckte Neuland zumeist gelobt wird, werden die dortigen
Völker degradiert, entsprechen sie nicht der eigenen Kulturstufe. Damit
aber dieses gelobte Land zur Eroberung und Kolonialisierung auch wieder
gefunden werden kann, muß der Entdecker bemüht
sein, sich möglichst an genauere Ortsbeschreibungen zu halten. Im Erlebten
selbst darf er ruhig seine Heldenhaftigkeit und die seiner ideologischen
Seite übertreibend unter Beweis stellen. Das geht dann am besten, wenn die
andere Seite auch gleich schlechter gemacht wird, als sie in Wirklichkeit
ist.
Man erkennt, dass die Nordost-Richtung des
Küstenverlaufs sich inzwischen markant gedreht hat und es somit hier auf
dem Seeweg kein Weiterkommen nach Nordost gibt. Die Flotte kehrt um.
6. Bei "Äolos, Gott der Winde": auf Lipari, die
Hauptinsel der Äolischen Inseln. Sie ist 9-10
Tagesreisen von Griechenland entfernt, was mit der "Windsack"-Episode ("Äolus
Geschenk") angezeigt wird und auf eine Navigationshilfe
hinweist. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die angegebene
Westrichtung der exakten Heimat-Richtung entspricht, und die Äolus-Insel
in der Bronzezeit damit einen bereits bekannten Orientierungspunkt
darstellt. Wahrscheinlich existieren hier zu
dieser Zeit neben einer entsprechenden Kultstätte auch ein
Observationszentrum für die Himmelsbeobachtung.
Anderseits läßt
die ins Spiel gebrachte plötzlich auftretende Sturmflut bei der
unglücklichen Öffnung des Windsackes auf eine außergewöhnliche Einwirkung
schließen: Erstmals sind damit Hinweise auf eine eventuelle Vorwirkung der Thera-Vulkanexplosion auf Santorin erkennbar. So wird Odysseus ratsuchend wieder an die Äolische Insel zurückgeworfen, wo das außergewöhnliche
Ereignis von göttlicher Seite für Odysseus schicksalshaft
ungünstigst verurteilt wird. Der unglückliche Odysseus muß
mit seinen Gefährten ohne weitere Hilfestellung die Insel verlassen.
Für den Sitz Äolos
zieht man meistens die Vulkaninsel Stromboli heran. Neuere Untersuchungen
tendieren zwischen dem nordafrikanischen Küstenbereich und der Insel Malta.
Kommentar: Normalerweise würden in diesem
Fall mutige Männer einen zweiten Heimfahrts-Versuch auch ohne göttliche
Mitwirkung wagen. Da aber entgegen dieser Haltung es Odysseus lieber
vorzieht, der Heimatrichtung auszuweichen und nordwärts einen sicheren
Hafen anstrebt, ist dieses ungewöhnliche Verhalten als weiterer Hinweis zu
bewerten, dass vorerst an eine Heimfahrt nicht zu denken war. Daß also zum ungünstigen
Zeitpunkt, wo "Odysseus Gefährten vor der griechischen Küste den
Windsack öffneten" in diesem Bereich etwas derart Schreckliches
passiert sein muß, dessen Trauma sie jetzt von
einer eigenverantwortlichen Heimfahrt abhält: "Poseidon, der Umstürmer der Erde" hat sich gegen Odysseus und
seine Heimkehr verschworen - ist auch das Grundthema dieser Irrfahrt. Kurz:
Eine (sich anbahnende) Naturkatastrophe in Griechenland hindert ihn an der
Heimfahrt. Schließlich könnte aber Odysseus doch noch besondere Hinweise
vom Äolus-Kultort erhalten haben, zu weiteren
göttlichen Wirkungsstätten in die andere Richtung zu fahren, um für seinen speziellen
Fall bei diesen Rat zu holen, was dann Homer nicht mehr erwähnt. Äolus ist
nur der Beherrscher der Winde, der Atmosphäre. Odysseus muß
sich jedoch an Stellen wenden, die für die Feuer-, Erd- und Wassergewalten
zuständig sind.
7. Bei den "Laistrygonen" (eigentl.
"Giganten"): Von
"Äolus" Insel aus erreichen sie am 7. Tag den Hafen der "Laistrygonen": im Hafen von Miseno-Bacoli
bei Pozzuoli/Neapel. "Telepylos"
entspricht dem heutigen Pozzuoli. "...
vorn in der Mündung sich zwei vorragende Spitzen gegeneinander drehen, ein
enggeschlossener Eingang": entspricht dem Eingang zu Misenus (Kap/Porto Miseno).
"Und wir sahen wie fern nur Rauch von der Erde emporstieg" = Campi Flegrei
(brennende Felder) hinter Pozzuoli, "Da
rufen sich die Hirten ... beim Eintrieb und Austrieb, wer keines Schlafes
bedürfte verdiente dort doppelte Löhnung, ... sind doch Tag und Nacht nah beinander." Hier wird eine vulkanisch aktive
Landschaft von der Ferne beobachtet und ihre Ausdrucksform nicht richtig
zugeordnet. "Weib (Vulva?) so hoch wie ein Berg (Vulkan)"
oder eine weibliche Gottheit als Kolossalstatue? Erinnert an die Megalith-
oder Phallus-Verehrung bei den Kyklopen. "...kamen von allen
vier Winden ... Giganten. Von den Höhen warfen sie in riesigen Lasten
Steine herab... an den Schiffen ein wildes Getose ..." Hier handelt es
sich um den Eindruck eines (erstmals) hautnah erlebten vulkanischen
Ausbruchs aus der Perspektive eines steinzeitlichen oder bronzezeitlichen
Verstandes - myth.Gigantenkämpfe. Homer muß hier eine sehr alte Überlieferung eingebaut haben,
dessen vulkanischer Hintergrund er anscheinend nicht durchschaut oder nicht
verstanden hat. Die gesamte Flotte in der Bucht kommt um: heute im
Bereich Lago Miseno (Maremorto
- Totes Meer). Nur Odysseus Schiff, das außer Reichweite steht, kann
sich davon retten. Etwa in der selben Zeitphase
könnte der Vulkan Thera auf Santorin ausgebrochen
sein.
Hierzu gibt es bisher Vermutungen zu Häfen
an der korsischen, sardischen und sizilianischen Küste. Neuere
Untersuchungen tendieren zu nordafrikanischen und sizilianischen
Küstenbereichen.
Kommentar: Auch hier gilt ähnlich wie bei der "Kyklopen"-Episode, dass die Griechen über die
"Laistrygonen" Kenntnisse mitteilen,
die allein mit dem geschilderten Aufenthalt nicht zu erfahren wären. Analog
dazu dürfte auch die Darstellung dieses Volkes verunstaltet sein. Wieder
sind diese "Laistrygonen" keine
gigantischen Menschenfresser - es sei denn die Vulkane sind damit gemeint.
Und wieder handelt es sich bei dieser Station um eine besondere Kultstätte,
die diesmal vom dort herrschenden Vulkanismus geprägt ist. Das entspräche
der Kultstätte einer Erd-Feuer-Gottheit (wie Hephaistos), jener Gewalt,
die Odysseus bei der Heimfahrt Schwierigkeiten bereitet haben könnte und
daher nach Äolus die nächste ratgebende Instanz darstellte. Der Kontakt
mit diesem Kultort bringt ihm eine riesige
Enttäuschung ein und er muß sich an die
Erdgottheit "Circe" weiter im Norden wenden.
8. Bei der "Zauberin
Circe": in Gaeta > namensverwandt mit Gaia oder Gäa, die Erdgöttin
oder Magna Mater (große Mutter). "Circes
(Halb-)Insel" wird in der Odyssee auch "Ääa", "Aia"
oder "Aiaia" genannt. "Circe":
Beziehung zur röm. Ceres
> ist ein Fruchtbarkeits-Kult, der auf die weibliche
Erdmuttergottheit zurückgeht. Mit der "Verwandlung in
Schweine" wird ein magischer Fruchtbarkeitsritus vom griechischen
Standpunkt aus kritisch (als 'Schweinerei') dargestellt. Zwecks
Heimfahrt empfiehlt Circe Odysseus eine Wallfahrt noch weiter in den Norden
"zum Eingang ins Totenreich", um dort das Orakel zu
befragen. Hierzu fällt die klassische Ceres-Demeter-Persephone-Verbindung
auf - die Verbindung von Erd-Fruchtbarkeitskult und Unterwelts-Totenkult.
Zum ersten Mal wird hier ausdrücklich das Aufsuchen einer Kultstätte
empfohlen.
Für den Sitz Circes
hat sich vor allem der Monte Circeo durchgesetzt.
Neuere Untersuchungen kommen auf Orte im Umfeld Siziliens.
9. Die Fahrt führt zu
"Stadt und Volk der kimmerischen
Männer": Ihre
"Stadt": bei Grosseto im späteren
Etruskerland (Toskana). "Eingehüllt in Nebel und Dunst ... lassen
nie Licht auf jene Sterblichen leuchten." Diese Vorstellung könnte
einerseits auf Bergleute und frühe metallurgische Aktivitäten hindeuten
(Ein entsprechendes Volk in der Argonautensage wird ähnlich beschrieben.),
anderseits auf den Eindruck, der auf die verdüsternde Nachwirkung eines
stärkeren Vulkanausbruchs zurückzuführen ist (Siehe "Laistrygonen"-Episode. In jene Zeitphase wird hier
auch die Santorin-Thera-Katastrophe eingeordnet.).
Neuere Rekonstruktionen tendieren bei den Kimmerern auf Orte in Sizilien.
- Dort den "Fluß
entlang" Richtung Eingang
ins Totenreich (Schattenreich): den Fluß
Ombrone (der Schattige) entlang Richtung
Norden
- "Eingang ins Totenreich": ein entsprechender Totenkult- und
Orakelplatz in Castellina in Chianti -
nördlich von Siena. Mögliche Wortbedeutungen zu Siena: Alt, (letzte)
Würfelzahl sechs, (letztes) Mahl, Abendmahl. Odysseus opferte dort
den Toten ein Abend- oder Totenmahl.
- Wieder zurück zu Circe, Bestattung des
umgekommenen Elpenor, dann Weiterfahrt
entsprechend Circes Anweisungen.
10. Bei den
"Sirenen": Insel Ventotene - ital.: leichter
Wind ("plötzlich legte sich der Wind") südlich von Gaeta gelegen. Sirene könnte auch vom Schweigen (lat. silete) abgeleitet
werden. Wie bereits der Insel-Name Ventotene
andeutet, gelangen hier die Schiffe in einen auffallend ruhigen Seebereich
- eine trügerische Insel-Ruhe, da sie von gefährlichen Untiefen umgeben
ist. Bei der Sirenen-Insel kann es sich wie vormals bei der
"Ziegeninsel" (Dino-Dina) an der "Kyklopen"-Küste
um eine weitere der Erdmuttergottheit geweihte Insel handeln. Es
wird auch ein vogelartiger Bezug zu den Sirenen hergestellt, der scheinbar
von der Argonautensage beeinflußt wurde. Dort
erscheint eine "Vogelinsel" namens Aretias,
die wie der Name deutet ebenso einer Gottheit (Ares-Mars)
geweiht gewesen sein dürfte. Bekanntlich werden Singvögel von schön
bewaldeten Inseln in Scharen angelockt. Derartige Besonderheiten dürften
auch der Grund sein, weshalb früher bestimmte Inseln ausschließlich Gottheiten
vorbehalten und geweiht wurden. Die eigenartige Odysseus-Szene um der
Sirenen-Insel weist hier eindeutig darauf hin, dass sie tabu ist. Demnach
dürfte sie Kultstätte und Aufenthaltsort für jungfräuliche Novizinnen
(Sirenen) des Fruchtbarkeitskultes gewesen sein bzw. ein entsprechender
Verbannungsort. Hierzu würde auch Sirene als Ableitung vom Schweigen (lat. silete) oder vom leisen
Singen passen.
Für die Sirenen-Insel hat sich vor allem die
Insel Capri durchgesetzt. Neuere Untersuchungen plädieren auf Inseln im
Umfeld Siziliens.
11. Bei den "Plankten, Irr- oder Klappfelsen": die gefährliche Inselpassage durch Procida-Vivara (lat.:
Vorfallen-Lebend) 40 km östlich von Ventotene
zwischen Ischia und Neapel gelegen. Wird hier nur am Rande erwähnt - entsprechend
der Position zum nun eingeschlagenen Südostkurs und vermutlich der
geringeren Bedeutung wegen.
Diese wird meistens wieder im Umfeld
Siziliens vermutet.
12. Bei "Scylla und
Charybdis": die Coreca Klippen südlich von Amantea (Kalabrien), Interpretationen: Coreca (lat. cor, cordis: Herz) ~
herzartig ~ "Charybdis" (griech. chardias: Herz-), ital.: scoglie coreca, deutsch:
Herz-Klippen, griech.: ~ "Scylla Charybdis". Scylla - Scoglia (Assoziation zu Klippe). Dazu weitere
Verbindungsmöglichkeiten: Die "Scylla Charybdis" könnte "einerseits"
eine außergewöhnliche (herzförmig anlockende) Klippenformation
sein, "anderseits" in Anlehnung dieser, eine
ungeheuerliche Zauberin/Seherin "Scylla" (ähnlich der hier
heimischen Sibyllen oder der griech. Pythia, deren
Orakel in Delphi vormals ebenso von einem "erdgeborenen Drachen
Python" behütet wurde: die homerische "Scylla" als
Tabu-Tier jenes Orakels bei "Charybdis" gelegen), die ihre
Kult- und Opferstätte "in einer höher gelegenen Grotte gegenüber
der markanten Klippen" haben konnte. Die Umschreibung weist auf
bestimmte mantische Praktiken
(orgiastisch rasende Orakelmedien und Opferriten) hin, die auf die
bronzezeitlichen Besucher einen "ungeheuerlichen" Eindruck
machen konnte. Der "Feigenbaum" auf der Klippe, ist ein
weiteres griech. Symbol und Indiz
derartiger dionysischer Kulte. "Scylla" könnte also
auch als die griechische Assoziation und Verballhornung von Sibylla und
Pythia angesehen werden: Die alten, weiblichen Sibyllen-Orakel sollen
bereits zu Homers Zeit für ihre zumeist düsteren Visionen bekannt gewesen
sein, die sie häufig im ekstatischen Rausch von ihren Grotten aus
verkündeten. Am bekanntesten davon ist die Sibylle von Cumae, die Äneas das Ende seiner Irrfahrt verkündet
haben soll. Vergil hatte hier mehr oder weniger unbewußt
eine richtungsweisende Parallele gefunden. Die Weise: "Guter Rat
ist teuer", geht ebenso auf die Sibyllen zurück. Und bekanntlich
bekam das auch Odysseus zu spüren. Weitere Hinweise: Aus dem Namen der
nahen Stadt Amantea (griech.
A Manteia: beim Orakel) könnte sich auf
eine nahe Orakelstätte beziehen, der man aber derzeit eine andere Bedeutung
zuordnet (zum antiken Clampetia). "Skyllas Mutter" heißt "Cratais"
oder Cratis: Cratis
nennt sich auch der vielarmige Hauptfluß der
Landschaft dahinter. Dieser Kultort
scheint die Verbindung der Erd-Wasser-Gewalt zu repräsentieren.
Für "Scylla und Charybdis" hat
sich weitläufig die weiter südlich gelegene Meeresenge von Messina
durchgesetzt.
13. "Helios
heilige Herden auf Thrinakia": Licht- bzw. Sonnenkultplatz bei Lentini (Sizilien) - auch Leontini
(Leon - Löwe, Symboltier des Sonnengottes "Helios")
Im Gegensatz zum Erd-Feuer-Kultort bei den Laistrygonen handelt es sich hier um den Kultort des kosmischen Feuers, was auf eine weitere
Observationsstätte für den Himmelsbereich schließen lässt. Odysseus
bisher übriggebliebene Gefährten begehen hier aber wieder einen
Tabubruch. Sie kommen durch Blitzschlag und Seesturm um. Odysseus
rettet sich mit Mast und Kiel.
Hiermit verbindet man allgemein einen
fruchtbaren Ort in Sizilien, etwa die Ebene von Catania.
- "Wieder zurück zu Scylla und
Charybdis": Nach dem
Tabubruch und dem Totalverlust "treibt der Südwind Odysseus zu
Scylla und Charybdis zurück". Diese Episode birgt wieder viel
Symbolisches. Eigenartigerweise passiert ihm hier nichts mehr - im
Gegenteil: er kann sich "am Feigenbaum retten", wo er von
morgens bis abends ausharrt. Ähnlich der Hilfestellung mit "Äolus
Windsack" ist auch hier eine Hilfestellung symbolisch
angedeutet. Wahrscheinlich rät ihm also diesmal das gnädiger
gestimmte Orakel (als Schlüsselstelle) zu Calypso hin, was in
der homerischen Nacherzählung aber bereits untergegangen sein muß. Das unterstreicht auch den bereits oben
angesprochenen teuren Sibyllischen Rat:
Diese Erfahrung ist für diese Griechen offensichtlich so demütigend,
dass sie verdrängt und verheimlicht wird. Anstelle der wahrlichen Beschreibung über das Orakelwesen kommt
dieses entsprechend diffamierend zum Ausdruck, sodass der
ursprüngliche Sinn der Nachwelt verborgen bleibt.
Interessanterweise wird diese Abschreckungstaktik bis an den heutigen
Tag praktiziert (Beipiel: Kirche->Hexen,
Kirche-Wissenschaft->Esoterik)
und man versperrt sich dadurch weiterhin die wesentlichen Zugänge
dazu.... Odysseus erreicht dann von hier aus alleine auf den Mastbaum
treibend die Insel der Calypso am 10. Tag.
14. Bei der
"Nymphe Calypso auf Ogygia": auf der Insel Gozo
(bei Malta) eine "weite Grotte" an der Südseite der "Insel
in der Mitte des wogenden Meeres". Calypso repräsentiert die
Wassergottheit. Odysseus erholt sich hier. Calypso soll Odysseus sieben
Jahre lang zurückgehalten haben. Wahrscheinlicher aber ist es: Odysseus
zieht sich hier jahrelang freiwillig zurück, da nach der gigantischen
Vulkankatastrophe auf Santorin es sich besser in Gozo
lebt, als in Griechenland. Vielleicht ist eine Überfahrt nach der
Katastrophe jahrelang zu riskant. Als die Nachricht einer Besserung der
Lage in Griechenland eintrifft (in der Odyssee vom Götterboten Hermes
repräsentiert), macht er sich wieder auf den Heimweg.
Auf Gozo kann
tatsächlich eine "Calypso Grotte" besichtigt werden, die aber im
Norden der Insel liegt. Die bekannteste Calypso-Verbindung existiert zur
Insel Peregil bei Gibraltar. Den Namen Ogygia identifiziert man am ehesten mit Malta. Letzte
Rekonstruktionen kommen ebenso auf Malta, ferner einer Insel im Norden
Siziliens.
15. Bei den "Phaiaken in Scheria": Von Calypso aus geht die Seereise vorerst
Richtung Nordost und wird dabei wieder abgetrieben. Odysseus erreicht
schließlich nach 18 Tagen das legendäre Land der Phaiaken:
"... Land wie ein Schild auf dunstigem Meere... fern vom Getriebe der
Menschen." Das entspricht also einem Gebiet weit abseits der damals
üblichen Seefahrtsrouten - ein Land das in einem toten Winkel bekannter
Ländereien gelegen ist. Er strandet dort nach Unwettern am 21. Tag
"an der Mündung eines herrlichen Stromes" ("strömender
Gott" - der Nil wird ebenso bezeichnet) und wird von der
Königstochter Nausikaa in die Stadt begleitet. Scheria ist bereits zu Homers Zeiten eine
legendäre (untergegangene) Stadt. Die Beschreibung deutet auf eine
flache Lagunen-Landschaft ("Schild") hin: Scheria
ist ein bronzezeitliches Venedig (ähnlich der Stadt Troja) an der damaligen
Pomündung gelegen, zwischen der heutigen Stadt Adria und Rovigo - vermutlich bei Villadose.
Interessant ist auch die Namensähnlichkeit zwischen der Urgründung
Scheria und der Nachfolgegründung Atria: gleiche, kurze Lautlänge, gleiche Lautendung
-ria. Die Phaiaken würden demnach den hier einst siedelnden
Venetern entsprechen. Eine antike Gründersage bringt sie ebenso mit der
Zerstörung Trojas in Verbindung. Dementsprechend ist der Fall Troja auch
Gesprächsthema am phaiakischen Königshof.
Für Scheria nimmt
man bisher allgemein die Insel Korfu an - aber wo bleibt hier
beispielsweise der herrliche Strom?
16. Heimkehr nach
"Ithaka": Ein phaiakisches Schiff befördert Odysseus schlafend nach
Hause. Die homerischen Reiseangaben dazu zeigen, dass dem Dichter keine
zuverlässigen Überlieferungen mehr bekannt sind, weder von der Entfernung
noch von der Richtung der Stadtposition Scheria.
Deshalb wohl lässt er Odysseus im Schlafzustand die Seereise machen. Landung
auf der "Heimatinsel" Same (Kephallenia),
seiner zweiten Heimatinsel nach Kreta. Verbergung seiner mitgebrachten
Geschenke in dortiger Grotte.
Homers Odyssee gibt Ithaka als Heimatinsel
des Odysseus an. Odyssee-Rekonstruktionen übernehmen zumeist diese
Ithaka-Zuordnung.
17. "Eumaios
Hof auf dem Korax-Berg": ist ein strategischer Punkt an der Meeresenge
von Antirrion - kurz vor Navpaktos.
In der Odyssee stellt sich "Eumaios Hof auf
dem Korax-Berg" ebenso als strategische
Örtlichkeit dar, als Stützpunkt für Odysseus Palasteroberung.
Homers Odyssee platziert auch Eumaios Hof auf die Insel Ithaka.
18. "Odysseus Palast": gehört eigentlich seiner Frau
"Penelope" und befindet sich in der östlichen Umgebung des
heutigen Navpaktos. Als Odysseus zurückkehrt, ist
seine Frau bereits mit einem anderen liiert. Odysseus tötet deshalb aber
niemanden. Die vielen Freier um Penelope gibt es nicht.
Homers Odyssee platziert auch den Palast auf
die Insel Ithaka. Demnach harrt Odysseus Frau dort die 20 Jahre auf ihren
Mann aus, wohl um die Idealfrau des neuaufkommenden Patriarchats
darzustellen. Und dieser Patriarch Odysseus begeht bei der Rückkehr eine
demonstrative Massenhinrichtung unter den Freiern.
19. Odysseus besucht "seinen
Vater Laertes": sein
Stiefvater "Laertes" lebte auf der Insel Kephallenia
und ist bereits verstorben, als er zurückkehrt und ihn besucht.
Homers Odyssee platziert ihn auf die Insel
Ithaka. Odysseus erreicht ihn dort am Ende noch lebend.
20. Odysseus Grab: befindet sich auf dem griechischen Festland
höchstwahrscheinlich in Sichtweite zu den Ionischen Inseln: Kephallenia-Ithaka.
Das Grab ist aufgrund entscheidender Grabinschriften, Beigaben, ... ein
wesentlicher Bestandteil der Odyssee-Forschung.
3.4 Zur Nachgeschichte
Hinweis: Wie bereits oben eingangs zur Vorgeschichte vermerkt,
soll das hier dargestellte zeitliche Umfeld als kritische Gegendarstellung
zur stark idealisiert dargestellten homerischen Komposition dienen, damit
auch eine realistischere Sichtweise zur Gesamtsituation leichter
vorgestellt werden kann.
- "Odysseus" zieht sich wieder nach Same (Kephallenia) zurück und arbeitet dort an seinen
Lebenserinnerungen (Anknüpfend an das Ende der Odyssee mit
Stiefvaterbezug).
- "Odysseus" stirbt bei einer seiner
weiteren Reisen in der Fremde. Im griech.
Festland wird er begraben. Dieser Umstand und der, dass er in Same
(seiner zweiten Heimat) eher als Fremder und Sonderling gegolten hat,
begünstigen eine seltsame Überlieferungs-Entwicklung, wie folgt:
- Der echte, persönliche Bezug zu
"Odysseus", seinen Überlieferungen und historischen Plätzen
geraten bald in Vergessenheit.
Das wissen die aus Ithaka gut für sich zu nutzen und schöpfen
aus diesem Mythos einen eigenen Kult, in den sie ihre kleine Insel
zentral einbinden. So sind einerseits sämtliche bewusste
Odysseus-Manipulationen einschließlich der
"Lügengeschichten" auf Ithaka zurückzuführen. Sie
vereinnahmen Odysseus ganz für sich und schaffen sich daraus einen
Odysseus-Kult, um ihr Selbstbewusstsein besonders gegenüber der großen
nachbarlichen "Haupt-Insel" (Kephallenia:
Kephali = Haupt) aufzuwerten. Wer
kann am ehesten hinter den Worten: "Ithaka besiegte Troja!"
stecken, als die aus Ithaka selbst, beispielsweise um etwas zu
kompensieren: Itha-ka (Itta
= Niederlage, kaka, kako
= schlecht...)? Andere Ungereimtheiten
an den Heimatstellen der Odyssee-Überlieferung brachten einige
Forscher bereits auf berechtigte Zweifel ob ihrer Originalität. Bisher
wurden keine eindeutigen archäologischen Hinweise gefunden, die diese
entkräften können.
- Zum bereits erwähnten patriotischen Ithaka-Chauvinismus
kommt anderseits noch der patriarchalische Chauvinismus, der die
gesamte Odysseus-Geschichte durchzieht und in Ithaka in der männlich
dominanten Palasteroberung gipfelt. Die vier (patriarchalischen)
Kardinaltugenden, die der ursprünglichen Wirklichkeit sicherlich nicht
entsprachen, werden durch diese Inszenierung auf die Spitze getrieben:
Die Treue und Mäßigung der Ehefrau (Die zuvor matriarchalisch gesinnte
Frau hätte niemals 20 Jahre auf einen Mann gewartet.), der mit
Gerechtigkeit und Stärke auszuübende Machtanspruch des Ehemannes und
Herrschers. Odysseus richtet nach Homer 106 Rivalen zum Teil selbst
hin, die allesamt als Schmarotzer seines Herrschaftskreises
dargestellt werden. Patriarchalischer Grundgedanke: Eine Frau ist
solchen Ungerechtigkeiten ohne männliche Stärke nicht gewachsen.
- Zu Homers Zeit, also einige Jahrhunderte später, ist Ithaka bereits
bestens als kultischer Odysseus-Park etabliert, sowie der mythische
Odysseus als Patriarch und das Patriarchat als Gesellschaftsnorm. Der
gutgläubige Homer fällt auf den Geniestreich herein, was ihm aber
einerseits als dramaturgisch vorteilhafte Reduktion auf die Bühne
Ithaka sehr entgegenkommt. Und anderseits erfüllt Homer
schließlich nur seine Pflicht als patriotischer Staatsdichter seiner
Zeit.
3.5 Zusammenfassung der
verschiedenen Beschreibungssituationen
- Die oben beschriebene Ithaka-Zentrierung dürfte
die bewusst stärksten nachträglichen Änderungen verursacht haben.
Nicht nur die Rückkehr Odysseus wurde zu einem heldenhaften Theaterstück
hochstilisiert, das mit der reellen Situation wenig gemein hat. So
dürften unter anderem wegen des Ithaka-Chauvinismusses
bedeutende Örtlichkeiten aus der nahen und ferneren Umgebung auf die
kleine Insel Ithaka versetzt worden sein.
- Ähnlich ist es den Reiseerlebnissen ergangen,
dort wo der Kontakt mit fremdartigen Völkern und Kulturen sich zu
meisterhaften Heldengeschichten umformen ließ, wurde ordentlich
zugepackt und manipuliert - besonders, wenn es darum ging, die Reste
einer ausgehenden matriarchalischen Kultur im damals ferneren,
kulturell isolierten Westen zu degradieren. Darauf weisen auch
gelegentliche Dissonanzen zwischen vereinzelnd durchsickernden
Realinformationen, die nur über Kontakterfahrungen ermittelt werden
konnten, die im Widerspruch zu den beschriebenen abenteuerlichen
Kontakten stehen (beispielsweise bei den Kyklopen, Laistrygonen).
- Einzig die fernen Reiseörtlichkeiten der
Entdeckungsberichte dürften zwecks späterer Kolonisation großteils
wiedererkennbar erhalten geblieben sein, was der hier durchzuführenden
Ortung entgegenkommt. Verfälschungen wären in diesem Falle nicht
angebracht gewesen. Trotzdem dürften mit zunehmender
Überlieferungszeitspanne manche sachlicheren Hinweise (etwa
Reisezeitenangaben, marginale Ortsbeschreibungen ...) verlorengegangen
oder gekürzt worden sein, subjektivere Erfahrungen
übertriebener/voreingenommener dargestellt worden sein, Wörter oder
Wortbedeutungen missverstanden und entstellt worden sein. Die hierzu
gemachten Feststellungen können nur einen ersten Einblick freilegen.
Nach über 3500 Jahren haben sich auch die geographischen Verhältnisse
verändert. All diese Aspekte sind bei der näheren Ortung und ihrer
Auswertung noch genauer mit einzubeziehen.
- Die Beschreibungen bestimmter Teile und
Örtlichkeiten der Odyssee (z.B. Sirenen, Plankten,
...) lehnen sich an die entsprechenden Teile der Argonautensage an,
die sich so nachträglich angepasst haben und auf die dazu
ursprünglichen Odyssee-Überlieferungen beeinflussend eingewirkt haben
durften.
3.6 Zusammenfassung der
wichtigsten Reiseerfahrungen
- Die Odyssee fällt in die Bronzezeit um ca. 1600
v. Chr. und beschreibt eine frühe Italien-Expedition hauptsächlich
nach dem Küstenverlauf des Neulandes sich orientierend.
- Sie fällt in eine Zeit von hoher vulkanischer und
seismischer Aktivitäten, die in die Thera-Vulkanexplosion
auf Santorin gipfeln.
- Der Süden der Apenninenhalbinsel (heute:
Festlandteil Süditaliens) ist über lange Zeit hinweg von anderen
kulturellen Entwicklungen isoliert gewesen, sodaß
um 1600 v. Chr. noch Reste matriarchalischer Kulturen anzutreffen
sind. Sie werden von den Seefahrern der östlichen Mittelmeerkulturen
als primitiv empfunden.
- In dieser Zeit gelten die landschaftlich markant
gelegenen schamanischen Kultstätten als die wichtigsten Orientierungspunkte,
die bei Bedarf auch als Kontakt- und Ratszentren von fremden
Seefahrern genutzt werden. Diese fernen Kultstätten sind demnach auch
der zentrale Inhalt der ursprünglichen Odyssee-Angaben, die in den
homerischen Nacherzählungen als solche oft nicht mehr wiedererkannt
werden können. Die schamanisch-magische Geisteshaltung wird hier
bereits durch die neu aufkommende klassische Geisteshaltung verdrängt
- entsprechend der zu Homers Zeit einsetzenden Entwicklung und
Umorientierung. Die Begegnungen zwischen diesen Lagern verhalten sich
wie die Begegnungen mit den Fremden in der Odyssee, die zumeist
beidseitig von Vorurteilen, Mißtrauen oder
gar Feindschaft gekennzeichnet sind. Ein konstruktiver Kontakt mit der
Bevölkerung des damaligen Süditaliens scheint solchen Seefahrern noch
weniger möglich zu sein - zu stark sind bereits die kulturellen
Differenzen.
- Im Gegensatz dazu sticht einsam im Nordosten
Italiens an der damaligen Pomündung eine hochkulturelle Stadtgründung
(Scheria) hervor - vergleichbar mit der
Stadt Troja und dem griechischen Kulturniveau. Die Hafenstadt
verbindet den Seehandelsweg zwischen zentraleuropäischen Großraum und
dem südöstlichen Kulturraum (etwa als Knotenpunkt der
Bernsteinstrasse). Später fällt sie jedoch einer großen Überschwemmungskatastrophe
zum Opfer. Zu Homers Zeit können dazu auch keine sicheren
Positionsangaben mehr gemacht werden.
3.7 Das relevante
Literatur-Umfeld der Ortungsarbeit
Die Odyssee versteht sich
auch als eine geographisch-kulturelle Ergänzung zur Argonautensage. Während
die Argonautensage geographisch nach Osten ausgerichtet ist, entspricht die
Odyssee dem dazu nach Westen schauenden Pendant. Mit zunehmender
Überlieferungszeit müssen dann auch bestimmte Inhalte stärker aneinander angepaßt worden sein, bis diese schließlich in der
homerischen Beschreibung festgehalten worden sind. Spätere
Argonautendichtungen (Apollonios von Rhodos
"Argonautica") nahmen ihrerseits wieder
Odyssee-Motive auf und ergänzten sie durch weitere,
um dem inzwischen allgemein gewachsenen geographisch-kulturellen Horizont
wieder zu entsprechen. Umfassendere Kenntnisse dieser und verwandter Werke
(Herkulessage) mit analogen oder gleichen Ortsbezügen und Inhalten
erleichtern das Verständnis ihrer einzelnen Darstellungen. Es ist also
naheliegend, Erfahrungen anderer vorgegebener Zusammenhänge in den
Ortungsarbeiten möglichst parallel einfließen zu lassen. Aus all diesen
Ergebnissen sollte sich ein zusammenhängendes Konzept historisch nachvollziehbarer
Entwicklungen und Beziehungen erkennen lassen (siehe dazu die Atlantis-Rekonstruktionsanalyse).
Bei dieser Projektarbeit wird die
Sekundärliteratur hauptsächlich dann berücksichtigt, wenn sie selbst
Rekonstruktionsanalysen beinhaltet und wo auch ein Vergleich der mehr oder
weniger abweichenden Ergebnisse interessant erscheint. Wie jedoch eingangs
festgestellt, arbeitet die hier angewandte Ortungsmethode weitgehendst
unabhängig von Meinungen und Literaturangaben. Daher ist die sonst übliche,
breitere Verarbeitung von Literaturangaben den dafür vorgesehenen Arbeiten
überlassen und bereits mehrfach berücksichtigt worden.
4. Literatur (Auswahl)
Adams,
N.: Santorin, Köln 1996
Amthauer, Helmut:
Ein Geograph nimmt Homer beim Wort: Die Odyssee war eine Irrfahrt im
Mittelmeer zwischen Griechenland und Nordafrika, Hagenberg-Verlag, Hornburg
Bradford, Ernle: Reisen mit Homer.
Küsten, Inseln und Meere der Odyssee. 1984. 2. Auflage
Gray, Dorothea:
Seewesen. Archaeologia Homerica.
Bd. I, Göttignen 1994
Homer: Odyssee.
Übersetzt von Johann Heinrich Voß. Goldmann
Klassiker. 1984, 3. Auflage
Homer: Odyssee.
Übersetzt von Thassilo von Scheffer. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Leipzig 1938
Luce, J. V.:
Archäologie auf den Spuren Homers, Bergisch Gladbach 1975
Meuli, Karl: Odyssee und Argonautika,
Untersuchungen zur griechischen Sagengeschichte und zum Epos, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1921
Mitteilungen der Österr. geographischen Gesellschaft, Bd. 131, Wien
1989, Beiträge zur Beziehungsanalyse von Mythos und Geographie, Helmut
Riedl, Salzburg
Pellech, Christine: Die Odyssee - eine antike
Weltumsegelung, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1983
Schmidel, Ulrich: Wahrhaftige Historien einer wunderbaren
Schifffahrt, frühe Reisen und Seefahrten, Bd. 1, Akademische Druck- und
Verlagsanstalt, Graz 1962
Steuerwald, Hans:
Weit war sein Weg nach Ithaka: neue Forschungsergebnisse beweisen, Odysseus
kam bis Schottland. 1978
V. Ranke-Graves,
R.: Griechische Mythologie in Rowohlts Enzyklopädie, Hrg.: König, B.:
Hamburg, 1990
Warnecke, H.:
Erdbeben in der Odyssee. Ein historisch-geographischer Beitrag zur
Neuinterpretation des homerischen Epos. In:
Stuttgarter Kolloquium zur historischen Geographie des Altertums 6, 1996:
Naturkatastrophen in der antiken Welt. Eckart Olshausen
und Holger Sonnabend (Hrsg.). Stuttgart: Steiner Verlag. (Geographica Historica. Band 10.). - 1998. - S. 15-29
Wolf, Armin und
Hans-Helmut: Die wirkliche Reise des Odysseus. Zur Rekonstruktion des
Homerischen Weltbildes. 2. Auflage. 1990
Wolf, Armin:
Homer und die Straße von Messina. Plankten, Skylla, Charybdis und die
Reihenfolge der Verse der Odyssee 12, 55-110.
In: Zu Wasser und zu Land. Verkehrswege in der antiken Welt. Stuttgarter
Kolloquium zur historischen Geographie des Altertums 7, 1999. Hrsg., von
Eckart Olshausen und Holger Sonnabend. Stuttgart:
Steiner Verlag. (Geographica Historica. Band
17.). - 2002. - S. 301-322
Winfried Huf,
Bahnhofstraße 14, I-39040 Auer
|