© 2004 Winfried Huf

 

Jochgrimm-Stadt

Rekonstruktionsortung zur vorgeschichtlichen Alpenstadt bei Jochgrimm-Lavazé

Inhaltsübersicht

1. Zur Auffindung und Fundsituation
2. Die Fundposition und das erste Fundspektrum
3. Die Rekonstruktionsortung im Luftbild
4. Die wichtigsten Stadtdaten (Schätzungen)
5. Bedeutung und Fall der alpinen Stadt
6. Zur legendären Überlieferung der Jochgrimm-Stadt
7. Literaturhinweise

1. Zur Auffindung und Fundsituation

Die bislang zurückgehaltenen X-Ortungsergebnisse dieser potentiellen Stadtsiedlung wollte ich erst zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlichen, da sie nicht nur die Ortungsarbeiten der Dietrichepik (Eckenlied) betrafen, sondern auch die einer merkwürdigen Sage über eine Stadt bei Jochgrimm, mit der ich mich noch eingehender beschäftigen wollte. Dann bei einer kürzlich getätigten Exkursion durchs gesamte potentielle Stadt-Areal änderte sich die Situation, als ich im zentraleren Bereich auf einen straßenbaulichen Eingriff traf: Dort wurde vor einiger Zeit (vermutlich bereits vor einigen Jahren) ein Forstweg quer durch ein schützenswertes Hochmoorschild angelegt, anstatt dieses zu umgehen, wie das früher der Fall war. Das Aushubmaterial der Drainagearbeiten lag noch da, die nun meine bisherigen Ortungsergebnisse in Frage stellten. Denn wären diese stimmig, hätten während der Aushubarbeiten innerhalb jener betroffenen Wegstrecke von über 0,5 km bestimmt entsprechende Hinweise zutage kommen müssen, die die Einstellung dieser Arbeiten zur Folge gehabt hätte. Das traf hier aber anscheinend nicht zu. 

Ich machte mich sogleich an den nächstgelegenen Erdhaufen um mich davon näher zu vergewissern. Nach einigen Augenblicken zeigten sich bereits die ersten Kohlestückchen - vielleicht die Reste eines gar nicht so alten Lagerfeuers? Dann hätten sie jedoch nicht auf dem Haufen obenauf zu liegen kommen dürfen, sondern mit dem ersten Aushubmaterial darunter, was sich aber weithin bestätigen mußte. Also ging's zum nächsten Erdhaufen - und wieder Kohlepartikel und Branderde - dann weiter und wieder ... und so fort. Wenig später löste ein eisernes Bruchstück - scheinbar das Kopfende einer gröberen, antiken Nadel - weitere Zweifel. 

An mehreren, umgefallenen Bäumen der Zone, die hier ein Wirbelsturm flachlegte, konnte ich dann noch unterhalb des Wurzelstockes die Brandschicht je nach Lage in einer Tiefe zwischen 15-30 cm ausmachen, dazu angeschwärzte Steine. Eine besonders intensive Steinschwärzung stellte ich an den Bächen dieser Zone fest, was eine Auswaschung der Brandschicht vermuten ließ, die sich mit der Zeit an den Bachsteinen konzentriert festsetzen konnte. Vermutlich rührte von daher auch der alte Name Schwarzenbach. In welchen wechselnden Formen und Lagen die Straßenbauer die verdächtigen Brandschichten vorgefunden haben, ließ sich leider nicht mehr nachvollziehen, da der Straßengrabenbau wieder mit Split aufgefüllt war. Die Straßenbauer könnten sich hier also nicht nur tagelang durch ein Biotop gebaggert haben, sondern auch durch archäologische Schichten jener verschollenen Stadt, ohne dies zu bemerken, weil die antiken Zerstörer die Siedlung derart von auffälligen Fundhinweisen ausgeräumt und ausgelöscht haben, dass an der übriggebliebenen dunklen Brandschicht es vorerst beim Gedanken eines Waldbrandes geblieben sein durfte. Von der alten, rätischen Holzbauweise blieb dabei wenig übrig.

Das würde die Vermutung aus meiner Dietrich-Rekonstruktionsanalyse bestätigen, dass hinter diesen Heldenepen (wie hier dem Eckenlied und dem König Laurin) sich in Wirklichkeit Genozide früher römisch-germanischer Christen gegen andersgläubige Heiden (Räter) befinden könnten, was in solchen Sagen immer als große Heldentat ruhmvoll ausgeschmückt wurde, wie das später auch bei den Kreuzzügen, den Ketzer-, Juden- und Hexenverfolgungen ähnlich praktiziert wurde, dann aber weniger in Form von Sagen, sondern uns bereits oft dokumentarisch erhalten blieb.

Für einen definitiven Nachweis jener vorgeschichtlichen Stadtsiedlung würden noch weitere Untersuchungen ausschlaggebend sein. So könnten die dendrochronologischen (oder/und C-14-) Überprüfungen einer Stichprobe von Holzkohlestücken den näheren zeitlichen Hinweisrahmen erbringen. Bodenradarmessungen und Sondierungsgrabungen an den vermutlich bedeutendsten Zonen der potentiellen Siedlungsfläche (siehe Luftbild) ergänzende Details dazu beleuchten. Die Fläche von ca. 65 ha dürfte hingegen für eine systematische Untergrundforschung zu groß sein. Mit dem Einsatz von Metalldetektoren könnte nach weiteren Streufunden gesucht werden, die bei der Vernichtung liegengeblieben sind. 

August 2004
 

2. Die Fundposition und das erste Fundspektrum

Auf der Anhöhe (1890-2050 m ü.M.) südlich der Straße Lavazé-Jochgrimm gelegen. Siehe dazu die Eckenlied-König-Laurin-Karte oder auch das Luftbild mit der Rekonstruktion wichtigster Umrisse unten.

Funde aus dem Aushub des Forststraßenbaus im zentralen Bereich der Anhöhe (1950-2000 m.ü.M.):

o                                Größere Mengen an Holzkohlestückchen und Branderde - daneben auch rostbraune (erzhaltige?) Erde. 

o                                Angeschwärzte Steine

o                                Gröberes eisernes Bruchstück vermutlich vom Kopfende einer Nadel

o                                Steinhaufen: zwei in diesem Bereich bestehende Haufen von größeren Steinblöcken dürften sich leider nicht mehr in der ursprünglichen Position befinden, sondern teilweise vom Straßenbauunternehmen so zusammengestellt worden sein.

Funde außerhalb des zentralen Bereich der Anhöhe:

o                                Holzkohlestückchen und angeschwärzte Steine auch unterhalb entwurzelter Bäumen gefunden.

o                                Auffällige, kohlschwarze Porphyrsteine in sämtlichen Bächen des Areals, die dadurch zustande kommen konnten, dass die Brandschicht im Laufe der Zeit mit ausgewaschen wurde und ein Teil jenes Rußes sich an den Flusssteinen festsetzte. 

o                                Wallanlage: entlang des eingezeichneten Stadtrandbereichs lassen Spuren Grenzwälle vermuten.

o                                Die eingezeichnete Wegspur kann noch teilweise nachvollzogen werden. Hierzu auf halber Wegstrecke zwischen dem vermuteten Stadtbereich und Jochgrimm liegt ein Bruchstück einer Wegsteinplatte mit Fahrrille.

o                                Ein Porphyrblock mit eingraviertem Tatzenkreuz 16x7 cm ("Templerkreuz")

Der erreichte SP-Wert der hier georteten Jochgrimm-Stadt liegt wahrscheinlich zwischen 9-10. Die bisher archäologische Ortungs-Situation lag zwischen 0-2, oder durchschnittlich bei 1. Das liegt hauptsächlich daran, weil die Archäologen den Sagen-Überlieferungen generell wenig Beachtung schenken - siehe Fall Troja. Auch wenn der Jochgrimm-Stadt nicht diese Bedeutung zukommt, den regionalen Archäologen hätte ihre sagenhafte Überlieferung und ihre Bedeutung für die Geschichtsforschung (5, 6) geläufig sein müssen, schließlich steht das weitere Umfeld seit Jahrzehnten im Blickfeld bedeutender vorgeschichtlicher Funde. Inzwischen ist das Areal leider auch von neueren straßenbaulichen Maßnahmen gestört worden.
 

3. Die Rekonstruktionsortung im Luftbild

Erklärung der Einzeichnungen (teilweise noch auf Schätzungen basierend):

1.      Stadtgrenze teilweise mit Erdwällen: sie schließt den Hauptsiedlungsbereich ein.

2.      Westtor und Weg zum Toten-Kultort (Gräberfeld?), Jochgrimm und weiter ins Etschtal

3.      Südtor und Weg zum südlichen Fruchtbarkeits-Kultort (Pozzi) und ins Fleimstal

4.      Osttor und Weg zum Lavazè Paß, der Nord-Süd-Handelsroute und zu den Erzlagerstätten

5.      Herrschaftsbereich

6.      Zentraler Kultbereich im Zusammenhang der metallurgischen Tätigkeit

7.      Bereich der Erzaufbereitung. Von hier zeigt der Stadtteil in Form eines Fingers Richtung Latemar (nächstgrößter Gebirgsstock), von wo vermutlich der Großteil der Erze herangeschafft wurde.

4. Die wichtigsten Stadtdaten (Schätzungen)

Hinweis: Vor- oder frühgeschichtliche Stadtnennungen im Alpenraum dürften am ehesten einer größeren Hüttensiedlung entsprochen haben. Sie haben also mit dem Stadtbegriff im heutigen Sinne wenig gemein.

Größe der Hauptsiedlungsfläche (Fläche innerhalb der Stadtgrenzlinie): ca. 65 ha
Stadtlänge: ca. 1,9 km
Höhenlage: 1890-2050 m ü.M.
Einwohnerzahl: max. 6000-7000
Hauptsiedlungszeit: Spätbronzezeit bis Spätantike
Zerstörung: um 475 - berücksichtigt im Eckenlied (mhd. Dietrich- und altnord. Thidrek-Sage) 
Im deutschen Götter- und Heldenbuch als "Walrich" erwähnt (siehe am Ende).
 

5. Bedeutung und Fall der alpinen Stadt

Die Lage der alpinen Stadt durfte in zweierlei Hinsicht interessant gewesen sein:

a.                                          einmal als bedeutendes regionales Zentrum für den frühen Bergbau und die Metallverarbeitung,

b.                                          und als bedeutende Station auf der Nord-Südost-Reiseroute (Bernsteinstraße) zu den Zentren der Veneter (Vicenza, Este), nach Atria und weiter nach Griechenland.

Dies erklärt auch die Bedeutung der Station Sublavio (Waidbruck-Kollmann) noch vor dem heute bedeutenderen Klausen und Brixen, weil sich dort einst zwei Hauptrouten trennten, um die Eisackschlucht (ferner die Etschtalsümpfe) zu umgehen:

c.                                          Für den etruskisch-ligurischen Raum führte die heute noch bekannte Route von dort hinauf über den Ritten ins Bozner Becken, von Moritzing ins Überetsch nach Mezzolombardo. Von dort weiter nach Trient, Verona, Bologna ... oder ins Nonstal abzweigend nach Spormaggiore über Molveno ins Judikarien nach Brescia, Cremona, Piacenza, Mailand ...

d.                                          In den Raum der Veneter führte die heute (auch bei Archäologen) unbekannte Route weiter nach Atzwang und von dort hinauf über Unter-Aicha, Gummer nach Birchabruck, Jochgrimm-Lavazé, Cavalese, durchs Cembratal nach Pergine, von Caldonazzo ins Astico Tal nach Vicenza, Padua, Este, Adria, Ravenna, ... (Diese Route war für die Adria-Richtung um ca. 2-3 antike Tagesreisen kürzer, als jene durchs Etschtal, wenn letzteres nicht gerade überschwemmt und kaum passierbar war.)

Exkurs:
Hierzu die nicht namentliche Erwähnung der Station Sublavio in der Dietrichsage (in: "Dietrich und Wittich"/Witege) als Ort einer wichtigen Wegzweigung. In Klammern werden vergleichsweise die Ortsbezeichnungen der altnordischen Thidreksaga (in: "Widgas erste Ausfahrt") angegeben, welche aus einer ursprünglicheren Vorlage stammen dürften:
So ritten sie mitsammen die Straße hin bis dort,
Wo sich die Wege schieden*1; da sprach Hildbrand das Wort:
"Die beiden Wege führen nach Bern in Dietrichs Land,
Der eine lang und lästig*2, der andere kurz und bekannt*3.
Doch auf dem kurzen Wege ist eine Schwierigkeit:
Da ist ein Strom*4 gelegen, der ist wohl also breit,
Daß man auf einer Brücke nur kommt zum anderen Strand.
Eine Burg*5 steht an der Brücke, die Brixen (Briktan)*6 ist genannt.
Dieselbe haben inne zwölf Zöllner grimmesvoll;
...
Da sagte aber Wittich, der Degen jung und keck:
"Nein, sicher will ich ziehen den kürzeren Weg zum Ziel!"
Drauf ritten sie die Straße, die Wittich wollte. Bald
Kamen sie ins Gebirge, das heißt der Lurawald (Lyrawald)*7;
Und draußen vor demselben, da stund das Räubernest.
Als sie die Feste sahen, sprach Wittich kühn und fest:
...

*1Wo sich die Wege schieden: Sublavio (Waidbruck-Kollmann) ist der einzige Ort bei Brixen, wo Verona (Bern) über zwei vernünftige Routen erreicht werden kann.
*2 Der Weg von hier nach Verona über Lavazè ist ein Umweg, indem auch mehrere Höhenmetern zu bewältigen sind und gerechtfertigt sich nur, wenn das Etschtal überschwemmt war oder sonstwie blockiert wurde.
*3 Der kürzeste und bekannteste Weg von hier nach Verona entspricht natürlich dem Hauptweg übers Etschtal.
*4 Strom: die Etsch
*5 Burg: Castrum Pons Drusi. Begründungen: 1. Die nächstbedeutende Station von Sublavio. 2. Die strategische Bedeutung wird sowohl im Namen des Kastells angeführt und steht ebenso an hervorragender Stellung der Dietrichsagen.
*6 Brixen/Briktan: Ungenaue Nennung für Castrum Pons Drusi (Castrum - Festung, Pons - Brücken, Briktan - Brückenfestung) in Verwechslung aus der entfernten Sicht des späteren Mittelalters, wo die erhaltenen Versionen der Dietrichsagen niedergeschrieben wurden - zirka acht Jahrhunderte nach den historischen Ereignissen. Sublavio und Pons Drusi waren im Mittelalter keine geläufigen Ortsbezeichnungen mehr. An ihrer Stelle setzte man einfachhalber Brixen der weithin bedeutendste Ort des mittelalterlichen Tirols. Ungenauigkeiten und un-/bewußte Verwechslungen sind häufig die Art althergebrachter Überlieferungen und Mythenbildungen.
*7 Lurawald (Lyrawald): Vor dem (Montiggler-)Wald stand das Castrum Pons Drusi (Briktan), seitlich dahinter erhebt sich der heute noch so benannte Liraberg - ein weiterer, diesmal namentlich genauerer Hinweis für den dargestellten Ortsbezug.

Als die römerzeitliche Via-Claudia-Augusta durchs Etschtal über den Reschenpaß (1. Jh.) und später eine weitere Strecke durch die Eisackschlucht über den Brenner (2. Jh.) angelegt wurde, verloren jene älteren Bergrouten an Bedeutung. Das dürfte den Rätern beispielsweise im Bereich der Stadt von Jochgrimm-Lavazé missfallen haben. Denn zum einen verdrängten die Römer sie aus den Haupttälern und zum anderen wurde aus ihrem Bergbereich die von alters her gewohnte Reise- und Handelstätigkeit auch zunehmend abgeschnitten. Wenn später noch zusätzlich ausbeuterische Forderungen von den immer dreisteren römischen Machthabern gestellt wurden, so konnte man diese als alles entscheidende, existentielle Herausforderung gesehen haben, in der man alles in die Waagschale wirft, um mit der unerträglichen Situation endlich fertig werden zu können. Sollte man daran letztlich zugrunde gehen, dann wollte man wenigstens möglichst viele dieser Feinde mit in den Tod nehmen. Das konnte die wahre Situation und der wahre Hintergrund des Eckenlieds und des König Laurins darstellen, der später in diesen Dietrichepen verschleiert wurde. Im Eckenlied geht es in erster Linie um die Ehre zweier Helden (historisch hingegen um die existentielle Würde eines Räterstammes), im König Laurin um den Rosengarten (historisch um eine besondere, existentielle Grundlage eines Räterstammes: seinen Bodenschätzen). Der Ausgang einer solchen fundamentalen Konfrontation verspricht nichts Gutes. Der Räterstamm muß der römisch-germanischen Übermacht weichen. Hinter der heldenepisch idealisierten Ausführung des Hochmittelalters lässt sich ein Genozid erahnen, von der auch diese alpine Stadtsiedlung mit hoher Wahrscheinlichkeit betroffen gewesen sein durfte. Eine nähere Untersuchung könnte das Ausmaß jener tatsächlichen Zerstörungswut dokumentieren, die sonst weiterhin verborgen bliebe. 

Nach meiner Eckenlied-Rekonstruktionsanalyse dürfte die Zerstörung dieser Stadt an der Stelle symbolisch eingeleitet worden sein, wo die Frauen Birkhild (Eckes Mutter) und Gudengard bzw. Udelgart (Eckes Schwester) getötet wurden. In diesem Umfeld gehen die Nachdichtungen des Ureckenlieds entscheidend auseinander was auch als Hinweis auf vielleicht absichtlich zerstörte oder veränderte Überlieferungen interpretiert werden könnte, weil die hier überlieferte Wahrheit (Genozid) mit der christlichen Moral nicht mehr übereinstimmen mochte, die hier auf der Seite der christlichen Aggressoren gegen die Heiden auftrat. Die meisten heidnischen Stammeskrieger könnten ihr Leben bereits beim Abwehrkampf im südlichen Grenzgebiet gegen die römisch-christliche Übermacht verloren haben. So dürften - wie angedeutet - sich überwiegend Frauen, Kinder und alte Menschen in dieser Stadtsiedlung aufgehalten haben, die sich ihren Feinden wahrscheinlich auch nicht lebendig ausliefern wollten. Damit dürfte die völlige Auslöschung der Stadt erfolgt sein.

In der Jochgrimm-Stadtsage wird auch nur die halbe Wahrheit übermittelt, wo der Grund der Aufgabe in der zunehmenden Bedeutung der Straße im Etschtal vorgegeben wird. Auch in dieser Aussage läßt man also nur einen Teil der Wahrheit durch, weil ihre volle Wirklichkeit anscheinend ein Tabu verletzt hat, an dass man sich in der Erzählung nicht ständig erinnern wollte. Vielleicht blieb aber letztlich doch etwas von den grimmigen Szenen am Namen dieses Joches hängen, ähnlich wie die Schwärze an den Bachsteinen.
 

6. Zur legendären Überlieferung der Jochgrimm-Stadt 

Die Quintessenz der legendären Überlieferungen mit kommentierten Hinweisen:

Aus den Südtiroler Sagen

Erzählung aus Deutschnofen und Aldein:
Der Sage nach soll Jochgrimm der älteste Berg weit und breit sein.*1
Über dieses Joch führte in uralter Zeit, als die Täler noch unter Wasser standen und das Mittelgebirge teils versumpft war, ein Saumweg ins Wälschland hinunter.*2
Über diesen Weg sind oft Könige und Fürsten mit vielen hundert Rittern auf ihren Reisen gegen Venedig und Rom hier durchgezogen. Dadurch entstand auf Jochgrimm eine große Stadt dem ein Goldbergwerk angehörte. Viele Venediger holten sich daraus Erze.*3
Ein welscher Herr aus Mailand, der auch des Goldes wegen nach Jochgrimm kam, sagte einmal, man werfe hier oben dem Almvieh Steine nach, die wertvoller seien als die schönste Kuh.*4
Die Stadt ging jedoch ein, als die Straße durch das Tal gebaut wurde.*5
Nach einer alten Prophezeihung soll diese Stadt dereinst wiedererstehen, und auch das alte Bergwerk soll nochmals in Betrieb kommen.

Hinweise:
*1 Die nahe Blätterbachschlucht gibt einen tiefen Blick in die Schichten der Erdzeitalter frei. Fossilien und Saurierüberreste wurden gefunden. Die in den deutschen Heldensagen vorkommende Bezeichnung "Drachenfels" dürfte sich auf die entsprechende Westflanke des Weißhorns beziehen.
*2 Unter Wälsche/Welsche verstand man alle von hier südlich gelegenen Völker: Veneter, Etrusker, Römer, romanisierte Germanen (Goten, Langobarden, ...) und heute die Italiener. 
*3 Unter Venediger dürften in erster Linie die Veneter gemeint gewesen sein. Ihr Kulturzentrum lag im heutigen Este (Ateste) von dem sich auch der antike Name der Etsch (Atesis) ableitet. Denkbar ist auch, dass die mittelalterlichen Tiroler keinen Unterschied mehr zwischen den alten Rätern und Venetern machten, die hier bereits vor der Römerzeit enge Handelsbeziehungen pflegten.
*4 Diese sonderbare Bemerkung über einen Herrn aus Mailand könnte sich ursprünglich auf den römischen Feldherrn Orestes bezogen haben, der auch in Mailand (Mediolanum) und Umgebung residierte. Nach meiner bisher erstellten Rekonstruktionstheorie zum Eckenlied und König Laurin war er der befehlende Anstifter jener Eroberungsfeldzüge - Witege musste sie ausführen. Orestes war der Vater des letzten, weströmischen Kaisers Romulus.
*5 Durch die Römerstraßen im Tal lenkte man einen großen Teil des Berg-Verkehrs um. Die Vernichtung der Stadt dürfte jedoch einen kriegerischen Hintergrund haben.

Aus der altnordischen Thidrek-Sage

Thidreks Zug ins Bertangenland*1
"... Danach ritten sie aus dem Wald heraus und sahen einen Berg*2
und oben darauf eine sehr schöne und große Stadt*3.
Nun schlug König Thidrek sein Zelt in einer weiten Ebene*4
vor dem Felsen*5 auf und lagerte sich da."
Anstelle einer Schlacht fordern sich hier die beiden Gegenparteien König Thidrek (Dietrich von Bern) und König Isung (König Laurin) zu ritterlichen Reihenzweikämpfen heraus, bei der Thidreks Heldenreihe gewinnt.

Hinweise:
*1 Bertangenland: Berta-Sagenland - Berta-Reitia (rätische Hauptgottheit) - Rätien. Bisher wird Bertangenland mit Britannien gleichgesetzt, was aber hauptsächlich als Hommage an die bekannte Artussage zu interpretieren ist, die einige Jahrzehnte vor den Dietrichsagen verbreitet und bekannt wurde.
*2 Berg: Schwarzhorn
*3 Stadt: Jochgrimm-Stadt
*4 Ebene: bei Lavazè
*5 Felsen: Rosengarten-Latemar-Gebirgskette

Aus dem deutschen Götter- und Heldenbuch IV.

Nachdem der Berner den Helden Eckenot erschlug folgen hier zwei seltsame Zeilen, ehe es zur Tötung der Frauen Birkhild und Gudengard kommt:
"Es herrschte im Gebirge Walrich, der starke Held;
Dem suchte auszuweichen der Degen auserwählt."

Erklärung:
Aus folgenden Gründen nehme ich an, dass es sich bei Walrich eher um eine starke Stadt gehandelt haben muß, als um einen starken Helden:

1.      Die Bezeichnung Walrich (Wallreich - reich an Wällen) deutet eher auf einen stark befestigten Ort hin, als auf einen starken Helden.

2.      Dieser "Held" Walrich wird hier eigenartigerweise nicht mehr weiter erwähnt. Jedoch ist es in den deutschen Heldensagen meistens üblich auf genannte Helden näher einzugehen, während Städte oder Orte meistens nur (einleitend) erwähnt werden - so wie hier die Bezeichnung Walrich. Daher dürfte Walrich eher einleitend auf die Siedlung von Birkhild und Gudengard hinweisen.

3.      Dietrich versuchte Walrich auszuweichen, wie auch den Kämpfen mit den Frauen, was jedoch nicht gelang. Die Jochgrimm-Stadt (~Walrich) ist sowohl vom Gambis-Tal aus, als auch von Lavazè kommend in Richtung Jochgrimm kaum umgehbar. Nach den verlorenen Schlachten der Räter gegen das röm.-germanische Heer dürfte in dieser Stadt noch das letzte Aufgebot vorwiegend aus rätischen Frauen Stellung bezogen haben, deren Niedermetzelung also unausweichbar war. Die nachfolgend geschlilderte Kampfepisode dürfte darauf symbolisch hinweisen.

4.      Hinter der sehr wahrscheinlichen Änderung von der Stadt zum Helden Walrich könnte auch eine verfälschende "Ehrenrettung" verborgen sein, um das unchristliche und unheldenhafte Genozid zu vertuschen, das hier gegen eine Stadt mit Frauen und Kindern begangen worden ist. 

5.      Die namentliche Berücksichtigung des relativ unbedeutenden Jochgrimm wird erst aufgrund dieser und weiterer bedeutender Hintergründe des Eckenliedes verständlich. Da einem deutschen Lieddichter der Eckenlied-Variante E2 das Jochgrimm dafür zu unbedeutend schien, oder damit (s)eine wichtigere Stadt verbinden wollte, habe er die Stadt Köln dem Jochgrimm vorangestellt. 

7. Literaturhinweise

Das deutsche Götter- und Heldenbuch - IV.
Dietrich und seine Gesellen: 
Walther und Hildegund, Dietrich und Sälde, Virginal, Siegenot, Herbort und Hilde, Jron und Jsolde, Heime, Wittich, Ecke und Fasold, Biterolf und Dietleib, Wildeber und Jlsung, König Jsung 
[1903]. - 363 S.  In Fraktur 

Die Geschichte Thidreks von Bern 
übertr. von Fine Erichsen
Jena : Diederichs, 1942. - 475 S. 
(Thule 22) 

Reggelberg: die Reggelberger Gemeinden Deutschnofen und Aldein zu Füßen von Latemar, Weiß- und Schwarzhorn
Hrsg. Hermann Gallmetzer
Bozen: Athesia, 1978. - 188 S.
(Südtiroler Gebietsführer 15) 

Aus der Geschichte des ehemaligen Gerichtes Deutschnofen 
Text: R. Stocker-Bassi 
Deutschnofen: Redaktionskomitee »Gemeindeblatt«, 1982. - 359 S.

Das Eckenlied 
Das Eckenlied : mittelhochdt./neuhochdt. / Text, Übers. u. Kommentar von Francis B. Brévart 
Stuttgart : Reclam, 1986. - 333 S. 

 

© 2004 Winfried Huf