Jochgrimm-Stadt
Rekonstruktionsortung zur vorgeschichtlichen
Alpenstadt bei Jochgrimm-Lavazé
Inhaltsübersicht
1. Zur
Auffindung und Fundsituation
2. Die Fundposition und das
erste Fundspektrum
3. Die Rekonstruktionsortung im
Luftbild
4. Die wichtigsten Stadtdaten
(Schätzungen)
5. Bedeutung und Fall der
alpinen Stadt
6. Zur legendären Überlieferung
der Jochgrimm-Stadt
7. Literaturhinweise
1. Zur Auffindung und
Fundsituation
Die bislang zurückgehaltenen
X-Ortungsergebnisse dieser
potentiellen Stadtsiedlung wollte ich erst zu einem späteren Zeitpunkt
veröffentlichen, da sie nicht nur die Ortungsarbeiten der Dietrichepik (Eckenlied)
betrafen, sondern auch die einer merkwürdigen Sage über eine Stadt bei
Jochgrimm, mit der ich mich noch eingehender beschäftigen wollte. Dann bei
einer kürzlich getätigten Exkursion durchs gesamte potentielle Stadt-Areal
änderte sich die Situation, als ich im zentraleren Bereich auf einen
straßenbaulichen Eingriff traf: Dort wurde vor einiger Zeit (vermutlich
bereits vor einigen Jahren) ein Forstweg quer durch ein schützenswertes
Hochmoorschild angelegt, anstatt dieses zu umgehen, wie das früher der Fall
war. Das Aushubmaterial der Drainagearbeiten lag noch da, die nun meine
bisherigen Ortungsergebnisse in Frage stellten. Denn wären diese stimmig,
hätten während der Aushubarbeiten innerhalb jener betroffenen Wegstrecke
von über 0,5 km bestimmt entsprechende Hinweise zutage kommen müssen, die
die Einstellung dieser Arbeiten zur Folge gehabt hätte. Das traf hier aber
anscheinend nicht zu.
Ich machte mich sogleich an den
nächstgelegenen Erdhaufen um mich davon näher zu vergewissern. Nach einigen
Augenblicken zeigten sich bereits die ersten Kohlestückchen - vielleicht
die Reste eines gar nicht so alten Lagerfeuers? Dann hätten sie jedoch
nicht auf dem Haufen obenauf zu liegen kommen dürfen, sondern mit dem
ersten Aushubmaterial darunter, was sich aber weithin bestätigen mußte.
Also ging's zum nächsten Erdhaufen - und wieder Kohlepartikel und Branderde
- dann weiter und wieder ... und so fort. Wenig später löste ein eisernes
Bruchstück - scheinbar das Kopfende einer gröberen, antiken Nadel - weitere
Zweifel.
An mehreren, umgefallenen Bäumen der Zone,
die hier ein Wirbelsturm flachlegte, konnte ich dann noch unterhalb des
Wurzelstockes die Brandschicht je nach Lage in einer Tiefe zwischen 15-30
cm ausmachen, dazu angeschwärzte Steine. Eine besonders intensive
Steinschwärzung stellte ich an den Bächen dieser Zone fest, was eine
Auswaschung der Brandschicht vermuten ließ, die sich mit der Zeit an den
Bachsteinen konzentriert festsetzen konnte. Vermutlich rührte von daher
auch der alte Name Schwarzenbach. In welchen wechselnden Formen und Lagen
die Straßenbauer die verdächtigen Brandschichten vorgefunden haben, ließ
sich leider nicht mehr nachvollziehen, da der Straßengrabenbau wieder mit
Split aufgefüllt war. Die Straßenbauer könnten sich hier also nicht nur tagelang
durch ein Biotop gebaggert haben, sondern auch durch archäologische
Schichten jener verschollenen Stadt, ohne dies zu bemerken, weil die
antiken Zerstörer die Siedlung derart von auffälligen Fundhinweisen
ausgeräumt und ausgelöscht haben, dass an der übriggebliebenen dunklen
Brandschicht es vorerst beim Gedanken eines Waldbrandes geblieben sein
durfte. Von der alten, rätischen Holzbauweise blieb dabei wenig übrig.
Das würde die Vermutung aus meiner Dietrich-Rekonstruktionsanalyse
bestätigen, dass hinter diesen Heldenepen (wie hier dem Eckenlied und dem
König Laurin) sich in Wirklichkeit Genozide früher römisch-germanischer
Christen gegen andersgläubige Heiden (Räter) befinden könnten, was in
solchen Sagen immer als große Heldentat ruhmvoll ausgeschmückt wurde, wie
das später auch bei den Kreuzzügen, den Ketzer-, Juden- und
Hexenverfolgungen ähnlich praktiziert wurde, dann aber weniger in Form von
Sagen, sondern uns bereits oft dokumentarisch erhalten blieb.
Für einen definitiven Nachweis jener
vorgeschichtlichen Stadtsiedlung würden noch weitere Untersuchungen
ausschlaggebend sein. So könnten die dendrochronologischen (oder/und C-14-)
Überprüfungen einer Stichprobe von Holzkohlestücken den näheren zeitlichen
Hinweisrahmen erbringen. Bodenradarmessungen und Sondierungsgrabungen an
den vermutlich bedeutendsten Zonen der potentiellen Siedlungsfläche (siehe Luftbild) ergänzende Details dazu beleuchten. Die Fläche von
ca. 65 ha dürfte hingegen für eine systematische Untergrundforschung zu
groß sein. Mit dem Einsatz von Metalldetektoren könnte nach weiteren
Streufunden gesucht werden, die bei der Vernichtung liegengeblieben
sind.
August 2004
2. Die Fundposition und das
erste Fundspektrum
Auf der Anhöhe (1890-2050 m
ü.M.) südlich der Straße Lavazé-Jochgrimm gelegen. Siehe dazu die Eckenlied-König-Laurin-Karte
oder auch das Luftbild mit der Rekonstruktion wichtigster
Umrisse unten.
Funde aus dem Aushub des Forststraßenbaus im
zentralen Bereich der Anhöhe (1950-2000 m.ü.M.):
o
Größere Mengen
an Holzkohlestückchen und Branderde - daneben auch rostbraune (erzhaltige?)
Erde.
o
Angeschwärzte
Steine
o
Gröberes
eisernes Bruchstück vermutlich vom Kopfende einer Nadel
o
Steinhaufen:
zwei in diesem Bereich bestehende Haufen von größeren Steinblöcken dürften
sich leider nicht mehr in der ursprünglichen Position befinden, sondern
teilweise vom Straßenbauunternehmen so zusammengestellt worden sein.
Funde außerhalb des
zentralen Bereich der Anhöhe:
o
Holzkohlestückchen
und angeschwärzte Steine auch unterhalb entwurzelter Bäumen gefunden.
o
Auffällige,
kohlschwarze Porphyrsteine in sämtlichen Bächen des Areals, die dadurch
zustande kommen konnten, dass die Brandschicht im Laufe der Zeit mit
ausgewaschen wurde und ein Teil jenes Rußes sich an den Flusssteinen
festsetzte.
o
Wallanlage:
entlang des eingezeichneten Stadtrandbereichs lassen Spuren Grenzwälle
vermuten.
o
Die
eingezeichnete Wegspur kann noch teilweise nachvollzogen werden. Hierzu auf
halber Wegstrecke zwischen dem vermuteten Stadtbereich und Jochgrimm liegt
ein Bruchstück einer Wegsteinplatte mit Fahrrille.
o
Ein Porphyrblock
mit eingraviertem Tatzenkreuz 16x7 cm ("Templerkreuz")
Der erreichte SP-Wert der hier georteten
Jochgrimm-Stadt liegt wahrscheinlich zwischen 9-10. Die bisher
archäologische Ortungs-Situation lag zwischen 0-2, oder durchschnittlich
bei 1. Das liegt hauptsächlich daran, weil die Archäologen den
Sagen-Überlieferungen generell wenig Beachtung schenken - siehe Fall Troja.
Auch wenn der Jochgrimm-Stadt nicht diese Bedeutung zukommt, den regionalen
Archäologen hätte ihre sagenhafte Überlieferung und ihre Bedeutung für
die Geschichtsforschung (5, 6)
geläufig sein müssen, schließlich steht das weitere Umfeld seit Jahrzehnten
im Blickfeld bedeutender vorgeschichtlicher Funde. Inzwischen ist das Areal
leider auch von neueren straßenbaulichen Maßnahmen gestört worden.
3. Die Rekonstruktionsortung
im Luftbild
Erklärung der Einzeichnungen
(teilweise noch auf Schätzungen basierend):
1. Stadtgrenze teilweise mit Erdwällen: sie schließt den
Hauptsiedlungsbereich ein.
2. Westtor und Weg zum Toten-Kultort (Gräberfeld?),
Jochgrimm und weiter ins Etschtal
3. Südtor und Weg zum südlichen Fruchtbarkeits-Kultort
(Pozzi) und ins Fleimstal
4. Osttor und Weg zum Lavazè Paß, der Nord-Süd-Handelsroute
und zu den Erzlagerstätten
5. Herrschaftsbereich
6. Zentraler Kultbereich im Zusammenhang der
metallurgischen Tätigkeit
7. Bereich der Erzaufbereitung. Von hier zeigt der
Stadtteil in Form eines Fingers Richtung Latemar (nächstgrößter Gebirgsstock),
von wo vermutlich der Großteil der Erze herangeschafft wurde.

4. Die wichtigsten Stadtdaten
(Schätzungen)
Hinweis: Vor- oder
frühgeschichtliche Stadtnennungen im Alpenraum dürften am ehesten einer
größeren Hüttensiedlung entsprochen haben. Sie haben also mit dem
Stadtbegriff im heutigen Sinne wenig gemein.
Größe der
Hauptsiedlungsfläche (Fläche innerhalb der Stadtgrenzlinie): ca. 65 ha
Stadtlänge: ca. 1,9 km
Höhenlage: 1890-2050 m ü.M.
Einwohnerzahl: max. 6000-7000
Hauptsiedlungszeit: Spätbronzezeit bis
Spätantike
Zerstörung: um 475 - berücksichtigt im
Eckenlied (mhd. Dietrich- und altnord. Thidrek-Sage)
Im deutschen Götter- und Heldenbuch als
"Walrich" erwähnt (siehe am Ende).
5. Bedeutung und Fall der
alpinen Stadt
Die Lage der alpinen Stadt
durfte in zweierlei Hinsicht interessant gewesen sein:
a.
einmal als bedeutendes
regionales Zentrum für den frühen Bergbau und die Metallverarbeitung,
b.
und als bedeutende
Station auf der Nord-Südost-Reiseroute (Bernsteinstraße) zu den Zentren der
Veneter (Vicenza, Este), nach Atria und weiter nach Griechenland.
Dies erklärt auch die
Bedeutung der Station Sublavio (Waidbruck-Kollmann) noch vor dem heute
bedeutenderen Klausen und Brixen, weil sich dort einst zwei Hauptrouten
trennten, um die Eisackschlucht (ferner die Etschtalsümpfe) zu umgehen:
c.
Für den
etruskisch-ligurischen Raum führte die heute noch bekannte Route von dort
hinauf über den Ritten ins Bozner Becken, von Moritzing ins Überetsch nach
Mezzolombardo. Von dort weiter nach Trient, Verona, Bologna ... oder ins
Nonstal abzweigend nach Spormaggiore über Molveno ins Judikarien nach
Brescia, Cremona, Piacenza, Mailand ...
d.
In den Raum der Veneter
führte die heute (auch bei Archäologen) unbekannte Route weiter nach
Atzwang und von dort hinauf über Unter-Aicha, Gummer nach Birchabruck,
Jochgrimm-Lavazé, Cavalese, durchs Cembratal nach Pergine, von Caldonazzo
ins Astico Tal nach Vicenza, Padua, Este, Adria, Ravenna, ... (Diese Route
war für die Adria-Richtung um ca. 2-3 antike Tagesreisen kürzer, als jene
durchs Etschtal, wenn letzteres nicht gerade überschwemmt und kaum
passierbar war.)
Exkurs:
Hierzu die nicht namentliche Erwähnung der
Station Sublavio in der Dietrichsage (in: "Dietrich und
Wittich"/Witege) als Ort einer wichtigen Wegzweigung. In Klammern
werden vergleichsweise die Ortsbezeichnungen der altnordischen Thidreksaga
(in: "Widgas erste Ausfahrt") angegeben, welche aus einer
ursprünglicheren Vorlage stammen dürften:
So ritten sie mitsammen die Straße hin bis dort,
Wo sich die Wege schieden*1; da sprach Hildbrand das Wort:
"Die beiden Wege führen nach Bern in Dietrichs Land,
Der eine lang und lästig*2, der andere kurz und bekannt*3.
Doch auf dem kurzen Wege ist eine Schwierigkeit:
Da ist ein Strom*4 gelegen, der ist wohl also breit,
Daß man auf einer Brücke nur kommt zum anderen Strand.
Eine Burg*5 steht an der Brücke, die Brixen (Briktan)*6 ist genannt.
Dieselbe haben inne zwölf Zöllner grimmesvoll;
...
Da sagte aber Wittich, der Degen jung und keck:
"Nein, sicher will ich ziehen den kürzeren Weg zum Ziel!"
Drauf ritten sie die Straße, die Wittich wollte. Bald
Kamen sie ins Gebirge, das heißt der Lurawald (Lyrawald)*7;
Und draußen vor demselben, da stund das Räubernest.
Als sie die Feste sahen, sprach Wittich kühn und fest:
...
*1Wo sich die Wege schieden: Sublavio
(Waidbruck-Kollmann) ist der einzige Ort bei Brixen, wo Verona (Bern) über
zwei vernünftige Routen erreicht werden kann.
*2 Der Weg von hier nach Verona über Lavazè ist
ein Umweg, indem auch mehrere Höhenmetern zu bewältigen sind und
gerechtfertigt sich nur, wenn das Etschtal überschwemmt war oder sonstwie
blockiert wurde.
*3 Der kürzeste und bekannteste Weg von hier
nach Verona entspricht natürlich dem Hauptweg übers Etschtal.
*4 Strom: die Etsch
*5 Burg: Castrum Pons Drusi. Begründungen: 1.
Die nächstbedeutende Station von Sublavio. 2. Die strategische Bedeutung
wird sowohl im Namen des Kastells angeführt und steht ebenso an
hervorragender Stellung der Dietrichsagen.
*6 Brixen/Briktan: Ungenaue Nennung für Castrum
Pons Drusi (Castrum - Festung, Pons - Brücken, Briktan - Brückenfestung) in
Verwechslung aus der entfernten Sicht des späteren Mittelalters, wo die
erhaltenen Versionen der Dietrichsagen niedergeschrieben wurden - zirka
acht Jahrhunderte nach den historischen Ereignissen. Sublavio und Pons
Drusi waren im Mittelalter keine geläufigen Ortsbezeichnungen mehr. An
ihrer Stelle setzte man einfachhalber Brixen der weithin bedeutendste Ort
des mittelalterlichen Tirols. Ungenauigkeiten und un-/bewußte
Verwechslungen sind häufig die Art althergebrachter Überlieferungen und
Mythenbildungen.
*7 Lurawald (Lyrawald): Vor dem
(Montiggler-)Wald stand das Castrum Pons Drusi (Briktan), seitlich dahinter
erhebt sich der heute noch so benannte Liraberg - ein weiterer, diesmal
namentlich genauerer Hinweis für den dargestellten Ortsbezug.
Als die römerzeitliche Via-Claudia-Augusta
durchs Etschtal über den Reschenpaß (1. Jh.) und später eine weitere
Strecke durch die Eisackschlucht über den Brenner (2. Jh.) angelegt wurde,
verloren jene älteren Bergrouten an Bedeutung. Das dürfte den Rätern
beispielsweise im Bereich der Stadt von Jochgrimm-Lavazé missfallen haben.
Denn zum einen verdrängten die Römer sie aus den Haupttälern und zum
anderen wurde aus ihrem Bergbereich die von alters her gewohnte Reise- und
Handelstätigkeit auch zunehmend abgeschnitten. Wenn später noch zusätzlich
ausbeuterische Forderungen von den immer dreisteren römischen Machthabern
gestellt wurden, so konnte man diese als alles entscheidende, existentielle
Herausforderung gesehen haben, in der man alles in die Waagschale wirft, um
mit der unerträglichen Situation endlich fertig werden zu können. Sollte
man daran letztlich zugrunde gehen, dann wollte man wenigstens möglichst
viele dieser Feinde mit in den Tod nehmen. Das konnte die wahre Situation
und der wahre Hintergrund des Eckenlieds und des König Laurins darstellen,
der später in diesen Dietrichepen verschleiert wurde. Im Eckenlied geht es
in erster Linie um die Ehre zweier Helden (historisch hingegen um die
existentielle Würde eines Räterstammes), im König Laurin um den Rosengarten
(historisch um eine besondere, existentielle Grundlage eines Räterstammes:
seinen Bodenschätzen). Der Ausgang einer solchen fundamentalen
Konfrontation verspricht nichts Gutes. Der Räterstamm muß der
römisch-germanischen Übermacht weichen. Hinter der heldenepisch idealisierten
Ausführung des Hochmittelalters lässt sich ein Genozid erahnen, von der
auch diese alpine Stadtsiedlung mit hoher Wahrscheinlichkeit betroffen
gewesen sein durfte. Eine nähere Untersuchung könnte das Ausmaß jener
tatsächlichen Zerstörungswut dokumentieren, die sonst weiterhin verborgen
bliebe.
Nach meiner Eckenlied-Rekonstruktionsanalyse
dürfte die Zerstörung dieser Stadt an der Stelle symbolisch eingeleitet
worden sein, wo die Frauen Birkhild (Eckes Mutter) und Gudengard bzw.
Udelgart (Eckes Schwester) getötet wurden. In diesem Umfeld gehen die
Nachdichtungen des Ureckenlieds entscheidend auseinander was auch als
Hinweis auf vielleicht absichtlich zerstörte oder veränderte
Überlieferungen interpretiert werden könnte, weil die hier überlieferte
Wahrheit (Genozid) mit der christlichen Moral nicht mehr übereinstimmen
mochte, die hier auf der Seite der christlichen Aggressoren gegen die
Heiden auftrat. Die meisten heidnischen Stammeskrieger könnten ihr Leben
bereits beim Abwehrkampf im südlichen Grenzgebiet gegen die
römisch-christliche Übermacht verloren haben. So dürften - wie angedeutet -
sich überwiegend Frauen, Kinder und alte Menschen in dieser Stadtsiedlung
aufgehalten haben, die sich ihren Feinden wahrscheinlich auch nicht
lebendig ausliefern wollten. Damit dürfte die völlige Auslöschung der Stadt
erfolgt sein.
In der Jochgrimm-Stadtsage wird auch nur die
halbe Wahrheit übermittelt, wo der Grund der Aufgabe in der zunehmenden
Bedeutung der Straße im Etschtal vorgegeben wird. Auch in dieser Aussage
läßt man also nur einen Teil der Wahrheit durch, weil ihre volle
Wirklichkeit anscheinend ein Tabu verletzt hat, an dass man sich in der
Erzählung nicht ständig erinnern wollte. Vielleicht blieb aber letztlich
doch etwas von den grimmigen Szenen am Namen dieses Joches hängen, ähnlich
wie die Schwärze an den Bachsteinen.
6. Zur legendären
Überlieferung der Jochgrimm-Stadt
Die Quintessenz der
legendären Überlieferungen mit kommentierten Hinweisen:
Aus den Südtiroler Sagen
Erzählung aus Deutschnofen und Aldein:
Der Sage nach soll Jochgrimm der älteste Berg weit und breit sein.*1
Über dieses Joch führte in uralter Zeit, als die Täler noch unter Wasser
standen und das Mittelgebirge teils versumpft war, ein Saumweg ins
Wälschland hinunter.*2
Über diesen Weg sind oft Könige und Fürsten mit vielen hundert Rittern auf
ihren Reisen gegen Venedig und Rom hier durchgezogen. Dadurch entstand auf
Jochgrimm eine große Stadt dem ein Goldbergwerk angehörte. Viele Venediger
holten sich daraus Erze.*3
Ein welscher Herr aus Mailand, der auch des Goldes wegen nach Jochgrimm
kam, sagte einmal, man werfe hier oben dem Almvieh Steine nach, die
wertvoller seien als die schönste Kuh.*4
Die Stadt ging jedoch ein, als die Straße durch das Tal gebaut wurde.*5
Nach einer alten Prophezeihung soll diese Stadt dereinst wiedererstehen,
und auch das alte Bergwerk soll nochmals in Betrieb kommen.
Hinweise:
*1 Die nahe Blätterbachschlucht gibt einen
tiefen Blick in die Schichten der Erdzeitalter frei. Fossilien und
Saurierüberreste wurden gefunden. Die in den deutschen Heldensagen
vorkommende Bezeichnung "Drachenfels" dürfte sich auf die
entsprechende Westflanke des Weißhorns beziehen.
*2 Unter Wälsche/Welsche verstand man alle von
hier südlich gelegenen Völker: Veneter, Etrusker, Römer, romanisierte
Germanen (Goten, Langobarden, ...) und heute die Italiener.
*3 Unter Venediger dürften in erster Linie die
Veneter gemeint gewesen sein. Ihr Kulturzentrum lag im heutigen Este
(Ateste) von dem sich auch der antike Name der Etsch (Atesis) ableitet.
Denkbar ist auch, dass die mittelalterlichen Tiroler keinen Unterschied
mehr zwischen den alten Rätern und Venetern machten, die hier bereits vor
der Römerzeit enge Handelsbeziehungen pflegten.
*4 Diese sonderbare Bemerkung über einen Herrn
aus Mailand könnte sich ursprünglich auf den römischen Feldherrn Orestes
bezogen haben, der auch in Mailand (Mediolanum) und Umgebung residierte.
Nach meiner bisher erstellten Rekonstruktionstheorie zum Eckenlied und
König Laurin war er der befehlende Anstifter jener Eroberungsfeldzüge -
Witege musste sie ausführen. Orestes war der Vater des letzten,
weströmischen Kaisers Romulus.
*5 Durch die Römerstraßen im Tal lenkte man
einen großen Teil des Berg-Verkehrs um. Die Vernichtung der Stadt dürfte
jedoch einen kriegerischen Hintergrund haben.
Aus der altnordischen Thidrek-Sage
Thidreks Zug ins Bertangenland*1
"... Danach ritten sie aus dem Wald heraus und sahen einen Berg*2
und oben darauf eine sehr schöne und große Stadt*3.
Nun schlug König Thidrek sein Zelt in einer weiten Ebene*4
vor dem Felsen*5 auf und lagerte sich da."
Anstelle einer Schlacht fordern sich hier die
beiden Gegenparteien König Thidrek (Dietrich von Bern) und König Isung
(König Laurin) zu ritterlichen Reihenzweikämpfen heraus, bei der Thidreks
Heldenreihe gewinnt.
Hinweise:
*1 Bertangenland: Berta-Sagenland -
Berta-Reitia (rätische Hauptgottheit) - Rätien. Bisher wird Bertangenland
mit Britannien gleichgesetzt, was aber hauptsächlich als Hommage an die
bekannte Artussage zu interpretieren ist, die einige Jahrzehnte vor den
Dietrichsagen verbreitet und bekannt wurde.
*2 Berg: Schwarzhorn
*3 Stadt: Jochgrimm-Stadt
*4 Ebene: bei Lavazè
*5 Felsen: Rosengarten-Latemar-Gebirgskette
Aus dem deutschen Götter- und
Heldenbuch IV.
Nachdem der Berner den Helden Eckenot
erschlug folgen hier zwei seltsame Zeilen, ehe es zur Tötung der Frauen
Birkhild und Gudengard kommt:
"Es herrschte im Gebirge Walrich, der starke Held;
Dem suchte auszuweichen der Degen auserwählt."
Erklärung:
Aus folgenden Gründen nehme ich an, dass es
sich bei Walrich eher um eine starke Stadt gehandelt haben
muß, als um einen starken Helden:
1. Die Bezeichnung Walrich (Wallreich -
reich an Wällen) deutet eher auf einen stark befestigten Ort hin, als auf
einen starken Helden.
2. Dieser "Held" Walrich wird
hier eigenartigerweise nicht mehr weiter erwähnt. Jedoch ist es in den
deutschen Heldensagen meistens üblich auf genannte Helden näher einzugehen,
während Städte oder Orte meistens nur (einleitend) erwähnt werden - so wie
hier die Bezeichnung Walrich. Daher dürfte Walrich eher einleitend
auf die Siedlung von Birkhild und Gudengard hinweisen.
3. Dietrich versuchte Walrich
auszuweichen, wie auch den Kämpfen mit den Frauen, was jedoch nicht gelang.
Die Jochgrimm-Stadt (~Walrich) ist sowohl vom Gambis-Tal aus, als
auch von Lavazè kommend in Richtung Jochgrimm kaum umgehbar. Nach den
verlorenen Schlachten der Räter gegen das röm.-germanische Heer dürfte in
dieser Stadt noch das letzte Aufgebot vorwiegend aus rätischen Frauen
Stellung bezogen haben, deren Niedermetzelung also unausweichbar war. Die
nachfolgend geschlilderte Kampfepisode dürfte darauf symbolisch hinweisen.
4. Hinter der sehr wahrscheinlichen Änderung von der
Stadt zum Helden Walrich könnte auch eine verfälschende
"Ehrenrettung" verborgen sein, um das unchristliche und
unheldenhafte Genozid zu vertuschen, das hier gegen eine Stadt mit Frauen
und Kindern begangen worden ist.
5. Die namentliche Berücksichtigung des relativ
unbedeutenden Jochgrimm wird erst aufgrund dieser und weiterer bedeutender
Hintergründe des Eckenliedes verständlich. Da einem deutschen Lieddichter
der Eckenlied-Variante E2 das Jochgrimm dafür zu unbedeutend schien, oder
damit (s)eine wichtigere Stadt verbinden wollte, habe er die Stadt Köln dem
Jochgrimm vorangestellt.
7. Literaturhinweise
Das deutsche Götter- und
Heldenbuch - IV.
Dietrich und seine Gesellen:
Walther und Hildegund, Dietrich und Sälde,
Virginal, Siegenot, Herbort und Hilde, Jron und Jsolde, Heime, Wittich,
Ecke und Fasold, Biterolf und Dietleib, Wildeber und Jlsung, König
Jsung
[1903]. - 363 S. In Fraktur
Die Geschichte Thidreks von Bern
übertr. von Fine Erichsen
Jena : Diederichs, 1942. - 475 S.
(Thule 22)
Reggelberg: die Reggelberger Gemeinden
Deutschnofen und Aldein zu Füßen von Latemar, Weiß- und Schwarzhorn
Hrsg. Hermann Gallmetzer
Bozen: Athesia, 1978. - 188 S.
(Südtiroler Gebietsführer 15)
Aus der Geschichte des ehemaligen Gerichtes
Deutschnofen
Text: R. Stocker-Bassi
Deutschnofen: Redaktionskomitee
»Gemeindeblatt«, 1982. - 359 S.
Das Eckenlied
Das Eckenlied : mittelhochdt./neuhochdt. /
Text, Übers. u. Kommentar von Francis B. Brévart
Stuttgart : Reclam, 1986. - 333 S.
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