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© 2004-5 Winfried Huf,
Italy. Alle Rechte vorbehalten.
Der
Fall Endidae
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Aus einem
interdisziplinären Ortungs- und Rekonstruktionsversuch um die
verschollene Römerstation Endidae
Endidae steht am Anfang einer längeren
antiken Ortsgeschichte. Der Name, vermutlich aus vorrömischer Zeit,
erscheint erstmals auf einem römischen Straßenverzeichnis (Itinerarium
Antonini, 2.-3. Jahrhundert n. Chr.) im Zusammenhang einer römischen
Straßenstation der Via Claudia Augusta. Die Position wird mit 24
römischen Meilen (1 römische Meile: 1478 m; = 35,5 km) nördlich der Stadt
Tridentum (Trient) angegeben, was auf das Gebiet zwischen Auer und
Neumarkt oder etwas genauer zwischen Castelfeder und der Fraktion Vill
hinkommen würde.
Die prägnante Burgruine des weithin
bekannten Castelfeder, galt für längere Zeit als die wahrscheinlichste
Anlage dafür, bis die Befunde jener baulichen Überreste sie nicht weiter
als in die spätantik-frühmittelalterliche Epoche zurückdatieren ließen.
Gegen Ende des letzten Jahrhunderts glaubten dann Archäologen bei
Straßenbauarbeiten in Neumarkt (Kahn) eine bessere Alternative für diese
römische Station gefunden und ausgegraben zu haben, die jedoch außerhalb
Vill und streng genommen außerhalb jenes 35,5 km langen Streckenabstands
- dem potentiellen Endidae-Ziel - liegen würde. Schließlich wurde jener
römische Gebäudefund dort trotzdem im Sommer 2004 amtlich als Endidae
ausgestellt.
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Übersichtsbild der
Rekonstruktionsortung
aus drei Luftbildauschnitten versetzt
angebracht.
Dabei werden hier die wichtigsten
Strukturen
vom 1.-8. Jahrhundert berücksichtigt.
Luftbilder von Terraitaly (Parma) über das
Amt für Raumordnung Prov. Bozen.
Schematische Einzeichnungen von W. Huf


Castelfederbild
Ausschnitt eines Fotos aus "Montan"
Band I -
Schematische Einzeichnung zu Hauptlager C1-C2

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Zu detaillierteren
Darstellungserklärungen ...
Wenn aber den Meßkünsten der Römer mehr zu
trauen ist, so hätte sich Endidae im Gebiet zwischen Vill und Castelfeder
befinden müssen. Dafür sprechen auch mehrere weitere Gründe, von denen
hier nur auf einige kurz eingegangen werden kann:
- Auswahl toponomisch-etymologischer Bezüge
zu Endidae gemäß der Abbildung:
- Endiao
(griech.-buk.): "unter freiem Himmel wohnen bzw. weiden
lassen" trifft auf das Gebiet noch heute zu, aber ganz
besonders für die antike Epoche und im Zusammenhang eines römischen
Lagerlebens. - Vor den römischen Einflüssen stand das Land
verstärkter unter griechischen Kultureinflüssen.
- Endidae/Endide kann noch aus dem
Südtirolerischen "Entn" für drüben abgeleitet
werden, und steht bedeutungsgleich zum Griechischen Enta/Entade,
was an dem antiken Ortsnamen noch näher herankommt und die
topographische Situation beschreibt - etwa: Drüben, der
Überschwemmungsgefahr entzogen (Abbildung: alter Flußverlauf
hellblau eingezeichnet), trocken. Drüber gehen können auf die
jeweils andere Ortsseite zwischen Auer und Neumarkt …
- Es existiert eine alte ursprünglich
mündliche Überlieferung, die eine Beziehung zwischen Entiklar
und Endidae als uralte Grenzpunkte zwischen den Talseiten
festmacht, zwischen denen einst auch die Etsch als natürliche und
schiffbare Grenzlinie verlaufen sein mußte. Dabei wird aber das
benachbarte Pinzon mit der deutschen Interpretation - Binds
on! - übertragen, anstelle des hier älteren Endidae mit
demselben griechischen Synonym Endeo für Anbinden oder
Anknüpfen. Eine ähnliche frühmittelalterliche
Grenzmarkierung/Teilung wiederholt sich hier bestätigend weiter
südlich zwischen Mezzolombardo (langobardisch-romanischer Teil) und
Mezzocorona/Teutschmetz (bajuwarisch-deutscher Teil) durch die
Grenzpunkte Entichiar und Montereale (Königsberg).
- Die Haupttrasse der Via Claudia Augusta
führte höchstwahrscheinlich mitten durch das Gebiet, das sich hier
auf Endidae bezieht. Während die Castelfeder-Anlage eher abseits der
möglichen VCA-Trassen liegen würde, hätten die Römer mit dem hier
vermuteten Castrum Endidae den bedeutenden Nord-Süd-Verkehr jenes
VCA-Trassenumfelds und den Eingang in die Dolomiten bestens
kontrollieren können.
- Versetzen wir uns in die Zeit kriegerischer
Völkerwanderung zurück: Wäre eine kleine ungesicherte Raststation
(Neumarkt, Kahn), die einer Zenturie kaum Platz und Schutz bieten
konnte, wichtig genug gewesen, um auf einem Straßenverzeichnis im
fernen Rom ausgestellt zu werden? Eine größere Straßenstation
hingegen hätte an dieser stark frequentierten Heeresstraße jenen für
Rom gewichtigeren Truppenverbänden die nötigen Rast-, Versorgungs-
und Schutzmöglichkeiten bieten können.
- Dazu passt eine Überlieferung (aus den Analen
des Kloster Säben) nach der in dieser Gegend auch Kaiser
Gratianus persönlich 379 n. Chr. Gesetze erlassen haben soll.
Dabei fällt die seltsame (keltoromanische) Ortsbezeichnung Bauxare,
was auf ansässige Bauern hinweisen könnte, die der Kaiser als
Pächter verpflichtet haben konnte, so wichtige Einrichtungen wie ein
Legionslager mit überlebenswichtigen Bau- und Lebensmittel zu
versorgen. In karolingischer Zeit wurde diese Abhängigkeit in Lehen
umgewandelt. Noch heute erinnert hier ein so genannter Lehenweg
daran, der markant, quer durch das betroffene Areal verläuft und
teilweise der VCA-Trasse entsprechen muß.
- Dieses Castrum könnte in dieser letzten
Bauphase auch Castra Vetera bezeichnet worden sein, in
Anlehnung an das gleichnamige, bisher größte Castrum im nördlichen
Xanten, das zuvor aufgelassen wurde. In dieser Zeit großer
Germaneneinfälle und römischer Rückzüge könnten Veteranen-Einheiten
(v.a. um Castrum Novaesium-Vetera) hierher in den Süden verlegt
worden sein, um die römischen Städte Italiens vor noch tiefer
eindringenden Volksstämmen bereits hier im Vorfeld schützen zu
können. Die Hauptgrundmaße der hier vorgeorteten, großen
Festungsanlage würde mit jenen der in Xanten vorliegenden
entsprechen. Dazu passe ebenso die weitere Namensübertragung auf ein
bis heute übrig gebliebenes Nebenlager (Castel vetere -
Castelfeder).
- Diese große Festungsanlage könnte
einmal deshalb unbekannt geblieben sein, weil seine Ausbauzeit in
die späte Römerzeit gefallen ist, wo es nur mehr darum ging, das
römische Imperium auch weiter hinter den Fronten vor dem drohenden
Zerfall zu retten. Derartige strategisch bedeutende Anlagen im
Hinterland dürften nicht alle veröffentlicht worden sein. Der Bau
und die Funktion der bekannten Vorgänger an den wichtigen
Grenzwällen von Rhein und Donau standen jedoch noch im Schein des
römischen Expansionsdrangs.
- Wer das große Areal (ca. 60 ha) der alten
Festung (Schematische Einzeichnung C3) aufmerksam begeht, kann darin
noch alte, künstliche Felsdurchbrüche, mehrere Wegetrassen,
spezielle Geländeformationen, Fundamente und eine Unzahl alter
Mörtelsteine ausmachen, die von einer größeren und älteren
Baustruktur stammen müssten, als jener noch sichtbaren Ruine von
Castelfeder. Nur kann hier deshalb kaum mehr etwas darüber bekannt
sein, weil nach der karolingischen Eroberung die wichtigsten Bauten
demontiert wurden, um hier u.a. eine künftige militärische Dominanz
auszuschließen. Ähnlich erging es den nächsten ebenso heute
verschollenen Castra der Via Claudia: Pons Drusi und Maiense. Nach
dem Schleifen dieser Festungen haben sich die Bauern und Lehnsherren
(die neuen "Stammesväter" des Mittelalters), dieser
Flächen wieder bemächtigt und restliche Spuren beseitigt, wie in
diesem Fall ersichtlich ist.
- Abschließend noch einige Hinweise des bayrischen
Forschers Vinzenz von Pallhausen, der hier in napoleonischer
Zeit durchreiste: "Nun kommen wir gleich außer Neumarkt auf
die Römerstation Endide, jetzt ein Dorf Ennye, auch Enn
genannt... Gleich neben Endide liegt die uralte Felsenburg
castellum foederis (Anm.: Castelfeder) in Ruinen, wo ich oben
erzählt habe…"
Dabei erwähnt Vinzenz von
Pallhausen, dass hier ein Opferbild des Bacchus ausgegraben und nach
Innsbruck gebracht wurde. Derart eigenartige Funde durften früher
besonders die Bauern beim Pflügen und Graben häufiger gemacht haben, was
auch zu den zahlreichen Schatzlegenden von Castelfeder anregte.
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Kurzübersicht zur vermutlichen
Entwicklung von Castrum Endidae-Vetera
Marschlagerplatz im 1. Jahrhundert
Standlagerentwicklung (C1-C2 vorwiegend
versorgendes Feldlager):
C1 Castellum, Anfang des 2. Jahrhundert - 5-6 ha
C2 Castrum (Legionsfeldlager), Anf. 3. Jahrhundert - über 12 ha
C3 Castrum ("Doppellegionslager"), Ende 4. Jhd. - ca. 60 ha
C4 ostgotische Festung (in stil. Adlerform), Anf. 6. Jahrhundert - ca. 120 ha (Erweiterung hier
nur teilweise dargestellt)
C5 langobard. Grenzfestung ("Montanis")*, Anf. 7. Jhd. - ca. 140 ha (Erweiterung hier nicht
mehr dargestellt)
C6
bajuwarische Wehrsiedlung, 8.
Jahrhundert - ca. 200 ha (Erweiterung hier nicht mehr dargestellt)
Lagergebäude um 789 abgebaut - unter Karl
d. Gr. nach der Entmachtung Tassilo III. (788).
*Montanis: Vermutlich lässt sich der latinisierte,
frühmittelalterliche Namen Tirols "terra in montanis"
(übersetzt als "Land im Gebirge") auch aus dieser seiner größten
und beherrschenden Befestigungsanlage zurückführen, wie der spätere,
hochmittelalterliche Namen Tyrol sich ebenso aus dem Namen der Burg Tyrolis
ableiten lässt. Aus den germanischen Heldensagen (Dietrichepik) wird in
diesem Umfeld eine Burg Muter genannt. Weitere Schreibweisen dazu: Mauter,
Moutarn. Montan nach alter Montaner Mundart: Matan.
Nachtrag:
Weitere Nachforschungen lassen zunehmend
vermuten, dass dieses Castrum Endidae-Vetera-Montanis nur die "Spitze
eines Eisbergs" darstellt. Ausgehend von seiner Lage bildete es
höchstwahrscheinlich das Hauptlager eines besonderen Alpen-Limes von Lagern
und Befestigungsanlagen, die über ein besonderes Kommunikationssystem
verbunden waren, welches bis zu den Städten am südlichen Alpenrand reichte.
Dadurch wurde hierzulande unter Rikimer und Odoaker (um ca. 465 n. Chr.)
eine massive Ansiedlung von Germanen forciert - insbesondere am
Hauptriegelbereich gelegen im Süden Südtirols (hier nach den
Lagerstrukturen zu urteilen über 90% Bevölkerungsanteile). Dieser effektive
Riegel zunehmend unabhängig operierender germanischer Auxillartruppen
dürfte dann auch das künftige Fundament dafür gebildet haben, dass Südtirol
bis heute an seine eigene deutsche Kultur festhielt.
Zu
detaillierteren Darstellungserklärungen ...
Zur
ausführlichen Fassung...
Literaturauswahl
Archäologie der Römerzeit in
Südtirol
Forschungen zur Denkmalpflege in Südtirol -
Abteilung Denkmalpflege, Amt für Bodendenkmäler
Herausgeber: Lorenzo Dal Ri, Stefano di Stefano
Folio-Verlag, Wien 2002. - S. 1150
Bierbrauer, Volker:
Langobarden, Bajuwaren und Romanen im mittleren
Alpengebiet im 6. und 7. Jahrhundert :
Siedlungsarchäologische Studien zu zwei
Überschichtungsprozessen in einer Grenzregion und zu den Folgen für die
'Alpenromania'
Grenzen und Grenzregionen; 1994, S.
147-178
Dal Ri,
Lorenzo; Baggio Bernardoni, Elisabetta:
Una
campagna di scavo a Castelfeder: notizia preliminare
Aus: Aquileia
Nostra, Vol. 57, 1986. - S. 849-864
Dal Ri, Lorenzo und Marzoli, Catrin: Castrum
Vetus birgt noch Geheimnisse
Monatszeitschrift "Das Land Südtirol"
der Südtiroler Landesregierung, Juni 2003
Langes, Gunther: Überetsch und Bozner
Unterland, 5. überarbeitete Auflage
Verlagsanstalt Athesia - Bozen, 1991. S.
220
Lona, Heinrich: Auer im Südtiroler Unterland
Herausgeber: Verkehrsverein Auer, 1977. - S.
307
Malfér, Viktor: Castelfeder - das Arkadien
Tirols, 2. Auflage
Heimatschutzverein - Bozen, 1980. - S. 81 mit
Karte
Montan - Band 1
Mit Beiträgen verschiedener Autoren
Herausgeber: Schützenkompanie Montan, 2003
Naturerlebnisweg Castelfeder
Text: Martin Schweiggl - Amt für
Landschaftsökologie, u.a.
Autonome Provinz Bozen-Südtirol, 2003. - 12
Blätter
Neumarkt an der Etsch
Mit Beiträgen verschiedener Autoren
Herausgeber: Verein für die Ortspflege,
Neumarkt, 1997
Pallhausen, Vinzenz von:
Beschreibung der Römischen Heerstraße von
Verona über Trient, Botzen, Brixen, Innsbruck
und Partenkirchen etc. nach Augsburg : mit
archäologischen, historischen, topographischen,
etymologischen und mythologischen Notizen und
Abhandlungen
München : Lentner, 1816. - XII, S. 376
(Bojariae Topographia Romano-Celtica)
Reinecke, Paul: Endidae
Zeitschrift "Germania" - München,
1926, Heft 2. - S. 150-155,
Tafner, Enrico:
Radiestesia
archeologica : studi e ricerche 1979 - 89
Selbstverlag
- Trento, 1989. - ca. 70 Blätter
Vigevani,
Alessandro; Zanetti, Paolo:
Paolo
Diacono cronista
Udine : Ed.
Longobarde, 1989. - S. 91
Wolkenstein, Max Sittich von:
Landesbeschreibung von Südtirol
Schlern-Schriften Nr. 34, 1936
Winfried Huf,
Bahnhofstraße 14, I-39040 Auer
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