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Der Fall Endidae

Aus einem interdisziplinären Ortungs- und Rekonstruktionsversuch um die verschollene Römerstation Endidae 

Endidae steht am Anfang einer längeren antiken Ortsgeschichte. Der Name, vermutlich aus vorrömischer Zeit, erscheint erstmals auf einem römischen Straßenverzeichnis (Itinerarium Antonini, 2.-3. Jahrhundert n. Chr.) im Zusammenhang einer römischen Straßenstation der Via Claudia Augusta. Die Position wird mit 24 römischen Meilen (1 römische Meile: 1478 m; = 35,5 km) nördlich der Stadt Tridentum (Trient) angegeben, was auf das Gebiet zwischen Auer und Neumarkt oder etwas genauer zwischen Castelfeder und der Fraktion Vill hinkommen würde.

Die prägnante Burgruine des weithin bekannten Castelfeder, galt für längere Zeit als die wahrscheinlichste Anlage dafür, bis die Befunde jener baulichen Überreste sie nicht weiter als in die spätantik-frühmittelalterliche Epoche zurückdatieren ließen. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts glaubten dann Archäologen bei Straßenbauarbeiten in Neumarkt (Kahn) eine bessere Alternative für diese römische Station gefunden und ausgegraben zu haben, die jedoch außerhalb Vill und streng genommen außerhalb jenes 35,5 km langen Streckenabstands - dem potentiellen Endidae-Ziel - liegen würde. Schließlich wurde jener römische Gebäudefund dort trotzdem im Sommer 2004 amtlich als Endidae ausgestellt. 

 

Übersichtsbild der Rekonstruktionsortung 
aus drei Luftbildauschnitten versetzt angebracht.
Dabei werden hier die wichtigsten Strukturen 
vom 1.-8. Jahrhundert berücksichtigt.
Luftbilder von Terraitaly (Parma) über das
Amt für Raumordnung Prov. Bozen.
Schematische Einzeichnungen von W. Huf

 

 

 

 

Castelfederbild 
Ausschnitt eines Fotos aus "Montan" Band I -
Schematische Einzeichnung zu Hauptlager C1-C2

Zu detaillierteren Darstellungserklärungen ...

Wenn aber den Meßkünsten der Römer mehr zu trauen ist, so hätte sich Endidae im Gebiet zwischen Vill und Castelfeder befinden müssen. Dafür sprechen auch mehrere weitere Gründe, von denen hier nur auf einige kurz eingegangen werden kann:

  • Auswahl toponomisch-etymologischer Bezüge zu Endidae gemäß der Abbildung:
    • Endiao (griech.-buk.): "unter freiem Himmel wohnen bzw. weiden lassen" trifft auf das Gebiet noch heute zu, aber ganz besonders für die antike Epoche und im Zusammenhang eines römischen Lagerlebens. - Vor den römischen Einflüssen stand das Land verstärkter unter griechischen Kultureinflüssen.
    • Endidae/Endide kann noch aus dem Südtirolerischen "Entn" für drüben abgeleitet werden, und steht bedeutungsgleich zum Griechischen Enta/Entade, was an dem antiken Ortsnamen noch näher herankommt und die topographische Situation beschreibt - etwa: Drüben, der Überschwemmungsgefahr entzogen (Abbildung: alter Flußverlauf hellblau eingezeichnet), trocken. Drüber gehen können auf die jeweils andere Ortsseite zwischen Auer und Neumarkt …
    • Es existiert eine alte ursprünglich mündliche Überlieferung, die eine Beziehung zwischen Entiklar und Endidae als uralte Grenzpunkte zwischen den Talseiten festmacht, zwischen denen einst auch die Etsch als natürliche und schiffbare Grenzlinie verlaufen sein mußte. Dabei wird aber das benachbarte Pinzon mit der deutschen Interpretation - Binds on! - übertragen, anstelle des hier älteren Endidae mit demselben griechischen Synonym Endeo für Anbinden oder Anknüpfen. Eine ähnliche frühmittelalterliche Grenzmarkierung/Teilung wiederholt sich hier bestätigend weiter südlich zwischen Mezzolombardo (langobardisch-romanischer Teil) und Mezzocorona/Teutschmetz (bajuwarisch-deutscher Teil) durch die Grenzpunkte Entichiar und Montereale (Königsberg).
  • Die Haupttrasse der Via Claudia Augusta führte höchstwahrscheinlich mitten durch das Gebiet, das sich hier auf Endidae bezieht. Während die Castelfeder-Anlage eher abseits der möglichen VCA-Trassen liegen würde, hätten die Römer mit dem hier vermuteten Castrum Endidae den bedeutenden Nord-Süd-Verkehr jenes VCA-Trassenumfelds und den Eingang in die Dolomiten bestens kontrollieren können.
  • Versetzen wir uns in die Zeit kriegerischer Völkerwanderung zurück: Wäre eine kleine ungesicherte Raststation (Neumarkt, Kahn), die einer Zenturie kaum Platz und Schutz bieten konnte, wichtig genug gewesen, um auf einem Straßenverzeichnis im fernen Rom ausgestellt zu werden? Eine größere Straßenstation hingegen hätte an dieser stark frequentierten Heeresstraße jenen für Rom gewichtigeren Truppenverbänden die nötigen Rast-, Versorgungs- und Schutzmöglichkeiten bieten können.
  • Dazu passt eine Überlieferung (aus den Analen des Kloster Säben) nach der in dieser Gegend auch Kaiser Gratianus persönlich 379 n. Chr. Gesetze erlassen haben soll. Dabei fällt die seltsame (keltoromanische) Ortsbezeichnung Bauxare, was auf ansässige Bauern hinweisen könnte, die der Kaiser als Pächter verpflichtet haben konnte, so wichtige Einrichtungen wie ein Legionslager mit überlebenswichtigen Bau- und Lebensmittel zu versorgen. In karolingischer Zeit wurde diese Abhängigkeit in Lehen umgewandelt. Noch heute erinnert hier ein so genannter Lehenweg daran, der markant, quer durch das betroffene Areal verläuft und teilweise der VCA-Trasse entsprechen muß.
  • Dieses Castrum könnte in dieser letzten Bauphase auch Castra Vetera bezeichnet worden sein, in Anlehnung an das gleichnamige, bisher größte Castrum im nördlichen Xanten, das zuvor aufgelassen wurde. In dieser Zeit großer Germaneneinfälle und römischer Rückzüge könnten Veteranen-Einheiten (v.a. um Castrum Novaesium-Vetera) hierher in den Süden verlegt worden sein, um die römischen Städte Italiens vor noch tiefer eindringenden Volksstämmen bereits hier im Vorfeld schützen zu können. Die Hauptgrundmaße der hier vorgeorteten, großen Festungsanlage würde mit jenen der in Xanten vorliegenden entsprechen. Dazu passe ebenso die weitere Namensübertragung auf ein bis heute übrig gebliebenes Nebenlager (Castel vetere - Castelfeder)
  • Diese große Festungsanlage könnte einmal deshalb unbekannt geblieben sein, weil seine Ausbauzeit in die späte Römerzeit gefallen ist, wo es nur mehr darum ging, das römische Imperium auch weiter hinter den Fronten vor dem drohenden Zerfall zu retten. Derartige strategisch bedeutende Anlagen im Hinterland dürften nicht alle veröffentlicht worden sein. Der Bau und die Funktion der bekannten Vorgänger an den wichtigen Grenzwällen von Rhein und Donau standen jedoch noch im Schein des römischen Expansionsdrangs.
  • Wer das große Areal (ca. 60 ha) der alten Festung (Schematische Einzeichnung C3) aufmerksam begeht, kann darin noch alte, künstliche Felsdurchbrüche, mehrere Wegetrassen, spezielle Geländeformationen, Fundamente und eine Unzahl alter Mörtelsteine ausmachen, die von einer größeren und älteren Baustruktur stammen müssten, als jener noch sichtbaren Ruine von Castelfeder. Nur kann hier deshalb kaum mehr etwas darüber bekannt sein, weil nach der karolingischen Eroberung die wichtigsten Bauten demontiert wurden, um hier u.a. eine künftige militärische Dominanz auszuschließen. Ähnlich erging es den nächsten ebenso heute verschollenen Castra der Via Claudia: Pons Drusi und Maiense. Nach dem Schleifen dieser Festungen haben sich die Bauern und Lehnsherren (die neuen "Stammesväter" des Mittelalters), dieser Flächen wieder bemächtigt und restliche Spuren beseitigt, wie in diesem Fall ersichtlich ist.
  • Abschließend noch einige Hinweise des bayrischen Forschers Vinzenz von Pallhausen, der hier in napoleonischer Zeit durchreiste: "Nun kommen wir gleich außer Neumarkt auf die Römerstation Endide, jetzt ein Dorf Ennye, auch Enn genannt... Gleich neben Endide liegt die uralte Felsenburg castellum foederis (Anm.: Castelfeder) in Ruinen, wo ich oben erzählt habe…" 

Dabei erwähnt Vinzenz von Pallhausen, dass hier ein Opferbild des Bacchus ausgegraben und nach Innsbruck gebracht wurde. Derart eigenartige Funde durften früher besonders die Bauern beim Pflügen und Graben häufiger gemacht haben, was auch zu den zahlreichen Schatzlegenden von Castelfeder anregte. 

Kurzübersicht zur vermutlichen Entwicklung von Castrum Endidae-Vetera
Marschlagerplatz im 1. Jahrhundert
Standlagerentwicklung (C1-C2 vorwiegend versorgendes Feldlager):
C1   Castellum, Anfang des 2. Jahrhundert - 5-6 ha
C2   Castrum (Legionsfeldlager), Anf. 3. Jahrhundert - über 12 ha
C3   Castrum ("Doppellegionslager"), Ende 4. Jhd. - ca. 60 ha
C4   ostgotische Festung (in stil. Adlerform), Anf. 6. Jahrhundert - ca. 120 ha (Erweiterung hier nur teilweise dargestellt)
C5   langobard. Grenzfestung ("Montanis")*, Anf. 7. Jhd. - ca. 140 ha (Erweiterung hier nicht mehr dargestellt)
C6   bajuwarische Wehrsiedlung, 8. Jahrhundert - ca. 200 ha (Erweiterung hier nicht mehr dargestellt)

Lagergebäude um 789 abgebaut - unter Karl d. Gr. nach der Entmachtung Tassilo III. (788).

*Montanis: Vermutlich lässt sich der latinisierte, frühmittelalterliche Namen Tirols "terra in montanis" (übersetzt als "Land im Gebirge") auch aus dieser seiner größten und beherrschenden Befestigungsanlage zurückführen, wie der spätere, hochmittelalterliche Namen Tyrol sich ebenso aus dem Namen der Burg Tyrolis ableiten lässt. Aus den germanischen Heldensagen (Dietrichepik) wird in diesem Umfeld eine Burg Muter genannt. Weitere Schreibweisen dazu: Mauter, Moutarn. Montan nach alter Montaner Mundart: Matan.

Nachtrag: 
Weitere Nachforschungen lassen zunehmend vermuten, dass dieses Castrum Endidae-Vetera-Montanis nur die "Spitze eines Eisbergs" darstellt. Ausgehend von seiner Lage bildete es höchstwahrscheinlich das Hauptlager eines besonderen Alpen-Limes von Lagern und Befestigungsanlagen, die über ein besonderes Kommunikationssystem verbunden waren, welches bis zu den Städten am südlichen Alpenrand reichte. Dadurch wurde hierzulande unter Rikimer und Odoaker (um ca. 465 n. Chr.) eine massive Ansiedlung von Germanen forciert - insbesondere am Hauptriegelbereich gelegen im Süden Südtirols (hier nach den Lagerstrukturen zu urteilen über 90% Bevölkerungsanteile). Dieser effektive Riegel zunehmend unabhängig operierender germanischer Auxillartruppen dürfte dann auch das künftige Fundament dafür gebildet haben, dass Südtirol bis heute an seine eigene deutsche Kultur festhielt.

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Literaturauswahl

Archäologie der Römerzeit in Südtirol 
Forschungen zur Denkmalpflege in Südtirol - Abteilung Denkmalpflege, Amt für Bodendenkmäler 
Herausgeber: Lorenzo Dal Ri, Stefano di Stefano
Folio-Verlag, Wien 2002. - S. 1150

Bierbrauer, Volker: 
Langobarden, Bajuwaren und Romanen im mittleren Alpengebiet im 6. und 7. Jahrhundert :
Siedlungsarchäologische Studien zu zwei Überschichtungsprozessen in einer Grenzregion und zu den Folgen für die 'Alpenromania'
Grenzen und Grenzregionen; 1994,  S. 147-178

Dal Ri, Lorenzo; Baggio Bernardoni, Elisabetta: 
Una campagna di scavo a Castelfeder: notizia preliminare 
Aus: Aquileia Nostra, Vol. 57, 1986. - S. 849-864

Dal Ri, Lorenzo und Marzoli, Catrin: Castrum Vetus birgt noch Geheimnisse 
Monatszeitschrift "Das Land Südtirol" der Südtiroler Landesregierung, Juni 2003

Langes, Gunther: Überetsch und Bozner Unterland, 5. überarbeitete Auflage
Verlagsanstalt Athesia - Bozen, 1991. S. 220 

Lona, Heinrich: Auer im Südtiroler Unterland
Herausgeber: Verkehrsverein Auer, 1977. - S. 307 

Malfér, Viktor: Castelfeder - das Arkadien Tirols,  2. Auflage
Heimatschutzverein - Bozen, 1980. - S. 81 mit Karte

Montan - Band 1
Mit Beiträgen verschiedener Autoren 
Herausgeber: Schützenkompanie Montan, 2003

Naturerlebnisweg Castelfeder
Text: Martin Schweiggl - Amt für Landschaftsökologie, u.a.
Autonome Provinz Bozen-Südtirol, 2003. - 12 Blätter

Neumarkt an der Etsch
Mit Beiträgen verschiedener Autoren 
Herausgeber: Verein für die Ortspflege, Neumarkt, 1997

Pallhausen, Vinzenz von:
Beschreibung der Römischen Heerstraße von Verona über Trient, Botzen, Brixen, Innsbruck
und Partenkirchen etc. nach Augsburg : mit archäologischen, historischen, topographischen,
etymologischen und mythologischen Notizen und Abhandlungen
München : Lentner, 1816. - XII, S. 376 
(Bojariae Topographia Romano-Celtica) 

Reinecke, Paul: Endidae
Zeitschrift "Germania" - München, 1926, Heft 2. - S. 150-155, 

Tafner, Enrico:
Radiestesia archeologica : studi e ricerche 1979 - 89 
Selbstverlag - Trento, 1989. - ca. 70 Blätter

Vigevani, Alessandro; Zanetti, Paolo: 
Paolo Diacono cronista
Udine : Ed. Longobarde, 1989. - S. 91 

Wolkenstein, Max Sittich von: Landesbeschreibung von Südtirol 
Schlern-Schriften Nr. 34, 1936
 

Winfried Huf, Bahnhofstraße 14, I-39040 Auer