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Die Dietrich-Sagen im neuen Licht

Rekonstruktionsanalyse mit Ortungsergebnissen zu den aventiurehaften Dietrichsagen
(Erstellt mit Netscape 4.78)

Inhalt

1. EINLEITUNG
2. WER STECKT WIRKLICH HINTER "DIETRICH VON BERN"?
  2.1. Die Basis
  2.2. Die Spuren in der bairischen Adelger-Sage
  2.3. Die ersten Schlussfolgerungen
  2.4. Die Mehrfach-Übertragungen in Mythen und Sagen

  2.5. Die weiterführenden Hinweise in der altnord. Thidrek-Saga
3. DIE AVENTIUREHAFTEN DIETRICHEPEN
  3.1. Zusammenfassende Ergebnisse der Ortungsanalysen zu den aventiurehaften Dietrichepen
4. DIE VORANALYSEN DER DIETRICHEPEN ZUM DOLOMITEN-RAUM
  4.1. Zwischen Abenteuermärchen und Historiendichtung
  4.2. Kurzer Inhaltsvergleich: Nibelungenlied – Eckenlied – König Laurin
  4.3. Vergleiche der drei Dietrich-Dichtungen auf ihre historischen Hauptinhalte
  4.4. Mögliche Beziehungen zu keltischen Schutzgottheiten im Eckenlied
  4.5. Die vergleichbaren Ursprünge im Eckenlied und Egetmann
  4.6. Mögliche Beziehungen zum keltisch-germanischen Kulturkreis im König Laurin

  4.7. Alte Sagenspuren zur Eckenlied-König-Laurin-Synthese
5. DIE REKONSTRUKTIONSANALYSE ZUM "ECKENLIED" UND ZUM "KÖNIG LAURIN"
  5.1. Die zeitlichen und räumlichen Grundlagen
  5.2. Die Ergebnisse in mehrfach-vergleichender Darstellung   
6. LITERATURAUSWAHL

 

Widmung

Für meinen Großvater und Vater, die in mir relativ früh das Bewusstsein für Geschichte weckten.

1. Einleitung

Die folgende Studie veröffentlicht Ortungs- und Rekonstruktionsergebnisse eines weiteren Blocks der Untersuchungsreihe über die bedeutendsten europäischen Mythen. Dabei ergaben sich auch bei diesen Analysen zu den Dietrichepen ähnliche Überraschungen. So stellte sich heraus, dass sich hinter der Hauptfigur "Dietrich von Bern" nicht nur eine, sondern gleich mehrere andere historische Basis-Persönlichkeiten verbergen müssen, als die bisher allgemein dazu projizierte des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen (http://www-public.tu-bs.de:8080/~y0007800/DietrichvBern.html). Ein Teil der historischen Ungereimtheiten in den Dietrichepen muss auf diesen zusätzlichen dichterisch-transpersonalen Übertragungs- und Vereinheitlichungsprozess zurückzuführen sein. Es soll nachfolgend aufgezeigt werden, dass die daraus resultierenden, geschichtlichen Verzerrungen doch auf reale Ereignisse oder ihren historisierenden Ausbildungen (meistens durch konkurrierende Machtansprüche, später durch Verdichtungen und Vereinfachungen an historischen Idol-Vorgaben) basieren können und in Langzeit-Überlieferungen zu vermischenden oder überlappenden Geschichtsverhältnissen führen.

Schwerpunkt der Projektarbeit ist jedoch die anschließende Rekonstruktions-Ortungsanalyse der aventiurehaften Dietrichepen, wobei die Heldenepen des Dolomiten-Raums detaillierter ausgeführt werden. Damit sollen ihre ebenso existenten historischen Hintergründe aufgeworfen werden, die die fachliche Zuordnung in "märchenhafte oder aventiurehafte Dietrichepen" weiter abschwächen, wonach dieser Gruppe kein wirklicher Geschichtsbezug zukommen sollte. Dieses Fehlurteil ist nicht verwunderlich, beschränkte sich die bisherige Forschung doch hauptsächlich auf die Interpretation sprachlich-textlicher Strukturen derartiger Überlieferungen, während mögliche historisch-geographische Strukturen und Zusammenhänge fast vollständig vernachlässigt wurden.

Diese vereinfachte und vorläufige Zusammenfassung soll noch vor Abschluss des Forschungsprojektes sowohl interessierten Laien, wie auch Experten einen ersten kurzen aber doch hinreichenden Einblick in die bekannten und neuentdeckten Details und Zusammenhänge bieten, die noch abschließender Überprüfungen unterzogen werden müssen. (Hinweis: Aufgrund meiner Feldforschungen und Entdeckungen in den Jahren 2003-5, die auf einen germanischen Alpenlimes schließen lassen, werden 2006 einige dieser Erkenntnisse hier mit einfließen. Sie betreffen hauptsächlich das Eckenlied.) Die vorliegende Studie kann also keinen Anspruch auf Vollständigkeit übernehmen, was aufgrund insgesamt zu komplexer historischer Zusammenhänge ohnehin kaum erreichbar sein wird. Grundkenntnisse im betreffenden, historischen und mythischen Umfeld sind zum besseren Verständnis von Vorteil.

Zur ersten kulturhistorischen Orientierung: Während die Odyssee jene Zeitverhältnisse beschreibt, wo in Südeuropa der Wandlungsprozess Matriarchat-Patriarchat in die letzten Phasen eintritt, beschreiben u.a. die Dietrichepen die Zeitverhältnisse der nächstfolgenden Hauptphase ca. 2000 Jahre später, in der in Europa der Christianisierungsprozess voll einsetzt, bei dem die letzten, europäischen Natur- oder Urreligionen ("Heidentum", Kulten in geweihten Hainen oft unter freiem Himmel) einem stark zentralisiert geregelten Herrschaftsglauben (Monotheismus, mit Kirchenkult - Tempelgebäude mit Türmen) unterliegen und weichen müssen. Es ist die Zeit, in der das römische Imperium untergeht und vom Christentum zentral, von den Germanen peripher beerbt wird. In diesem Schmelztiegel, wo aus Germanen und Romanen sich vor-deutsche u.a. früheuropäische Völker und Nationen entwickeln, sind die Handlungen der Dietrichsagen lokalisiert (zentral: 5.-8.Jh.). Die letzte Form der Niederschriften erhalten diese Dichtungen jedoch aus dem Blickwinkel des späteren Mittelalters, wo die Geschichten der Völkerwanderungszeit aus aktuelleren Anlässen (Arabisch-islamische Eroberungen, Normannen, Kreuzzüge, Inquisition, ...) noch weiter aufgearbeitet werden wollten.

Weitere, grundsätzliche Einführungsbeiträge in Mythen und Ortung
 

2. Wer steckt wirklich hinter "Dietrich von Bern"?

2.1. Die Basis

Bekanntlich wird "Dietrich von Bern" mit dem Ostgotenkönig Theoderich II., dem Großen identifiziert (5./6.Jh.). Dietrich leitet sich vom germanischen Diotrik oder Teutorich (Herrscher des Volkes) ab und wird latinisiert als Theodericus übertragen. Die entscheidend strittigen Punkte ergeben sich aus den historisch verzerrten Wiedergaben der sagenhaften Überlieferungen. Typisch Mythosbildung - das schlichtweg abweisende Urteil der meisten Historiker, die sich damit einer näheren und aufwendigeren historischen Beschäftigung vereinfacht entziehen wollen. Wer sich hier also vereinfacht auf eine einzige Geschichtsversion und Wahrheit versteift, wird hier mit Recht kurzerhand hinters Licht geführt, denn Mythen lehren auch, wie vielschichtig Geschichte und ihre Wirklichkeit sein kann.

Die hierzu angestellten Untersuchungen kommen zum Ergebnis, dass auch derartige Überlieferungen historisch brauchbare Informationen beinhalten, so wie man es auch von Relikten und Befunden archäologischer Schichten her kennt. Die historische Verzerrung lässt sich dabei auf eine viel weiter gespannte Erzähltradition zurückführen, als es die meisten annehmen. Die Hauptüberlieferungszeit der Dietrichfigur dürfte so bereits mit einem Geschichtenkreis um die frühere Herrscherlinie Rikimer-Odoaker (5. Jh.) eingesetzt haben, die später auf den konkurrierenden Nachfolger Theoderich II. umgemünzt wurden und von dort wieder auf die nächsten Konkurrenten, den langobardischen und fränkischen Dynastien (6.-8.Jh.) erweiternd übertragen wurden. Nach solchen Überlieferungstraditionen sind historische Ungereimtheiten wohl kaum vermeidbar. Ein kleiner Einblick in diese Entwicklung lässt sich am besten in einer Gegenüberstellung der biographischen Persönlichkeitsprofile zu markanten historischen Inhalten des Sagenkreises darstellen. Die Rikimer-Odoaker-Muster kristallisieren sich daraus signifikant als die wegbereitenden Basis-Persönlichkeiten zu Theoderich d. Großen und seiner mythischen Entsprechung "Dietrich von Bern". Die vor- oder frühgeschichtlichen Muster lassen sich nur mehr jeweils kollektiv zuordnen (stammesbezogen, z.B. in Nibelungen-Helvetier). Der abschließend literarisierte Ausbau dürfte hauptsächlich auf den letzten karolingischen Einfluss zurückzuführen sein, wie u.a. das Erscheinungsumfeld der Karlssagen schließen lässt.

Das Rikimer-Odoaker-Grundmuster ist dabei ebenso relativ zu betrachten, wie die zentrale Theoderich-Projektion selbst. Es soll in erster Linie auf das ursprüngliche Hauptumfeld hinweisen, aus dem sich die(se) germanisch-deutschen Heldensagen entwickelt haben. Wie das Rekonstruktionsbeispiel Eckenlied-Laurin zeigt, deutet hier einiges darauf hin, dass hier letztlich weniger Odoaker als Dietrich-Held zu sehen ist, als ein germanischer Söldnerführer in seinem nächsten Umfeld, der vielleicht die gesamte Herrscherzeitlinie Rikimer-(Orestes)-Odoaker-Theoderich II. überleben und abdecken konnte. Da er unter all diesen seinen Kriegsdienst geleistet haben könnte, es aber aufgrund von politischen Verwicklungen höchstens bis zum Herzog brachte, scheint er als ständiges Truppenmitglied ein besonders verbürgendes Bindeglied der frühen Überlieferungsbasis geworden zu sein, was für die Entstehung einer derart souveränen Dietrichfigur vorauszusetzen wäre. Er wird hier als Witege (Wittich, Widga) identifiziert, der hervorragendste Recke unter den Dietrichgesellen der Dietrich- und Thidreksaga. Interessanterweise erfährt diese Heldenfigur durch die Wielandsage auch die ausführlichste Einführung, eine Besonderheit, die selbst Dietrich nicht zu Teil wird. Die aus seinen Militärexpeditionen resultierenden Abenteuergeschichten (Aventiuren) könnten immer wieder Teil verschiedener Hofunterhaltungen gewesen sein, bis sie zum Überlieferungsgut des (jeweils) dominantesten Herrscherhauses der Völkerwanderungszeit wurden. Dass in diesem "Dietrich von Bern" Umfeld noch weitergebastelt wurde, beweisen die frappierend ähnlichen Zusammenhänge der überlieferten Nibelungensage einmal zum Umfeld der burgundischen Könige Gundahar, Gundobald und Sigismund (ausgehend von Rikimer s.u.) und ihre Übertragung auf die merowingischen Frankenkönige Theuderich I. und Theuderich II. aus dem 5./6. und 7. Jh. Dabei betrifft es nicht nur Namensähnlichkeiten (Sigibert, Brunichild, Gunthram, …), sondern auch analoge oder ähnliche politische Auseinandersetzungen. Ähnliches kann bei genauerer Untersuchung auch bei den aventiurehaften Dietrichsagen festgestellt werden, wie aus den unten angeführten Beispielen zum Eckenlied und König Laurin ersichtlich wird.

So übernahmen Hofschreiber einfachhalber berühmte ältere Geschichtsvorlagen, kopierten diese stellenweise, ergänzten sie, wechselten Namensähnlichkeiten aus und passten sie den herrschenden Umständen, Sprach- und Stilformen an. Die exakte historische Authentizität war dabei aus heutiger Sicht zweitrangig, da einerseits den damaligen Königshöfen weder einwandfreie historische Archive, noch umfangreich gebildete Historiker zur Verfügung standen. Anderseits standen in erster Linie ohnehin die Interessen der jeweils aufstrebenden Siegermächte im Vordergrund und damit die Legitimation ihrer Machtstellung beim eigenen und beim besiegten Volk, - wobei in derartigen Rechtfertigungsgeschichten nebenbei auch gängige historische Inhalte mit eingebracht werden mussten, um eine gewisse Glaubwürdigkeit bewahren zu können. Wo es zum eigenen Vorteil notwendig war, historische Wahrheiten zu verstellen, kannte man keine Skrupel, wie beispielsweise das Verfahren Karl des Großen zur Beseitigung seines verwandten Baiernherzog Tassilo III. zeigte, das mit einem Komplott und einem gefälschten Schauprozess ausgeübt wurde. Wo man sich aber nicht positiv zur Schau stellen musste, wurde einfach kurzer Prozess gemacht, wie das Beispiel Theoderich gegen seinen ebenso verwandten Odoaker zeigte.

Exkurs: Der Machiavellismus war also keine Erfindung Machiavellis. Diese Mythen und Sagen sind derart interessante Lehrbeispiele dafür, dass es an wissenschaftlicher Fahrlässigkeit grenzt, wenn Historiker oder Germanisten diese bislang unterschätzen und ihre entsprechende Aufarbeitung für historisch wenig sinnvoll erachten. Da darf es dann nicht verwundern, wenn das beispielsweise ein Hitler wieder nach seinen Machtinteressen zelebriert und Historiker ihm noch brav zur Seite stehen, um das Volk mal wieder nach Walhall zu führen - in den "ehrenvollen Heldentod" also. Wirkliche Mythenexperten wären nicht darauf rein gefallen und fallen auch heutzutage nicht mehr drauf rein, wenn gewisse ehrenwerte Herren aus Politik, Wirtschaft, Religion oder Medien ihre "Geschichten" unters Volk streuen, um auf Kosten des Volks ihre Machtspielchen treiben oder zelebrieren zu können - wofür ein Großteil der politisch-religiös motivierten Mythenbildungen angelegt wurden und werden. Weil - wie bereits erwähnt - Historiker sich aber kaum mit dieser Thematik ernsthaft beschäftigen und für eine entsprechende allg. Bewusstseinsbildung eintreten (und daher auch keine wirkliche Autorität dafür besitzen), ist dieses Problem immer noch virulent. So hätte beispielsweise in Bozen das faschistische Siegesdenkmal höchstens noch museale Daseinberechtigung (wo Mythengebilde hingehören: Archiv, Museum, Geschichtspark, Staatsoper, … oder in den Sondermüll), - wird aber noch immer in erster Linie politisch missbraucht (wieder fürs politische (Mythen-)Theater). Das ist eben nur deshalb möglich, weil Historiker hier auf der gesamten Linie versagt haben, vor allem aber am Zauber und der Entzauberung ihrer mythischen Wurzeln scheitern. Dafür müssten diese erst einmal so gut wie möglich bloß gelegt werden und entlarvend auf die heutige Zeit übertragen werden...

Hinter den "Dietrich"-Helden dürften also insgesamt eine germanische Helden- und Herrscherreihe stehen, welche die späteren Dichter vereinfacht mit dem Synonym Diotrik-Dietrich-Thidrek verdichtet und vereinheitlicht haben. Im Nachhinein (insbesondere für das Hoch- und Spätmittelalter) stellen die abenteuerlichen Episoden germanische Volkshelden dar, die in der Auseinandersetzung mit der römischen, germanischen und heidnisch-christlichen Problematik sich zunehmend zu vordeutschen bzw. zu vorfranzösischen Rittern schlagen ließen. Dass diese lange Entwicklungsgeschichte sich schließlich real nicht auf einen einzigen Vorbild-Helden beziehen kann, versteht sich auch von selbst. Die verdichtende Zentrierung mehrerer germanischer Krieger-Persönlichkeiten in einigen und einem "einzigen fiktiven" Titelhelden liegt letztlich an der damit einfacheren und effektiveren Durchsetzung einer bestimmten stammesgeschichtlichen und später nationalen Identitätsbildung. Die folgende Tabelle soll dabei nur einen ersten, kleinen Einblick in die dahinterliegenden komplexeren, historischen Verwicklungen freilegen, der später noch etwas weiter ausgebaut und ergänzt werden soll - im Rahmen dieser Veröffentlichung jedoch unvollständig bleiben muss:

 

"Dietrich von Bern"

Rikimer (um ?-472)

Odoaker (um 430-493) spätere Namensform: Odorich

Theoderich II. (um 453-526)

Der Held hält sich häufig im Kreise des Hunnenkönigs "Etzel" auf, sucht dort auch öfters Schutz vor Feinden. Ebenso steht er später dem burgundischen Hof nahe.

Ein Swebe, Enkel von Westgotenkönig Wallia, später burgundische Verwandtschaft, Militärausbildung unter dem röm. Feldherr Äetius

Ein Skire, wächst im Schutz der hunnischen Höfe Attilas auf. Sein Vater ist dort ein germanischer Heerführer.

Der amalische Ostgote wird zu spät geboren, als daß er Bekanntschaft mit Attila oder seiner Herrschaft gemacht haben durfte.

Er ist bereits als junger Held ständig in Bern (Verona) und der dort weiteren Umgebung (Oberitalien) mit Kampfhandlungen (Abenteuern, Aventiuren) beschäftigt.

Er ist bereits früh militärisch in Oberitalien beschäftigt. 455-472 germanisch-römischer Oberbefehlshaber "Kaisermacher" mit Hauptsitz in Oberitalien (Mailand). Er nimmt Odoaker in sein Heer auf.

Attilas letzter Feldzug führte ihn nach Oberitalien. Da war Odoaker um die 20 Jahre. Kurz darauf stirbt Attila (453). Höchstwahrscheinlich blieb Odoaker in diesem Raum weiterhin mit Kriegszügen beschäftigt, später mit Zentrum bei Verona. Ab 469 in römischen Diensten. 

Er wächst seit Kindesalter in Konstantinopel als Geisel des oströmischen Kaisers auf und erhält dort eine römische Ausbildung. Er bleibt bis zur Italieneroberung (ab 488/9) diesem südosteuropäischen Raum treu.

Als junger Kriegsführer vereinigt er in Bern um sich Helden verschiedener germanischer Stämme.

Befehligt seit jungen Jahren germanisch-römische Truppen hauptsächlich im zentraleuropäischen Raum.

Als junger Söldnerführer befehligt er verschiedene germanische Stammesangehörige hauptsächlich im zentraleuropäischen Raum.

Er wird früh umstrittener Ostgotenkönig kommt aber erst später (im mittleren Alter) als Eroberer vom Balkanbereich nach Italien (489).

Er überlebt in diesem Raum auch mehrere Abenteuer gegen heidnisch-magisch orientierte Bergstämme (Übertragen in den volkstümlichen Mustern wie Drachen, Zwerge, Riesen, Jungfrauen, ...) und ist bei seinen germanischen Gefolgsleuten beliebt - die Voraussetzung für die Bildung des Dietrich-Mythos.

Rikimer ist wie die beiden anderen Herrscher arianischer Christ mit ungewöhnlicher, militärischer Laufbahn bis zum Oberbefehlshaber des weströmischen Reiches. Mit ihm beginnt die Herrschaft der germanischen Söldner im römischen Reich. Nach seinem Tod 472 übernimmt sein Neffe Gundobald das röm. Heermeisteramt. Dann wird er Burgunderkönig. Gundobalds Sohn Sigismund wird sein Nachfolger. Dieser stirbt als christlicher Märtyrer durch den Brunnentod – dies eine weitere Übertragungsfolge zur burgundischen Nibelungensage, die dann auf die verwandten, fränkischen Merowingerkönige Theuderich weiter übertragen wird.

Odoaker ist Christ, hat legendär überlieferten Kontakt zum hl. Severin, gewinnt viele Kämpfe möglicherweise auch im Zeichen der einsetzenden Christianisierung, ist bei seinen Gefolgsleuten beliebt, steigt so zum römisch-germanischen Heerführer auf, setzt schließlich den letzten römischen Kaiser ab (476) und wird erster König von Italien - klug genug verzichtet er auf die Kaiserwürde, sichert die Landesgrenzen und stabilisiert wieder das Land.
 
 

 

Der oströmische Kaiser motiviert ihn zu einem Eroberungsfeldzug gegen Odoaker auf. Dabei fallen Verona und Ravenna (Rabenschlacht). Theoderich ermordet hinterhältig seinen Onkel Odoaker in Ravenna 493 und übernimmt seine Herrschaft. Zu dieser Zeit dürften die Militäroperationen gegen jene rätischen Gebirgsstämme in Oberitalien bereits durchgeführt worden sein, von denen die Dietrichepen erzählen. Theoderich hätte nun ab 493 als neuer König von Italien keinen derartig persönlich getragenen Handlungsbedarf mehr - und schon gar nicht aus machtpolitischen Gründen.

 

=                                ff                                    g

Diese germanischen Leistungen in Ober-Italien beginnend mit Rikimer konnten eine erste Ansammlung von Heldengeschichten ausgelöst haben - die Basis eines entsprechenden Mythos. Demnach könnte Rikimer die Schlüsselfigur der Dietrich-Epen gewesen sein, die einerseits über Gundobald zu den Burgundern und über Sigismund zu den Merowingern der Theuderich-Linie übertragen wurde, und anderseits von Odoaker auf seinen Neffen Theoderich. 

Die Hofschreiber der Goten-, Langobarden-, Burgunder- und Merowingerkönige könnten die ersten Muster germanischer Helden- und Herrschergeschichten gesammelt haben, die schließlich mit dem damals bekanntesten Namen germanischer Herrschernamen verknüpft wurden: Theoderich-Theuderich-Dietrich. Spätere Dichtungen passten sich dieser Sagen-Dominanz an.

 

 

Die märchen- oder aventiurehafte Dietrichdichtung bezieht sich hauptsächlich auf den südalpinen Raum (Oberitalien). Siehe auch entsprechende Ortungsanalyse weiter unten.

Rikimer ist seit dem Beginn seiner frühen militärischen Laufbahn in diesem Raum tätig gewesen. Entsprechende Episoden könnten sich während dieser Zeit als germanisch-römischer Söldnerführer in Oberitalien ereignet haben.

Odoaker dürfte seine Kindheit/Jugend an den Hunnenhöfen Europas verbracht haben, dann ab 451 sich zunehmend diesem Umfeld angenähert haben. Entsprechende Episoden könnten sich später während der Zeit als germanisch-römischer Söldnerführer in Oberitalien ereignet haben. 

Theoderichs frühere Heldentaten beziehen sich auf den ost- und südosteuropäischen Raum. In seiner italienischen Herrschaftszeit waren Feldzüge gegen die Räter nicht mehr notwendig und schon gar nicht mit seinem persönlichen Kampfeinsatz.

 

Historische 
Dietrichdichtung                  x

Auch hier können sich noch ältere Episoden befinden, die jedoch bereits mit mehreren zumeist unstimmigen Anknüpfungen zur Italien-Eroberung Theoderichs versehen sind. Darüber hinaus lassen sich auch noch weitere Einflüsse späterer Verhältnisse der Langobarden und Franken erkennen, die dadurch ihren Anteil an der bestehenden germanischen Heldenüberlieferung beitragen wollten. Besonders Karl d. Große erlag dieser Faszination germanischen Heldentums und holte sich dabei nicht nur das Reiterstandbild Theoderichs von Ravenna nach Aachen... Kurz: Hier kommt es tendenziell zu einem "Argonauten-Effekt", wo in den Nachfolgedichtungen griechische Städte durch die fiktive Teilnahme einer ihrer Helden ebenso eine Mitwirkung vorspielen wollten. So kam diese Dietrichepen-Gruppe zu mehr "Geschichte", während die andere (ältere) Aventiurengruppe in Ermangelung ausreichender Zuordnungs- und Identifikationsmöglichkeiten weniger dafür geeignet war.

 

2.2. Die Spuren in der bairischen Adelger-Sage

Abschließend noch eine weitere Transformationsspur aus der Adelger-Sage, die im Grenzbereich der Dietrich-Sage angesiedelt wird:
Hinter der Adelger-Sage der Kaiserchronik (12. Jh.) wird ein umgeformtes Dietrich-Lied vermutet. Es gibt davon ähnliche Versionen, wo der Held Theodo heißt. Dabei glaubt man, Theodo (hier Theoderich) müsse der ursprünglichere Sagenheld sein, der dann zum bairischen Helden Adelger gemacht wurde. Aber es könnte sich ebenso um einen umgekehrten Vorgang eines weiter zurückliegenderen Falles handeln: eine Rikimer-Odoaker-Sage, die sich nicht eindeutig zu einem Dietrich- oder Theodo-Epos entwickeln konnte. Das hieße, nicht Theodo stand am Anfang, sondern eine Adelger-Sage, die dann auch auf einen Helden Theodo umgeschrieben wurde. Letztere Version bestätigt sich auch darin, dass es tatsächlich einen bairischen Herzog namens Theodo gegeben hat. Theodo (auch Dieto genannt) aus dem Geschlecht der Agilolfinger lebte im 7. Jahrhundert. Er konnte also nicht mehr gegen römische Kaiser gekämpft haben, aber gegen die Langobarden, die in den Augen der Bajuwaren als Römische gelten konnten. In der Entscheidungsschlacht der Adelgersage sind diese in ihrer Walstatt von den Baiern eingekesselt und vernichtend geschlagen worden. Daraufhin steckte Herzog Adelger seinen Schaft in die Erde neben den Haselbrunnen mit den Worten: "Dies Land hab ich gewonnen den Baiern zu Ehre, diese Mark diene ihnen immerdar." Der Ort dieses Geschehens dürfte am ehesten in Haslach (Haselbrunn) bei Bozen zu finden sein. Das lässt sich auch über den Geschichtsschreiber der Langobarden Paulus Diaconus historisch belegen, wonach dort in der Nähe um 680 ein bajuwarischer Grenzgraf das Castellum Bauzanum inne hatte - die erstmalige Nennung des ursprünglichen Stadtnamens von Bozen. Castellum Bauzanum dürfte etwas südlicher von Haslach vor der Talüberquerung der Via Claudia Augusta von den Bajuwaren selbst als Grenzburg hingebaut worden sein und einem größeren Limes-System angehört haben. Zusammen mit Pons Drusi auf der anderen Talseite dürfte diese Talsperre über eine längere Zeit die bajuwarisch-langobardische Grenze gebildet haben (siehe Karte). Mit "Bauzanum" könnte dabei diese markante Burgsperre gemeint sein.

Es wäre auch hier eher möglich, dass der erste Teil der Adelgersage aus einer älteren Heldensage der Völkerwanderungszeit entnommen und auf die neuere Biographie Theodos übertragen wurde. Dieses Übertragungsverfahren konnte ebenso leicht möglich bei den aventiurehaften Dietrichepen angewandt worden sein.

Nachfolgend wieder eine vergleichende Aufstellung zu den wichtigsten Beziehungen, aus denen am ehesten der frühere Heerführer Odoaker als wahrscheinlichste Person hinter der älteren Sagenfigur Adelger hervorgeht. Die geringsten Berührungspunkte ergeben sich wieder bei Theoderich:
 

"Adelger"

Rikimer 

Odoaker 

Theoderich II. 

Namensähnlichkeit: Adelger
Weitere bajuwarische Namen: Adalhar, Oadalker

Adel-ger - Riki-mer

Adelger > Odoger > Odoaker

keine

Funktion: bayrischer Herzog

Funktionen: lange Zeit germanisch-römischer Heerführer (Herzog). Sueben (Schwaben) waren/sind auch in Bayern präsent.

Funktionen: lange Zeit germanischer Heerführer - auch im späteren Bayern, dann erster, römischer König

Funktionen: Ostgotenkönig, oström. Heerführer, später römischer König

Hauptmotiv: Auflehnung gegen den römischen Kaiser. Auch Konfliktpunkte zwischen Kaiser und König sind gegeben.

Hauptmotiv: Auflehnung gegen die römischen Kaiser. Er stürzt die meisten römischen Kaiser.

Hauptmotiv: Auflehnung gegen den römischen Kaiser. Auch direkte Konfliktpunkte zwischen Kaiser und König sind gegeben.

Hauptmotiv: Kampf gegen (verschiedene) Konkurrenten. Die bedeutendsten davon: Gotenführer Theoderich Strabo und König Odoaker

Der römische König/Kaiser heißt Severus*. 

Einer seiner römischen Kaiser heißt tatsächlich Libius Severus.

Odoaker holt sich beim alten Severin Rat. Letzterer ist nicht nur eine geistige Autorität, sondern wird wie ein König geachtet. Severin ist römischer Herkunft und als Apostel Noricums bekannt. 

Theoderich ist in seiner frühen Phase in diesem Raum nicht aktiv. Ein rätischer Dux Severus scheint erst zwischen 507-511 gesichert auf - hier wegen eines untergeordneten Anliegens (Grenzstreitigkeiten) an Theoderich.

Namenloser alter Berater des Adelger

 

Severin tritt bekanntlich auch als alter Ratgeber des Odoaker auf.

 

Der alte Ratgeber wird Berater des römischen Herrscherhauses.

 

Der heilige Severin berät Herrscher und ist ebenso politisch tätig.

 

Ein Kritikpunkt wird an Haarschnitt und Kleidung manifestiert und korrigiert.

 

Severin zu Odoaker: Heute noch in armseligen Fellen, bald römischer König.

 

Der alte Berater spricht Wesentliches in gleichnishaften Fabeln.

 

Gleichnishafte Fabeln sind typische Mittel der Geistlichkeit wie Severin.

 

Die Entscheidung fällt in Rom und Oberitalien: Selbstinitiierte Kriegsführung zwischen Herzog und römischen Kaiser Severus - letzterer unterliegt und wird getötet.

Die Entscheidung fällt in Rom und Oberitalien: Rikimer stürzt und tötet den römischen Kaiser Severus problemlos.

Die Entscheidung fällt in Oberitalien: Selbstinitiierte Kriegsführung zwischen Heerführer und römischen Kaiser-Vater, letzterer unterliegt und wird hingerichtet.

Die Entscheidung fällt in Oberitalien: Kriegsauftrag des oströmischen Kaisers an Theoderich gegen den römischen König Odoaker. Es kommt trotzdem zu einem Friedensvertrag. Theoderich ermordet dennoch Odoaker.

* Der bedeutendere Kaiser Severus Alexander wurde auf einem Kriegszug gegen die Alemannen in Mogontiacum (=Mainz) 235 n.Chr. ermordet.
 

2.3. Die ersten Schlussfolgerungen

Der entscheidende Schlüssel zur hier vorgestellten Übertragungsthese des Rikimer-Odoaker-Umfeldes auf die Dietrich-Figur liegt vor allem in der ursprünglicheren, aventiurehaften Dietrich-Phase begründet und hängt da von drei entscheidenden Aspekten ab:

    1. Die aventiurehaften Dietrichepen haben einen historischen Kern der ursprünglich und im Wesentlichen die Zeit zwischen 450-475 betreffen könnte.
    2. Die dahinterliegenden Ereignisse fanden hauptsächlich im zentralalpinen Umfeld Oberitaliens statt.
    3. Sie beschreiben Episoden einiger, aufstrebender germanischer Söldnerführer adeliger Herkunft jenes zentralalpinen Limesbereichs, hauptsächlich in der Lebensphase zwischen 16-40 Jahren - und sind später vereinfacht mit der zentralen Dietrich-Figur in Verbindung gebracht worden. Da jene Ereignisse in damals relativ schwer zugänglichen Berggebieten stattfanden und somit historisch von eher marginaler Bedeutung waren (Die Alpen galten den Römern als uninteressant.), wurden sie von den Historikern jener Zeit übergangen. Die Überlieferung fand vorerst im selbigen isolierten Umfeld statt.

Damit stünde hinter dem aventiurehaften Dietrich-Helden noch nicht ein König (von Italien). Wenn, dann könnte dieser höhere Status erst zu einem späteren Zeitpunkt erreicht worden sein. Die Bestätigung von ein bis zwei dieser obigen Punkte führt von Theoderich II. entschieden weg, hin zum Rikimer-Odoaker-Umfeld zurück.

 

Gemäß der hier aufgeworfenen Übertragungsthese dürften nachfolgende Einflüsse seitens der Langobarden und schließlich durch die Franken zu weiteren Anpassungen geführt haben, die die historischen Sinnzusammenhänge der ursprünglichen Überlieferungen zusätzlich verzerrten.

 

2.4. Die Mehrfach-Übertragungen in Mythen und Sagen

Diese mehrfachen Übertragungen von Mythen und Sagen auf die jeweils nächstfolgenden Volksstämme und ihrer Herrschaften waren eine weit verbreitete uralte Tradition, und kommen machtpolitisch den heutigen Regierungsgesetzen nahe, die ebenso laufend am politischen Umfeld angepasst werden. Jene sagenhaften Übertragungen auf den jeweiligen Herrscher und seiner Dynastie entsprach der ausgesprochenen Legitimation beim Volk - einem Denkmal für eine bestimmte Machtposition. Ähnlich wurde die Herrschaft der titanischen Götter unter Chronos-Saturn später durch die olympischen mit Zeus-Jupiter an der Spitze gestürzt und übertragen, wobei die vorherigen als Greise in Pension geschickt wurden. Ein ähnlicher Übertragungsprozess führte die uralte Genesis-Überlieferung ins bedeutend jüngere Alte Testament, und löste am Ende bereits außerhalb ihres Machtbereichs die mythische Mithras-Figur durch Jesus ab.

Was früher Teil des politisch=religiösen Kalküls war, führt heute ins kulturhistorische Reich der Museen und Opern oder in tiefere geistige Abenteuer, für die leider nur mehr wenige gewappnet sind, wenn derart uralte, komplexe Zusammenhänge aufgespürt werden wollen. Möchte beispielsweise dem Ursprung des bekannten Nibelungenmythos nachgegangen werden, müsste nicht wie oft behauptet nach Island gereist werden, denn auch dabei handelt es sich bereits um eine mittelalterliche Neuinterpretation des Nibelungenlandes. Das mythische Eis- und Nebelland (Nifelheim) der eigentlichen Nibelungen oder Niflungen dürfte schon eher inmitten Europas, der heutigen Schweiz liegen. Die Nibelungen könnten also früher einmal die keltischen Bewohner eines bestimmten schweizerischen Gebietes gewesen sein. Höchstwahrscheinlich waren das die Helvetier, denn Nifelheim entspricht auch der Hel, der germanischen Hölle aus Schnee, Eis und Nebel. Für dieses mythische Land Nifelheim gibt es sogar eine uralte aber ziemlich genaue geographische Beschreibung, die auf Helvetien passen würde: Im Zentrum befand sich Hvergelmir (ein riesiger brausender Kessel, - hier vermutlich der Gletscherstock der Zentralschweiz) aus dem 12 Flüsse entsprangen (die südlichen Zuflüsse der Aare aus jenem Gebirgsstock), die zusammen in den Fluss Elivagur münden (hier der Rhein, - in der griech. Mythologie: Eridanus, westlicher Fluss der Unterwelt=Hel). Demnach müsste Brunhild ursprünglich Hel, die Göttin und Herrscherin dieser eisigen Hölle gewesen sein. Eines ihrer bedeutendsten Kultzentren wurde bereits 1886 am östlichen Ufer des Neuenburgersees entdeckt und prägte den Namen der bekannten eisenzeitlichen La-Tène-Kultur. Ihre wichtigsten Opfergaben waren Schwerter und Pferde, Kultobjekte - die sowohl in den mittelalterlichen Übertragungen der Brunhild-Vorstellung maßgeblich waren, als auch namentlich genannte Kultobjekte aller bedeutenden Dietrichhelden waren.

Die Helvetier wurden zuerst von den Römern unter Caesar 58 v. Chr. eingenommen. Später im 5. Jh. n. Chr., nachdem die Burgunder durch die Hunnen am Rhein geschlagen wurden, wurden die Überlebenden vom römischen Feldherr Äetius auch noch in diese Nibelungen-Hölle geschickt, wodurch sie mit diesem mythischen Übernamen der Nibelungen degradiert worden sein durften, denn diese Hölle war den schmachvollen Überlebenden eines Kampfes vorbehalten, die nicht durch den Heldentod umkamen und nach Walhall durften. So übernahmen damals die Burgunder neben den Alemannen das helvetische Reich samt Sagentradition. Im 6. Jh. wurden diese wiederum von den fränkischen Merowingern erobert und übernommen. Die nachfolgenden Konflikte unter den Merowingern bis hin zur karolingischen Machtübernahme im 8 Jh. beeinflussten ebenso die Entwicklung der uns heute überlieferten Nibelungensagen. Ohne nun näher auf diese bekannteren, historischen Nibelungen-Details zwischen Burgunder- und Frankenzeit jener Gefilde einzugehen, zeigt dieses Musterbeispiel wie eine Volkssage im Laufe von mehreren Jahrhunderten vielschichtigen, mythisch-archäologischen Überlagerungen ausgesetzt ist.

Nahezu parallel zur Entwicklung dieser Nibelungengeschichte hat sich ein ähnliches zeitlich geschichtetes Entwicklungsmuster auf die aventiurehaften Dietrichsagen übertragen, von denen auf zwei nachfolgend näher eingegangen werden soll: auf das Eckenlied und dem König Laurin im Grenzbereich zu Tirol-Trentino. Hier dürfte eine rätische Stammesgeschichte (u.a. Sinduni) die Grundlage gebildet haben. Die Räter wurden hier zuerst von den Römern unter Drusus 15 v. Chr. eingenommen. Im 5. Jh. n. Chr., um Einfälle aus dem Norden gegen das römische Reich abzuwehren wurde hier ein besonderer Gebirgslimes hauptsächlich von germanischen Söldnern unterschiedlicher Stämme unter der Führung von Rikimer und Odoaker aufgebaut, der sich besonders im Eckenlied bemerkbar macht. Ende des 5. Jh. n. Chr. übernahm die Führung der Ostgotenkönig Theoderich der Große (Dietrich von Bern). Die Römer waren zwar in den Dietrichsagen gerade noch präsent, hatten aber nicht mehr viel zu melden - ein Zustand, der auf dieses Umfeld hinweist. Im 6. Jh. nach der Ostgotenherrschaft teilten sich hier die Reiche zwischen Langobarden und Bajuwaren, die von merowingischen Eroberungsversuchen aus dem Westen heimgesucht wurden, was im Eckenlied wieder zur Geltung kommt. Im 8. Jh. gelang aber die karolingische Machtübernahme von Süden her durch Karl den Großen zuerst gegen die Langobarden und schließlich gegen den Baiernherzog Tassilo III. mittels Komplott: einer hinterhältigen Einladung und anschließenden militärpolitischen Falschanklage. Dieser Schlussstrich ist unterm Eckenlied und König Laurin besonders spürbar nachvollzogen worden, wo der Möchtegernkönig Tassilo III. von den karolingischen Schreibern hintergründig als Zwergenkönig karikiert wurde. Dass hier auch seine vielen Getreuen grausam liquidiert wurden, ist dem karolingischen Diktator nur zuzutrauen. Und dass es heute einen Karlspreis für besondere Verdienste um Europa gibt, spricht für das besondere Verständnis der historischen Mythenbildung auch in der moderneren europäischen Vereinigungs- bzw. Eroberungspolitik.

 

2.5. Die weiterführenden Hinweise in der altnordischen Thidrek-Saga

Werden zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.


 

3. Die aventiurehaften Dietrichepen 

3.1. Zusammenfassende Ergebnisse der Ortungsanalysen zu den aventiurehaften Dietrichepen

Grundsätzlich lässt sich hinter den aventiurehaften Dietrichepen immer eine geographische Richtung von unten (Süden, Verona) nach oben (Norden, Süd-Tirol) ausmachen.
Im Hintergrund dieses geographischen Raumes dürfte sich ein besonderer, zentraler Alpenlimes verbergen, aus zusammenhängenden Signalstellen und größeren Berglagern entlang der wichtigsten Talstrecken. Dieser müsste einst unter Rikimer und Odoaker im 5. Jh. aufgebaut und von einer vorwiegend germanisch besetzten Söldnertruppe gehalten worden sein. Nur so lässt sich auch dieser ursprünglich nicht-germanische Raum für die germanische Sagenüberlieferung so zentral bedeutsam erklären. (Hier eines der tiefer gelegenen Limeslager in seiner möglichen Entwicklung und Ausdehnung: Endidae. Die hier geortete Ausdehnung würde ein Vielfaches größer sein, als die bisher bekannte Anlage Castelfeder).

Unterer Bereich:
1. "Der Wunderer" oder "Etzels Hofhaltung": Asiago-Pasubio nördlich von Verona. 
   Hier sollten die "Dietrich"-Aventiuren etwa um 452 beginnen - Attlias Italienfeldzug. Dietrich könnte hier Orestes entsprechen.

Der  Hauptteil betrifft vorwiegend die oberen Bereiche:
2. "Virginal" (auch: "Dietrichs erste Ausfahrt", "Dietrich und seine Gesellen", "Dietrichs Drachenkämpfe". Es handelt sich um das Hauptwerk, das die folgenden Versionen Werke prägte): Im Grenzbereich des heutigen Südtirol-Trentino anzusiedeln

Der Einsatz des Bereichs um den Lago Maggiore (z.B. Arona) sind spätere hochmittelalterliche Übertragungen der Visconti von Mailand, die seinerzeit ihre Grenzen und Einflüsse bis ins Tiroler Gebiet ausdehnten.

3. "Sigenot": Trient-Civezzano
4. "Goldemar": Etschtal, Truden-Montan (Trutmunt)
5. "Dietrichs Kampf gegen das Riesenpaar Hilde und Grimm": betrifft Stammeskönig Alberich - Bergbau und Kultort im Valsugana
6. "Eckenlied": betreffen Kämpfe, Siedlungs- und Kultorte zwischen Trient und Weißhorn-Regglberg (Dolomiten-Westrand)
   zu 6. "Dietrich und Vasolt": betrifft Bereiche des Eckenlieds
7. "König Laurin": Stammeskönig - Bergbau- und Siedlungsorte im Latemar-Gebiet, ferner Rosengarten (am Dolomiten-Westrand)
   Hier enden die zentralen "Dietrich"-Aventiuren um 475

Die "Außenseiter" (Spätwerke)
Diese werden ebenso im Zusammenhang dieser Gruppe der aventiurehaften Dietrichepen erwähnt oder hinzugezählt und werden an dieser Stelle vollständigkeitshalber vermerkt. Meines Erachtens sollten sie eine literarische Brücke zu den späteren, historischen Dietrichepen darstellen.

8. "Waldebaran": eine künstlich-literarische Fortsetzung des Laurin mit mehreren geschichtlichen Einflüssen nach der Zeit der aventiurehaften Dietrichepen (Odoaker-Theoderich-Krieg, Belisar-Narses-Kriegszüge, Kreuzzugsthematik).

9. "Ortnit" und "Wolfdietrich": Lokalisiert sich im "Virginal"-Bereich einerseits mit Beziehungen zu Spanien und anderseits mit Konstantinopel, was wieder auf mehrere geschichtliche Einflüsse nach der Zeit der aventiurehaften Dietrichepen hinweist (Odoaker-Theoderich-Krieg, Franken-Langobarden-Kriege, Kreuzzugsthematik)

Die Reihenkampfepen: stellen hauptsächlich eine Verbindung zur Nibelungensage her.
"Der Rosengarten zu Worms": hauptsächlich zwischen Bern und Worms 
"Biterolf und Dietleib": zwischen Spanien und Österreich-Ungarn, Rom und Worms 
 
 

4. Die Voranalysen der Dietrichepen zum Dolomiten-Raum

4.1. Zwischen Abenteuermärchen und Historiendichtung

Wie bereits oben angeführt, sind das "Eckenlied" und der "König Laurin" auf dem westlichsten Dolomiten-Raum im Grenzgebiet von Tirol-Trentino (Zielgebiet: Regglberg) lokalisiert. Diese Epen werden aber bis heute zu den märchen- bzw. aventiurehaften Dietrichdichtungen gezählt, gekennzeichnet u.a. durch die darin enthaltenen Fabelwesen (Drachen, Zwerge, Riesen) und somit den Anschein nach auch ohne historischen Hintergrund. Ihnen gegenüber stehen die historischen Dietrichdichtungen, wie beispielsweise das "Nibelungenlied", denen bloß einfacher bestimmte historische Begebenheiten zugeordnet werden können. Ohne Fabelwesen sind diese ebenso nicht. So dürften Fabelwesen noch keinen zureichenden Hinweis auf eine märchenartige Basis in den Dietrichdichtungen sein, sondern vielmehr christlich abwertende Bezeichnungen oder symbolische Sprachausdrücke für reale Gegebenheiten wie etwa: Drachen für besondere Naturgewalten, gefahrvolle Hindernisse oder machtvolle Errungenschaften*, Zwerge für Bergvölker von etwas kleinerem Wuchs und Riesen, einerseits als Ausdruck ihrer heidnischen Schutz-Gottheiten und anderseits für ihre höhergewachsenen Schutzherren, etwa den germanischen Söldnern. Das Fehlen von bekannten historischen Bezugsereignissen kann sich einfach aufgrund marginaler Ereignishintergründe oder abgelegener Orte erklären lassen, die nicht Eingang in die Reichschroniken oder ähnlich bedeutsamen, historischen Überlieferungen fanden. Das rechtfertigt jedoch noch nicht jene der Märchendichtung zuzuordnen.

 

*Die Bezwingung des Drachens kann beispielsweise die höchste Meisterschaft in der Beherrschung von Schmelzöfen bis hin zur fertigen Wunderwaffe versinnbildlichen: Siegfried-Schmiedelehre-Meisterprüfung (=Drachenkampf). Die höhere Waffen-Schmiedekunst war eine Geheimwissenschaft und entschied oft über Sieg und Niederlage eines Volkes. Dieses Sinnbild galt außerdem auch in anderen Kulturkreisen (z.B. in der Argonautensage der Bronzezeit)

Die Einteilung: da Abenteuermärchen - dort Historiendichtung, ist auf wenige Äußerlichkeiten begründet und somit kaum haltbar. Die folgenden Ergebnisse der hier eingeleiteten Voruntersuchungen schwächen diese (hypothetische) Unterscheidung noch weiter ab und ordnen auch den "märchen- bzw. aventiurehaften Dietrichdichtungen" (beispielsweise "Eckenlied" und "König Laurin") historische Begebenheiten zu, ähnlich wie das für das "Nibelungenlied" gilt. Nur aufgrund ihres historisch unbekannten und daher schwieriger zugänglichen Ursprungs gelangte man bisher mit dem "Eckenlied" und dem "König Laurin" bis zur "märchenartigen" Bestimmungsebene, während aus den bekannteren historischen Details des "Nibelungenlieds", die entsprechenden Zusammenhänge nur einfacher zu erkennen waren. Dieses Fehlurteil ist nicht verwunderlich, beschränkte sich die bisherige Forschung doch hauptsächlich auf die Interpretation sprachlich-textlicher Strukturen derartiger Überlieferungen, während mögliche historisch-geographische Strukturen und Zusammenhänge fast vollständig vernachlässigt wurden.

 

Nibelungenlied

Eckenlied,  König Laurin

Kultur-historische Grundlage

Keltisch-Germanisch - Helvetier-Alemannen-Burgunder-Franken: Mit diesen Stämmen und Kulturen haben sich  römische und griechische Historiker ausgiebiger beschäftigt. Später gingen auch aus den eigenen Reihen Historiker hervor. Es existieren entsprechend umfangreiche Dokumentationen. Mit den karolingischen Franken überlebte die germanische Siegermacht. Zentrale, historische Begebenheit im Nibelungenlied ist die Vernichtung der Burgunder durch die Hunnen über eine "trügerische Einladung".

Rätisch-Germanisch - davon ein verhältnismäßig kleines Stammesgebiet der Sinduni. Von dieser Kultur existieren insgesamt nur wenige verlässliche Berichte. Die vertretene germanische Limesbesatzung war hingegen sehr vielschichtig (Rugier, Gepiden, …). Die letzte langobardisch-bajuwarische Limesbesatzung wurde von den karolingischen Franken ebenso über eine "trügerische Einladung" (Karl gegen Tassilo III.) abgelöst. Die karolingische Geschichtsfälschung erschwert hier zusätzlich eine weitergehende Nachforschung.

Ursprungsgebiet

Mittleres und südliches Rheinland: Hauptdurchzugsgebiet. Zentrale politisch-strategische Lage. Ein größeres Beziehungsumfeld ist einbezogen.

Gebirgsland der Dolomiten: damals isolierter und schwer zugänglich. Bergbau. Hauptdurchzugsgebiet im nahen Etschtal. Militärstrategisch wichtig. Politisch uninteressant.

Dichtung

Klösterliche Auftragsarbeit eines professionellen Dichters, der seine Arbeit gezielt auf mehrere bekannte historische Persönlichkeiten, Ereignisse und bedeutende geographische Gebiete anlegte. Historisierender.

"Volksdichtung". Davon sind im Eckenlied-Kreis* mehrere geographische Hinweise überliefert worden - auch relativ unbedeutende: Bern (Verona), Trient, Metze (Mezzocorona), Nonsberg, Jochgrimm, Altensal (Salurn?)… Im Laurin nur wenige geographische Hinweise: wieder Bern, Tirol und der "Rosengarten"

Verbreitung

Die Dichtung verbleibt großteils im seriösen, klösterlichen oder höfischem Umfeld.

Der Stoff findet auch in der spätmittelalterlichen Bevölkerung weite Verbreitung.

*Die relativ zahlreichen auch unbedeutenden Orts- und Namenshinweise belegen hier gute örtliche Kenntnisse und Zusammenhänge, die zusammen mit dem eher geringeren literarischen Qualitätsbewusstsein auf entsprechend ältere historische bzw. historisierende Vorlagen schließen lassen, von denen die Eckenlied-Überragungen des 13. Jh. abhängig gemacht werden müssten, was beim König Laurin nicht zutrifft. 

 

4.2. Kurzer Inhaltsvergleich: Nibelungenlied – Eckenlied – König Laurin

Zu den Epen gibt es oft unterschiedliche Überlieferungsversionen. Zwecks Einführung sind hier nur die jeweiligen Grund-Gerüste angeführt, die sich in den Versionen kaum voneinander unterscheiden.
 

Das Nibelungenlied
In allen drei Dichtungen geht es im Wesentlichen um Vernichtung. Im Nibelungenlied werden dabei die germanischen Burgunder vernichtend geschlagen. Frauen sind daran maßgeblich beteiligt: Im Hintergrund stehend verwickeln sie die Helden im Verlauf der Geschichte immer wieder in Schwierigkeiten. Anfangs besiegt Siegfried den Zwergenkönig Alberich/Reginn. Er übernimmt seine besondere Kampfausrüstung bestehend aus einem Wunderschwert und der Tarnkappe. Mit der Drachentötung kommt er in den Besitz des bekannten Nibelungenschatzes. Später aufgrund eines Frauenzanks bei den Burgundern erfährt Brunhild, dass sie von ihrem Mann Gunther und Siegfried überlistet wurde. Hagen bricht auf drängen Brunhilds die Treue zu Siegfried und tötet ihn. Er versenkt den machtvollen Nibelungenhort in den Rhein. Später heiratet Kriemhild Etzel (Attila) und lädt die Burgunder zum Festmahl ein, um an ihnen Rache zu üben. Im Kampf zwischen Hunnen und Burgunder werden letztere vernichtet. Nur wenige überleben die Untergangs-Katastrophe, darunter Dietrich von Bern, der hier eine souveräne Vermittlerrolle spielt.

Das Eckenlied
Drei Königinnen im Gebirge zu Jochgrimm (Tirol) veranlassen den Riesen Ecke gegen den Helden Dietrich von Bern auszuziehen. Eine, Seburg genannt, verspricht ihn zu heiraten, falls es Ecke gelingen sollte, Dietrich lebend herzuholen. Er verliert jedoch den Kampf im Wald. Dietrich übernimmt Eckes besondere Kampfausrüstung und kommt schwer verwundet zu Babehilt - einer Wasserfee. Sie heilt ihn. Er kämpft später gegen Eckes älteren Bruder dem Riesen Vasolt und unterwirft auch ihn. Vasolt verspricht Dietrich die Treue und seine Lehen. Sie reiten zur schönen Burg eines Zwergen - eines seiner Lehen, wo sie ein Festmahl halten. Vasolt kommt in den Konflikt zwischen Vasallität und Sippentreue. Auf dem Weg zu den Königinnen tötet Dietrich Eggenot, dann Vasolts Mutter und Schwester. Vermutlich wird die ganze Sippe einschließlich Vasolt vernichtet - genaueres ist nicht bekannt, da der letzte Teil nicht oder unterschiedlich überliefert ist. Die Königin Seburg und ihr Umfeld werden jedoch verschont.

König Laurin
Hier erzählen der Held Dietleib und Dietrichs Waffenmeister Hildebrand dem jungen Dietrich von den Besonderheiten um des Zwergenkönig Laurins Rosengarten, der auch die christliche Jungfrau-Königin Künhild (Similde) entführt haben soll. Man beschließt gen König Laurin ins Gebirge Tirols zu ziehen. Dort nimmt Witege (Wittich) sich sogleich den Rosengarten vor. Es kommt zum Kampf. Laurin wird trotz seiner zauberhaften Kampfausrüstung von Dietrich mit Hilfe Hildebrands besiegt. Laurin verspricht Dietrich die Treue und lädt sie zu seiner Burg ins Bergesinnere ein, wo sie ein Festmahl halten. Nachts kommt es abermals zu einem Kampf, indem diesmal Dietrich und seine Helden unterliegen und eingekerkert werden. Dietrich gelingt die Befreiung. Durch Künhilds Zauberringe können die durch Tarnkappen unsichtbaren Zwerge wieder sichtbar gemacht werden. Dietrich und seine Ritter vernichten damit das Zwergenvolk. Künhild bittet um Gnade für Laurin, da er sie anständig behandelt hat. Sie wird ihm gewährt. Er kommt nach Bern und darf später wieder zurück. In einer anderen Version gelingt ihm die Flucht.

Bemerkungen:
Während der Ur-Eckenlied-Dichter das Nibelungenlied nicht gekannt haben durfte, musste dem Ur-Laurin-Dichter dieses bereits vorgelegen haben, und hat scheinbar die Anfangs- und Schluss-Themen des Nibelungenlieds zum Hauptthema seines Erzählstoff gemacht (Eroberung des Zwergenkönigs und Schatzes - Vernichtung des Volkes).
Im Eckenlied dringen verstärkt keltisch-rätische Elemente zutage (etwa die heilende Wasserfee), die in der Artussage ähnlich vorkommen. Trotzdem durfte dem Ur-Eckenlied-Dichter auch diese Sage nicht vorgelegen haben. Umso interessanter sind die in diesem Zusammenhang auftauchenden Parallelen zum keltischen Sagenkreis (siehe dazu weiter unten). Das Eckenlied dürfte in einem der ursprünglicheren Versionen erhalten geblieben sein – davon jedoch nur der erste Teil. 
 

4.3. Vergleiche der drei Dietrichdichtungen auf ihre historischen Hauptinhalte

 

 

Nibelungenlied

Eckenlied

König Laurin

Hauptthematik: Völkerwanderung, Vernichtung

Nibelungen (ursprünglich keltische Helvetier, später auf Burgunder übertragen) werden vernichtet

Rätische Schutzgottheiten, später auf germanische Schutzherren übertragen (als "Riesen" dargestellt) werden vernichtet

Rätisches Bergvolk (als "Zwerge" dargestellt) wird samt ihrer germanischen Schutzherren und Verbündeten ("Riesen") vernichtet

Literarische Darstellung der Grundmotive zur Vernichtung

Heldenkampf, Frauenstreit, Neid, Intrige, allgemeiner Machtkampf, hinterhältige Einladung, der innere Feind ist der gefährlichste

Auftrag: Feind von außen besiegen, Herausforderung zwischen heidnischen Göttern und christlichen Helden, offene Eroberung, Übermut, Heldenkampf und Opferung.

Feind von außen abwehren, "Rosengarten"-Streit, Jungfrau-Entführung, Eroberungsabenteuer, hinterhältige Einladung, Bezwingung des Heidnischen

Auffälligster historischer Hintergrund 

Machtkampf zwischen Völkern, Kulturen und politischen Lagern, schließlich Vernichtung der Nibelungen (Burgunder) durch die Hunnen.

Angriffskrieg im tirolerischen Gebirge (Alpenlimes). Aufeinanderprallen unterschiedlicher Weltanschauungen (vereinfacht: heidnisch-christlich). Auseinandersetzung zwischen verfeindeten Germanenstämme (Arianer-Katholiken). Schließlich Eroberung und Vernichtung der Angegriffenen.

Zum Teil räumlich-inhaltliche Fortsetzung und Ergänzung des Eckenlieds: Weiteres Eindringen in ein rätisches Bergbauzentrum ("Rosengarten"), Eroberung und Vernichtung des dort nicht kooperierenden Stammes samt ihrer germanischen Verbündeten.

Letzte historische Übertragungen

Die Merowinger besiegen die Burgunder. Es folgen fränkische Intrigen unter den Merowingern und schließlich Intrigen unter den Karolingern

Der für die Merowinger uneinnehmbare Alpenlimes wird von den Langobarden und Baiern gemeinsam gehalten. Er fällt schließlich über ein breitangelegtes Intrigengeflecht durch Karl den Großen. Die bisherige Überlieferung wird umgeschrieben und hist. gefälscht.

Vernichtung eines rätischstämmigen Bergvolkes samt ihrer germanischen Verbündeten, den Baiern und Langobarden durch das karolingische Intrigengeflecht Karl des Großen. Eine ältere Eroberungsgeschichte dürfte hier bereits vorgelegen haben.

Haupthandlungsort

Mittleres und südliches Rheinland 

Etschtal und südwestlichster Dolomitenrand 

Südwestlichster Dolomitenrand 

Ursprünglichste Verschriftlichung

Fränkische Urschriften des 7.-8. Jh. aus Burgund (Frankenreich). Heute bekannte Form von einem klösterlichen Literaten im Mühlviertel überarbeitet.
Österreich. Zeit: um 1200

Fränkische Urschrift 7.-8. Jh. aus dem bairischen Regglberg* (damals vom Frankenreich abhängig - heute Südtirol) kommt ins Rheinland. Heute bekannte ältere Übertragungsform (E2) aus Köln. Zeit: um 1220

Relativ späte Niederschrift vermutlich in einer Burg bei Bozen mit Blickfeld auf das Rosengarten-Massiv. Südtirol. Dem Verfasser mussten bereits sämtliche Ritterepen vorgelegen haben.

Zeit: um 1230

 

 

Die Übertragungen des 13. Jh. erfolgten zu einem Zeitpunkt, wo der historische Hintergrund bereits mehrere Jahrhunderte vergangen war und anderseits durch die aufkommenden Kreuzzugsproblematiken eine Wiederbelebung erfahren hatte. Daher dürfte der christliche Aspekt im 13. Jh. stärker ausgebildet worden sein, während ursprünglichere historisch-geographische Details weiter an Bedeutung verloren. Der Vergleich des Eckenlied-Kreises mit dem König-Laurin-Kreis verdeutlicht diese Entwicklung der unterschiedlichen Übertragungen.

*Die relativ zahlreichen auch unbedeutenden Orts- und Namenshinweise belegen gute örtliche Kenntnisse und Zusammenhänge, die zusammen mit dem eher geringeren literarischen Qualitätsbewusstsein auf entsprechend ältere historische bzw. historisierende Vorlagen schließen lassen, von denen die Eckenlied-Überragungen des 13. Jh. abhängig gemacht werden müssten, was beim König Laurin nicht zutrifft. 

 

4.4. Mögliche Beziehungen zu keltischen... Schutzgottheiten im Eckenlied

Die Überlegung, hinter den riesenhaften Eckenlied-Gestalten könnten sich alte Gottheiten verbergen, ist nicht neu. Da mir diese bisher als einfache Spekulation in Richtung germanische Gottheiten bekannt ist (entsprechend der von anderer Seite gehegten Lokalisierung zum Rheinland), soll diese hier vor allem auf den keltisch-etruskisch-rätischen Kulturbereich weitergeführt werden. Nachfolgend wird also die Zuordnung auf das bekanntere, keltische Pantheon übertragen, dessen Kulturkreis mit dem Etruskischen und Rätischen verbunden war. Zudem spielen die Franken in der schriftlichen Übertragung eine besondere Rolle, die ebenso lange im Einflussbereich des Keltischen standen. In diesem Zusammenhang sind vorerst vier Hauptprobleme zu berücksichtigen:

    • Die ursprüngliche Namensvielfalt: Bereits die Namen derselben keltischen Gottheiten haben sich häufig von Region zu Region unterschieden. Aus diesem Grund tragen sie oft auch mehrere Namen. Nur wenige der vielfältigen Namen wurden überliefert und sind uns heute bekannt. Einige haben beispielsweise in den Orts- und Flurnamen überlebt. Beispiel:

Rigani, Rigantona, Rhiannon (heute enthalten in: Rhone, Rhein, ...), Brigantia, Brigit, Bricta (heute enthalten in: Britannien, Bretagne, Bregenz, Brixia, Brixen), Morigan (Glamorgan - Südwales), Noreja (Noricum - Österreich), Reitia (Raetien), die "Frau Ritsch" (mythische Freskendarstellung einer Riesin im Schloß Runkelstein - Südtirol)... Dazu das germanische Äquivalent: Frigg (Frija), Freyja
Weiter unten werden die gebräuchlichsten Namen der keltischen Hauptgötter genannt, mit Hinweisen zu Nachbar-Kulturen und => mit Parallel-Hinweisen zum keltisch-christlichen Artuslied. Wie diese Götter einst von den (keltisch-etruskischen) Rätern in den Dolomiten genannt wurden, muss hier letztlich mangels an eindeutigen, schriftlichen Überlieferungen ausgeblendet bleiben. Naheliegend sind hierzu Namensähnlichkeiten. Auf derartige Beziehungen wird hingewiesen.

    • Ideologische Manipulation: Durch die Christianisierung wurden die ursprünglichen Namen und Funktionen bewusst verändert oder ausgetauscht, wie es beispielweise mit den alten Kultorten praktiziert wurde, wo neue christliche Kirchen anderer Stilrichtung auf geweihten Hainen gesetzt wurden oder wo ursprüngliche Festriten zu komischen Faschingsumzügen umgestaltet wurden (Beispiel Egetmann-Umzug). Die Zwangs-Italienisierung im Faschismus ist beispielsweise das jüngste Beispiel derartiger ideologischer Manipulation in Südtirol.
    • Kultur-sprachliche Veränderungen: Im Eckenlied können diese zusätzlich alt-mittelhochdeutsche Umwandlungen erfahren haben. Beispiele derartiger Herleitungsmöglichkeiten sind unten angegeben. 

Vermutlich bedienten sich die alt- und mittelhochdeutschen Überlieferer oft auch folgender Übersetzungs-Verfahren:
Nur die erste Wortsilbe des alten Götternamens wird zur 1. Wortsilbe des neuen Namensbezugs - ergänzt mit einer dazu typischen, bekannten alt- und mittelhochdeutschen Wortendung. Auf diese verdeutschende Weise konnte der ursprüngliche Name besser eingeführt werden. Beispiel:
Seburg, Se-burg: Se (Saelde, Selva) + burg (Burg)
Babehilt, Babe-hilt: Babe (Babd) + hilt (Kampf)

    • Literarische Anpassungen: Aus literarischen Gesichtspunkten wirken noch die Eigenheiten und das Verständnis der nachfolgenden Dichter, Interpreten, Kopisten und Übersetzer nach.
       

Eckenlied  => Parallel-Hinweise zum Artuslied

Entsprechungen zu keltischen… Gottheiten

Ecke oder Egge, wird hier als junger Kampfriese dargestellt. Egin, ahd. für Schneide-Schwert = formt sich zu Ecke, Egge, und beschreibt die zentrale Funktion im Epos. Dietrich übernimmt nach Eckes Tötung sein berühmtes Schwert Eckisax und tötet oder bezwingt damit alle übrigen (rätischen) Gottheiten.
Egeria - etruskische Geburts-Gottheit
Acca Larentia - etrusk. Gottheit: Edle Mutter ('Große Mutter')
Eggdir - altnordische Gottheit in der "Edda" erwähnt
Etgeir - Riese in der altnordischen Sagensammlung "Thidrek"
Egetmann - Hauptfigur im Tiroler Fasnachtstreiben
Recke - mhd. für großer germanischer Held/Krieger und Kampf-Riese. 
Reggelberg - Berg der sagenhaften Kampfriesen

Egg, Eck - in Südtirol: Suffix für höher gelegene Burganlage, was bei der Mehrzahl Ecken hier auf die Burgen eines Alpenlimes hinweisen könnte.

Teutates: Der Kriegsgott. Ein keltisches Äquivalent zu Mars, der früher auch Ackergott (->Egge) war. Sein Symbol ist das Widderhorn und der Eber. Er schützt die Himmelskönigin Rigani vor dem Zorn des Taranis, während ihres alljährlichen Ehe-Aufenthaltes unter der Erde.
Tecum - etrusk. Gottheit über Krieg und Frieden. Dieser etrusk. Göttername zeigt sowohl Beziehungen zum keltischen Teutates, als auch zum rätischen Ecke-Ece*
germ. Äquivalent: Odin/Wodan
=> In der Artussage übernimmt anfangs der kriegerische König Uther Pendragon (=Drachenhaupt) diese Funktion, später sein Sohn, Nachfolger und Kriegsheld Artus (=Bär).

Vasolt: Eckes älterer Bruder wird hier auch als Sturmdämon bezeichnet, wird bei der wilden Jagd auf Frauen angetroffen (Bacchus-Dionysos-Hinweis).
"Vasall" ist ein aus dem Keltischen kommende Bezeichnung für Dienstverpflichteter und wichtiger Begriff bei den Franken. Dieser formt sich im Eckenlied zu Vasolt, und beschreibt auch die zentrale Funktion im Epos. 
=> In der Artussage erscheint eine ähnliche Figur als Zauberer Merlin und Beschützer Artus. Sein Ende ist Artus Anfang vom Ende, das mit seiner Frauenjagd eingeleitet wird.

Taranis: Der Himmels-Gott (Etrusk.: Tin, germ. Tyr). Donnerer und Blitzeschleuderer, ein keltisches Äquivalent zu Jupiter
Symbol: heiliges Rad, trägt das Blitzsymbol, Beschützer des Volkes. Gemahl der Himmelskönigin Rigani, mit der er sich alljährlich vermählt (heilige oder kosmische Hochzeit).
Hinweis: Als Berggeist ist er auch als Ladicus bekannt. Die Nachkommen der Dolomiten-Räter werden Ladiner genannt, was allgemein auf die Lateinisierung/Romanisierung des Bergvolkes zurückgeführt wird. Ursprünglicher könnte jedoch die Herleitung eines solchen bedeutenden Stammesgottes sein: Ladiner sind die, die Ladicus** beschützt.
germ. Äquivalent: 
Tyr - noch im Landesnamen Tyrol enthalten. In den Tiroler Sagen öfters als Titsch benannt oder einfach als Wilder Mann.
Später auch Wili, Odins Bruder, und Thor/Donar

Drei Königinnen, darunter wird Seburg als die dominanteste von den dreien benannt. In Jochgrimm sind sie als die drei Wetterhexen überliefert. Gegen Ende des Lieds werden Vasolts Mutter (Birkhilt) und Schwester (Udelgard) - ebenso Riesinnen - umgebracht. Demnach könnte Seburg den Ehefrau-Aspekt darstellen. In den mittelalterlichen Überlieferungen können diese Zusammenhänge verloren gegangen sein oder vereinfacht, absichtlich weggelassen worden sein.
Seburg - könnte auf ein Kultzentrum am See Lavaze hinweisen
Birkhilt - möglicherweise vom kelt. Brigit-Birgit abgeleitet. 
Udelgard - möglicherweise vom mythischen Jenseitsgarten Udgard (Paradies) abgeleitet. Urd - Nymphe im Jenseitsgarten

Rigani: wörtlich 'göttliche Königin' = Große Göttin, in Anlehnung an die 'Große Mutter' 'Magna Mater'. Germ. Äquivalent: Frigg. Rätisches Äquivalent: Reitia. Gemahlin des Himmels-Gottes Taranis. Die Göttin, wurde oft als Dreiheit (Triade) dargestellt: als junges Mädchen (Jungfrau, Schwester), als Mutter und als alte Frau. 
zwei der bekanntesten Triaden-Nennungen: 
Babd - Nemain - Morrigan
Brigit - Dana - Anu
Seburg - mögliche Beziehung zur kelt.-etrusk. Göttin Saelde und Selva
=> In der Artussage nimmt die Fee/Hexe Morgan (Fata Morgana, keltische Kriegsgöttin) als Halb-Schwester Artus die Funktion eines der Königinnen ein.

Babehilt: möglicherweise von der keltischen Babd abgeleitet.
Etrus.-röm. Äquivalent für die wilde Seherin: Baccha. 
slawisches Äquivalent der wilden Frau: Baba Yaga
nach (rät.) Sagenüberlieferung aus Südtirol-Trentino: Berta
Kommt hier in der Eigenschaft als Wasser- oder Meerfee vor und nennt "herrliches Land im Meer" ihr eigen.
=> Vermutlich ist hier Avalon gemeint - das keltische Walhall.

Nantosvelta: Wasser-Göttin (kelt.: nant = Fluß, Bach), Göttin der Fruchtbarkeit und der Unterwelt, Anderswelt
Meer: keltisch = Mor - Mor-rigan
=> In der Artussage ist es die Dame vom See, Nimue (Nemain) mit der verborgenen Beziehung zur Morrigan

* Hier eine Parallele der etrusk.-röm. Mythologie zur keltischen Mythologie: Nach einer etrusk-röm. Sage heiratet die etruskische Göttin Acca Larentia (edle Mutter = Große Mutter) den reichen Tarutius (= Beziehung zum keltischen Taranis). Als dieser stirbt (Winter - Krieg), vermacht sie das gesamte Vermögen (Vegetationsperiode, Ernte - Land, Schätze) dem Volk (den Über-Lebenden - Stärkeren). Sowohl im Eckenlied, als auch in der Egetmann-Tradition klingt noch diese Götterheirat durch (s.u.).

** Ladicus: Dabei muss Ladicus wieder als lateinisierte Namensform einer keltisch-rätischen Berggottheit angesehen werden, hinter der vielleicht Ladi oder Lada stecken könnte. In den Dolomiten, der Heimat der Ladiner, gibt es auch zwei bemerkenswerte Bergriesen, die diesen Wortlaut tragen und ebenso auf diese Gottheit zurückgeführt werden könnten: die Marmolada und der Latemar. Die Urvölker haben besondere Berge meistens im Zusammenhang mit bestimmten Hauptgottheiten gesehen.
 

4.5. Die vergleichbaren Ursprünge im Eckenlied und Egetmann

Auffällig ist bereits die erste Namens- und Sinnähnlichkeit zwischen dem Herrn Ecke und Egetmann* (s.o., s.u.). Hinzu kommt, dass beide, das Eckenlied und das Egetmann-Spiel im Süden Südtirols beheimatet sind, was dann erst recht Vermutungen zu gemeinsamen, uralten Wurzeln aufwirft. Eine vergleichende Untersuchung ihrer Grundmuster bestätigt schließlich wesentliche Übereinstimmungen, die mit den entsprechenden, mythologischen Querverbindungen in Zusammenhang gebracht werden können. 

Im übrigen Tirol (beispielweise in Imst, Nassereith, Telfs, Thaur, ...) finden Fasnachtsgebräuche mit vergleichbaren, archaischen Götter-Figuren statt, die jedoch die mittelalterliche Christianisierung überwiegend ästhetischer (barockisiert) und würdevoller überstanden haben. Diese Differenzen dürften einerseits durch den aus dem Süden in Südtirol eingewanderten, bacchantischen Ritus herrühren. Anderseits könnten diese auch noch mit den zahlreicheren Schlachten zusammenhängen, die in diesem Limes-Umfeld geführt wurden, von das Eckenlied handelt. Interessanterweise gehört der heute bekannteste Austragungsort Tramin auch zu einen der ereignisreichsten Limespunkten, wo eindringende Völker und Heerscharen eingekesselt wurden. Im heutigen Ortsnamen Tramin könnte von dieser strategischen Funktion noch etwas erhalten geblieben sein.  

Anscheinend hat hier die Christianisierung einmal mehr wundersam gewirkt, dass diese Querverbindungen zwischen einer der bedeutenden und ältesten (noch lebenden) Kulturdenkmäler Südtirols bisher niemanden auffallen konnte. Umso interessanter ist es, dieses Verschleierungs- und Auflösungs-Phänomen nach vielen Jahrhunderten mittels Gegenüberstellung ihrer potentiellen Beziehungen freizulegen und so wieder Einblicke in den ursprünglichen mythisch-episch-historischen Bedeutungskreis zu gewinnen.

In der nachfolgenden 2-spaltigen Gegenüberstellung sind also mythisch-episch-historische Ebenen verschmolzen, die zum besseren Verständnis der Auflösungsentwicklung auch 5-stufig auseinandergehalten werden könnten. Im Anschluss der Tabelle wird diese 5-stufige Entwicklung dann ansatzweise etwas näher ausgeführt:

1.      Überlebenswichtiger, archaischer Festritus (mythische Urebene, kulturhistorische Basis von Naturvölkern, hier: vorchristlich)

2.      Erfolgreiche Verteidigungsphasen, die schließlich in eine alles entscheidende Vernichtung endet (mythisch-archaischer Einbruch durch machtpolitische Einwirkung der Römer und Germanen, historischer Eckenlied-Hintergrund: germanische Völkerwanderung)

3.      Zweite mittelalterliche Verfolgungs-Vernichtungsphase durch die destruktive Periode des Christentums (machtreligiöse Einwirkungsebene: Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgung, ...)

4.      Überlieferungen aus Punkt 1 und 2 "überleben" unter dem Einfluss der verfälschenden Siegermächte von Punkt 2 und 3 in einer historisierend-verschleiernden Dichtungsform (Epos, epische Ebene, Beispiel: Eckenlied)

5.      Traumsymbolartiger Überlebensrest im gegenwärtigen, volkstümlichen Brauchtum (volkstümliche Ebene, Beispiel Egetmann) 

Eckenlied

Egetmann-Umzug 

Zeithinweis:
Epos um 1220 niedergeschrieben

Ursprungsheimat der Dichtung:
Südtiroler Unterland

Historischer Bezugbereich:
Trentino und Südtiroler Unterland gegen Ende der Römerzeit

Mythisch-episch-historische Hauptbeziehungen:
Herr Ecke (episch: Ritter, Riese myth.: Schutzgottheit, hist.: rätischer Kriegszug)
Eckenlied (Kampfschrift mit unehrenhaften Beweggründen)
Ritterbund u. Gefolge (Schutzgottheiten, Stammesrat/Kriegsrat)
Seburg (episch: Königin, mythisch: Schutzgottheit, Frau Saelde-Selva)
Vasolt (episch: Ritter, myth.: Wilder Jäger, Sturmdämon, Schutzgottheit, Bacchus)
Bär: keltisches Totemtier (Schutzgeist) - zudem Hinweis auf nachfolgenden Bezug möglich Bär = Bern:
Dietrich v. Bern** tötet die Heiden (episch: christl. Ritteridol)
Vasolt-Bacchus bei Frauenjagd (Bacchanalien)
Jungfrauen, Damen (weibl. Schutzgottheiten) 
Dämonische Jagdhunde (Höllenhunde, ital.-lat. orco cani, röm. Unterwelt: Orcus, 'Cerberusse'***)
Cilens - auch Selva, Salige, Saelde (myth. für Glück/Schicksal)
Quellen, Brunnen, Teiche, Seen, Moore: sind archaische Kultorte, Eingänge in die Anderswelt-Unterwelt, Grab-, Opfer- und Richtstätten

Die etrusk. Göttin Cilens (Glücks- und Schicksalsgöttin) - verbunden mit der Saligen (Tiroler Sagenwelt), Selva (Trentino), Saelde (Dietrichsage) - dürfte mit der Zenzi im Egetmann-Umzug karikiert dargestellt sein. In der volkstümlichen Sagendichtung kommt sie als wildes, kräuter- und orakelkundiges Waldfräulein vor. Ihre heute noch bekannteste Form ist die römische Fortuna, die mit der orakelnden Sibylle verwandt ist: Ihre Attribute: Füllhorn (auch Korbformen) und Radformen (Sonnenrad, Tierkreis, Glücksrad, Lebensrad, Mühlrad, ...). Daraus lässt sich auch die Altweibermühle (füllbares Räderwerk) ableiten. Im sizilianischen Syrakus wird sie mit ihrem Beinamen Automatia (griech. "sich selbst bewegende Maschine" ~ sich verjüngende Kraft) verehrt.

Inhalt und sein historischer Hintergrund:
Im Eckenlied möchte der junge Herr Ecke die Königin Seburg aus Jochgrimm heiraten (episch: Königshochzeit, mythisch: Götterhochzeit - entspricht der heiligen od. kosm. Hochzeit) Dafür muß er ihr nun im Epos vorerst den Dietrich v. Bern herbringen. Dietrich lehnt jedoch ab. Im darauffolgenden Kampf zwischen dem heidnischen Riesen Ecke und dem christlichen Königsritter Dietrich kommt Ecke um, und die meisten Mitglieder seiner heidnischen Sippschaft dazu.

Beim Eckenlied-Epos dient vor allem der christliche Ritterheld Dietrich, um einem heidnischen Gebirgsstamm ein Ende zu setzen. Dabei agiert Herr Dietrich als christliches Ritteridol, Herr Ecke eher als riesige, heidnische Kampfmaschine, die es zu vernichten gilt. Hinter alle dem verbergen sich Kriegsereignisse aus der Völkerwanderungszeit, wo im heutigen Grenzbereich von Südtirol-Trentino Einheimische und Limesbesatzung gegen weiteren Invasoren vorgingen.

Ursprung des Egge-Begriff: Egin, ahd. für Schneide-Schwert = formt sich zu Ecke (Egge) und beschreibt die zentrale Funktion im Epos: Überlebenskampf in Angriff und Verteidigung. In Südtirol steht Egg auch als Suffix für höher gelegene Burganlage, was bei der Mehrzahl Ecken(lied) auf die Burgenkette eines Alpenlimes hinweisen könnte und so auch auf ein entsprechendes Burgen- und Verteidigungslied deuten würde.

Ursprung und Entwicklung:
Im Eckenlied-Epos wird eine kultische Urtradition mit den kriegerischen Schlussereignissen verquickt, um dem ansässigen Stamm in den Untergang zu führen.

Das Eckenlied entwickelte sich im Laufe des Mittelalters zu einem der beliebtesten Epen und Ritterspiele im deutschsprachigen Raum und teilweise auch über diesen hinaus. Naheliegend ist die Aufführung zur Fastnachtszeit, wo die vielen, rohen Kampfszenen wie heute bei einem Kasperspiel zur Volksbelustigung taugten, passend auch zur Stimmungsmache an öffentlichen (Hexen)-Schauprozessen und Hinrichtungen. Nach dem Mittelalter, insbesondere seit der Barockzeit kamen in den Städten dann zunehmend auch feinere Narrenspiele in Mode. Das Eckenlied geriet auch im Herkunftsland allgemein in Vergessenheit und wurde ausschließlich zur episch-mittelalterlichen Fachliteratur. 

 

Zeithinweis:
Erster schriftlicher Hinweis des Brauchtums aus Tramin um 1591.

Ursprungsheimat des Brauchtums:
Südtiroler-Unterland-Überetsch

Kulturhistorischer Bezug:
Archaischer Festritus (keltisch-rätisch-etruskisch) am Winterende

Volkstümlichen Hauptfiguren:
Egge > Eget-mann (vornehmer, großer Herr)
Egetmann-Protokoll (unehrenhafte Darstellung des Egetmann -  ähnlich einem Denunziationsprotokoll laut 'Hexenhammer')
Ratsherrn und Diener (früher Inquisitionsrat und Scharfrichter)
Burgl: Hier meint man Burgl von lat. purgare-austreiben abzuleiten.
Wilder Mann (Winter-Bezug, Winterdämon, ...) trägt Efeu - Attribut des Bacchus neben der Weinreben 
Bär überlebt (Frühlings-Bezug, aber auch für einen generellen Hinweis zum Herrschaftswechsel)
Junger Jäger (Frühling) tötet den Wilden Mann
Burgltreiber, Frauentreibjagd (christ. Hexenjagd)
Jungfrauen und alte Weiber (Hexen)
Schnappviecher, Wudelen (drachenartige Wesen, werden bisher mit dem Winter/Sauriern assoziiert)
Altes Weib Zenzi und die Altweibermühle s.u.
Dorfbrunnen: Stationen der Kundgebungen und Exekutionen 

Die Altweibermühle (ursprünglichst wohl das Lebensrad darstellend), konnte in dieser Übertragung die Funktion einer Art Christianisierungsmühle (Bezug zu Folterwerkzeug, Hexenmühle, Tugendprobe-Hexenprobe) dargestellt haben: oben kommt die alte Hexe (alter Glaube) rein, unten kommt sie wieder frisch als geläuterte, christliche Jungfrau heraus - eine Hexerei mit der sich die Kirche geschmeichelt fühlen konnte. Diese Art Verjüngung der alten Zenzi (Cilens) ist heute der letzte Akt des Egetmann-Umzugs. In diesem Sinne könnte die lateinische Ableitung von 'purgare' zu 'Burgl' ebenso einer katholisch-theologischen Deutung entsprechen: Austreiben des Winters = Austreiben des alten Glaubens (christl. Hexenaustreibung). Von lat. 'purgito' - reinigen
Noch ein allgemeineres Austreibungsbeispiel: Der Tanz war ursprünglich ein religiöses Ausdrucksmittel derartiger Riten. Daher wurde der Tanz generell aus dem neuen Glauben (Christentum) verbannt und fand im weltlichen Umfeld wieder seine Verwirklichung in verschiedenen, anderen Ausdrucksformen.

Inhalt und frühere historische Motive:
Beim Egetmann-Umzug geht es um eine Hochzeit (mhd.: hochgezit) zwischen Herrn Eget (wird zu Egetmann) und der Braut (urspr. Burgl). Die Ratsherrn und ihr verleumderisches Egetmann-Protokoll (Originale verschollen) weisen jedoch auch auf ein mittelalterliches Hochgerichts-Spiel hin, bei dem am Ende der heidnische Egetmann und seine Sippschaft - wie heute noch sein Kumpan der Wilde Mann - hingerichtet worden sein durften, gemäß Christianisierung, wo die alten Gottheiten symbolisch geschlachtet oder verbrannt wurden und ihre eigensinnigen Vertreter ("Hexen/Ketzer") oft gleich mit. Die heidnischen Schutzgottheiten wurden jedoch wie vieles in abgewandelter Form als Schutzengel übernommen.

Dietrich v. Bern kommt hier als Hauptakteur u.a. deshalb nicht ausdrücklich vor, weil der Egetmann-Umzugs sich vor allem auf eine uralte Tradition beziehen soll, dessen Ursprünglichkeit und gewaltsames Ende hier verschleiert in den Hintergrund gestellt werden mußte. Beim Eckenlied-Epos weicht hingegen die kultische Darstellung in den Hintergrund vor den kriegerischen Schlussereignissen.

Der Egge-Begriff liegt hier entschärft bzw. befriedet vor: nach der Vision Jes. 2.2-2.5: 'Schwerter zu Pflugscharen (Eggen) und Lanzen zu Winzermesser schmieden.'

Ursprung und Entwicklung:
Hinter dem Egetmann-Umzug verbirgt sich eine archaische Tradition mit ernsthaften und lustvollen Anliegen. Ursprünglich dürfte es sich um militärische Stammesparaden gehandelt haben - mit allem was dazugehört (Prüfungen, Einweihungsrituale, Schwurzeremonien, Wettkampfspiele, Stammesverhandlungen, Urteile, allerlei religiöse und weltliche Festakte, wie Verlöbnisse, Hochzeiten, .... ), zur erneuernden Darstellung und Festigung der Überlebensstärke und Solidarität von Stammesverbänden jeweils nach Ablauf der Winterperiode. Auf den militärischen Zug dieser Veranstaltungen weisen auch noch die Anführer des Egetmann-Umzugs hin bestehend aus: Trompeter, berittene Bauern (Kavallerie), Schnöller (Burschen mit Peitschen, vermutlich Nachrichtendienst), Wegmacher (Pioniere), Bauern mit Sensen, Gabeln, Schlägeln ... (Infanterie). 

Auf derartige Weise konnte die Demonstration des Überlebenswillens und Zusammenhalts archaischer Stämme die Christianisierung etwa als Faschingsumzug "überleben", in dem die mythischen Zusammenhänge paradoxerweise nicht mehr erkannt oder auf den Jahreszeitenwechsel reduziert verstanden werden. 

* In Castello di Fiemme (Fleimstal) ist eine ähnliche sagenhafte Riesenfigur als Orco (Unterweltsgottheit Orcus?) überliefert, im Zusammenhang mit der Jungfrau namens Filomena (mögl. aus: Filo -> lat. Spinnen, Maenas -> griech. Rasende, Bacchantin, Name für Seherin), hinter der eine der rätischen Jungfrauen bzw. Feen/Nymphen (Babehild, Frau Saelde, Selva, Berta) des Eckenlieds stecken könnte. Dementsprechend weisen die alt-trentinischen Bertasagen in diesem Zusammenhang auf lärmende Spinn- und Waschbrunnenfrauen hin. Die Verbindung zur griech. Namens-Mythologie Philomela dürfte hier hingegen weniger zutreffend sein: Tochter des Königs Pandion von Athen, die von ihrem Schwager Tereus entehrt in eine Nachtigall verwandelt wurde. Daraus wurde auch die Bezeichnung Philomena für Nachtigall.
Das Jochgrimm, das im Eckenlied eine zentrale Rolle einnimmt, wird dort als Passo d’Oclini bezeichnet [dazu mögliche, assoziative Wortbildung aus: Ecke-Egge = lat.occo(~Orco) - occludo(~verschlossen->tabu) - cliens(=Stammesangehörige)]. Dieses Jochgrimm liegt im Zentrum des sogenannten Regglbergs, dessen umstrittene Namensherkunft einerseits an den mythischen Riesen namens Ecke-Egge verbunden sein kann. Kühebacher verbindet die Bezeichnung mit den feudalen Gebietsteilungen, den sogenannten regulae (lat.), regelmäßige Landteilungen (dt. Riegel). Meiner Meinung könnte sie auch auf die mittelalterliche Bezeichnung "Recke" für großer Held und Kampf-Riese zurückgeführt werden. Sollte in diesem Umfeld eine bedeutende Lageranlage zum angesprochenen Alpenlimes ausfindig gemacht werden, die auf die Ansiedlung von germanischen Auxilartruppen (mhd. Recken) hinweisen würde, dann würde diese Zuordnung vorzuziehen sein. Grimm steht auch für einen anderen bekannten Riesen der Dietrichsagen.

** Dietrich v. Bern wird vereinfacht als Theoderich d. Große identifiziert.
In der nordischen Thidreksaga ist es nicht nur Thidrek (Dietrich), sondern in einer anderen Darstellungsversion auch Widga (Witege), der den Riesen Etgeir (Eget - Ecke) im Bertangenwald (von Berta) besiegt, wo er sein Land bewacht. Die nachfolgende Sagen-Rekonstruktion plädiert ebenso für Witege als erobernder/dominierender Heerführer.
Es existieren Hinweise, wonach bereits im Frühmittelalter Theoderich/Dietrich im Zusammenhang mit der wilden Jagd oder dem Höllenritt gesehen wird. Die bekannteste Darstellung bieten zwei Reliefplatten am Portal von San Zeno in Verona. 

*** Cerberus:
Dabei muß es sich nicht immer um den bekannten, dreiköpfigen Höllenhund handeln. Verschiedene Volksschichten können hier ihre eigenen Interpretationen und Ansichten entwickeln. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die offensichtlich bildliche Verquickung und Übertragung Cerberus->Cervus im Dietrichsagen-Umfeld, wie es die Reliefdarstellung am Portal von San Zeno in Verona anzeigt. Dort wird im Höllenritt des Königs ein wilder Hund dargestellt, der einen Hirsch (lat. Cervus) am Nacken (lat. Cervix) reißt - also gleich mit doppelter Anzeige auf eine Art Höllenhund (Cerberus) in der bildlichen Interpretation als 'Cerverus'. Die dritte Anzeige folgt sogleich mit dem Orkus an der Pforte der Unterwelt, wo der Höllenhund bekanntlich auch als Wachhund hingehört. Ähnliche Umformungen sind aus den Traumbildern des Unterbewussten bekannt.
Eine alttrentinische Figur des Wilden Jägers ist der Beatrik, ebenso Sturmdämon auf nächtlicher Jagd nach Hexen (bezeichnet als Augane im Nonstal, Enguane oder Eguane im Valsugana. Euganei wurde das südlich angrenzende Volk bezeichnet.). Zu seinem Jagdgefolge gehören kleine schnappende, pelzig-haarige Hunde - Wollknäueln ähnlich - aus denen sich ebenso die "Wuddelen" (Schnappviecher) ableiten lassen.
Beatrik (lat.-germ. Glückreich) und Berta (ahd. Glänzend) könnten hier männlich-weibliche Ergänzungen bzw. Synonyme darstellen.
 

In der nachfolgenden Tabelle wird das Beziehungsmuster der folgenden 5-stufigen Entwicklung bis hin zur volkstümlichen Egetmann-Ausführung anhand von Beispielfiguren etwas näher ausgeführt:

1.      Überlebenswichtiger, archaischer Festritus (mythische Urebene, kulturhistorische Basis von Naturvölkern, hier: vorchristlich)

2.      Erfolgreiche Verteidigungsphasen, die schließlich in eine alles entscheidende Vernichtung endet (mythisch-archaischer Einbruch durch machtpolitische Einwirkung der Römer und Germanen, historischer Eckenlied-Hintergrund: germanische Völkerwanderung)

3.      Zweite mittelalterliche Verfolgungs-Vernichtungsphase durch die destruktive Periode des Christentums (machtreligiöse Einwirkungsebene: Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgung, ...)

4.      Überlieferungen aus Punkt 1 und 2 "überleben" unter dem Einfluss der verfälschenden Siegermächte von Punkt 2 und 3 in einer historisierend-verschleiernden Dichtungsform (Epos, epische Ebene, Beispiel: Eckenlied)

5.      Traumsymbolartiger Überlebensrest im gegenwärtigen, volkstümlichen Brauchtum (volkstümliche Ebene, Beispiel Egetmann)

x

1. Mythische Basis, frühkulturelle Ebene

2. Mythischer Einbruch durch machtpolitische Einwirkung

3. Machtreligiöse Rechtfertigungsebene: Christianisierung

4. Epische Ebene: Eckenlied

5. Volkstümliche Ebene: Egetmann

Ecke, Eget

Schutzgottheit, oder Kriegsherr eines Stammes

Kriegszug unter Götterschutz (siegt oder wird vernichtet)

Heidnische Gottheit und Tradition wird verboten, Heide wird angeklagt

Heidnischer Großkrieger
(wird getötet)

Vornehmer aber rückständiger Herr (in lächerlicher Anklage)

Obrigkeiten,

Interessensbünde

Götterrat oder Stammesrat

Stammesrat ... Volk

Inquisitionsrat ... Henker

Rat der Ritter und ihre Gefolgsleute

Richtende Ratsherrn und Diener

Seburg, Burgl, Braut

weibl. Schutzgottheit oder Stammeskönigin

Götterschutz und Schutzauftrag der Stammeskönigin

Heidnische Göttin, Heidin, Hexe

Heidnische Königin

Burgl, Braut, Heidin, Hexe

Dietrich v. Bern,
junger Jäger

König, Kriegsherr des fremden, neuen Volkes

Erobernder Kriegsherr mit Kriegszug

Christlicher König oder Kriegsherr, der gegen das Heidentum kämpft

Christliches Herrscher- und Ritteridol tötet und besiegt Heiden

Junger Jäger, der den Winter tötet oder Schmutziges (Heidnisches) verfolgt

Hinweis: In der zweiten 2. Phase können mehrere mythische Übertragungen erfolgen, wie in den vorangegangenen Erörterungen ausgeführt ist (Beispiel: Nibelungen-Helvetier-[Römer]-Burgunder-Merowinger-Karolinger, siehe auch Abschnitt 2.4.). Die letztlich entscheidende Siegermacht von Punkt 2 entscheidet über die nachfolgenden Übertragungsphasen. Hier waren es die fränkisch-katholischen Karolinger, die die weitere Übertragung maßgeblich beeinflussten und historisch entsprechend verfälschten.

 

4.6. Mögliche Beziehungen zum keltisch-germanischen Kulturkreis im König Laurin

Im König Laurin ist das Keltische oder ähnliches Kulturgut nicht mehr so vordergründig präsent wie im Eckenlied. Dafür hat der Dichter eine besondere Galionsfigur mit ideologisch-mythologischer Funktion eingebracht: Künhild (auch Similde genannt), die hier als des Dietleibs Schwester ausgegeben wird, welche von König Laurin entführt worden sein soll. Der Westgoten-Prinz Dietleib (Namensbedeutung: Volkserbe) übersiedelte von seiner Vaterburg in Steyr (Oberösterreich) ins Südtiroler Unterland und wurde somit des rätischen König Laurin Nachbar. Künhilds Funktion verhält sich hier ähnlich wie die der "entführten Helena" im homerischen Ilias-Epos oder der "entführten Ginever" in der Artussage: als eine vom König Laurin mythologisch "entführte Jungfrau-Königin". Damit stellt die von einem heidnischen Bergkönig "entführte christliche Jungfrau" neben dem "Rosengarten" das Kriegs- oder Aventiure-Motiv dar - oder anders ausgedrückt: den 'Schwarzen Peter' im epischen Kriegsverwirrspiel.

 

Wahrscheinlich repräsentiert in diesem Fall Künhild (Assoziationen zur Krimhild sind ebenso unvermeintlich) mythisch die germanische Fruchtbarkeitsgöttin Idun, die auch symbolisch passend den "Rosengarten" vertretet: Ihr Attribut sind die Äpfel, die zu den Rosengewächsen zählen. Sie dürfte bereits damals mit den talseitigen Christianisierungstendenzen (Idun-Jungfrau-Königin-Maria) erste Kontakte gehabt haben. Die nähere Verwandtschaft zur keltisch-rätischen Entsprechung dürfte vorerst stärker gewirkt haben, als der neuaufkommende christlich-semitische Einfluss. Daher könnte hier eine solche Kult-Entführung seitens der rätischen Bergvölker am ehesten mit den Konkurrenz-Ängsten christlicher Missionierung in Verbindung gebracht werden und später zugedichtet worden sein. Einerseits dürften die rätischen Bergstämme nämlich schon längst verschiedene Beziehungen und Bündnisse mit der germanischen Schutzmacht des alpinen Limessystems aufgebaut haben, anderseits war damals auf diesem Gebiet der Machtanspruch der Christianisierung und die Marienverehrung noch nicht so weit fortgeschritten.            

Das hier vorherrschende, pragmatische Koexistenzverhältnis zwischen rätischen Gebirgsstämmen und germanischer Berglimes-Besatzung hätte also am ehesten von außen eindringenden Feindschaften verletzt werden können, etwa in Form von Aufwiegelungen, Verleumdungen, ...  So ist es denkbarer, dass Dietleibs Schwester mit einem heidnischen Prinzensproß eine Liebschaft angefangen haben durfte, was unter christlich gesinnten Leuten nicht gerne akzeptiert wurde, das dann zum Entführungsvorwurf geführt haben könnte und auf diese Weise auch König Laurins Überlieferung dementsprechend belastet hätte. Schließlich benötigte diese Kriegsgeschichte ein effektvolles Sündenbock-Argument, um das dahinterliegende, wahre Angriffsmotiv - den mineralreichen Rosengarten - bestmöglichst zu kaschieren. In einer weiteren, heute bekannteren Übertragung dürfte dann auch dieser Rosengarten seine ursprüngliche Bedeutung verloren haben, und nur mehr zu einem romantischen Detail am Rande einer schwierigen Dreiecksbeziehung geworden sein. Diese Dreiecksbeziehung würde übrigens jener zwischen Franken-Langobarden-Baiern des 7.-8. Jh. sehr nahe kommen, unter denen eben solche schwierige Verwandtschaftsverhältnisse herrschten, die schließlich in Karls Komplott gegen Baiernherzog Tassilo III. gipfelten. Künhilds Übergabe von Zauberringen an Dietrichs Mannen könnte symbolisch sowohl für diesen Komplott, als auch für einen der früheren gestanden haben, denn Verrat war gar nicht so selten. Die Geschichte will jedoch diesen dem angegriffenen König Laurin zuschieben, genauso wie es Karl der Große mit Tassilo gemacht hatte. Was das mit diesem Grenzlandbereich zu tun hat, dazu weiter unten…

Doch zurück zu einer einfacheren Geschichtsvariante, die sich einer bereits oben vorgeschlagenen Lösung nähert und aus dem nahen Fassatal stammt (über weitere Versionen aus dem Trentino - siehe nächsten Abschnitt): "König Laurin lebte mit seiner Tochter Ladinia und seinem Zwergvolk in einem wunderbaren Rosengarten, in Einklang mit der Natur. Eines Tages verliebte sich die Prinzessin Ladinia in den Ritter hinterm Latemar. Aus Liebe floh sie mit ihrem Ritter und ließ ihren Vater Laurin in Ungewissheit zurück. Der Wind enthüllte schließlich dem umherirrenden König die Flucht seiner Tochter, der dann in seiner Verzweiflung und Wut den Rosengarten zu Stein und Fels verwandelte, dessen blassrosa Schimmer bei Sonnenuntergang noch an den einstigen Wundergarten erinnern soll." Auch in diesem Fall erscheint jene Künhild-Figur als entführte Prinzessin, diesmal ist sie jedoch Laurins Kind und wird aus Liebe von der anderen Latemar-Seite entführt. Auffällig ist hier weiteres die Namensbezeichnung Ladinia, die ebenso für eine kelto-rätische Gottheit stehen könnte, wie der bereits oben erwähnte 'Ladicus'. Dies unterstützt wiederum den dort angestellten mythologischen Namensursprung der 'Ladiner'. Der Latemar-Bezug würde die unten angezeigten Ortungsergebnisse bestätigen, in der der Latemar ebenso eine zentrale Rolle einehmen müsste.

 

Gegen Ende der Gebirgschlacht treten noch fünf Riesen anonym auf, die den Zwergen als letztes Aufgebot zu Hilfe kommen wollen und ebenso niedergemacht werden. Hinter diesen seltsamen Gestalten könnten beispielsweise wieder fünf keltisch-germanische… Schutzgottheiten stecken, die ihren Volksstämmen in den Kriegen traditionell beistehen würden, bzw. die fünf Riesen die auch im Eckenlied getötet wurden und hier als Referenz dazu auftauchen: Ecke (Teutates), Eckenot, Vasolt (Taranis), Birkhilt und Udelgard, oder schließlich germanische Schutzherren stellen - die Unterstützung seitens der germanischen Limesbesatzung.

Schlußbemerkung: Es ist anzunehmen, dass im späteren Mittelalter ein christlicher Ersatz für jene bedeutenden heidnischen Kultzentren notwendig wurde, die in diesen Dietrich-Epos-Hintergrund zum Opfer gefallen sind. So wurde später in jenem Umfeld der Wallfahrtsort Maria Weißenstein gegründet, der heute noch zu den bedeutendsten dieser Art in Tirol zählt.
 
 

4.7. Alte Sagenspuren zur Eckenlied-König-Laurin-Synthese

Aus dem Trentino

Die Zusammengehörigkeit von Eckenlied und König Laurin wird insbesondere aus alten Erzählungen des Trentino belegt. Die Quelle hierfür stellt der von Christian Schneller gesammelte Sagenbeitrag im ausgehenden 19. Jahrhundert dar. Davon lassen sich die Beiträge 35.-39. für die Eckenlied-König-Laurin-Synthese heranziehen, wobei die Verwandtschaftsbeziehung von der 35. bis zur 39. Geschichte interessanterweise kontinuierlich zunimmt:

35. Todtenarm
36-37. Der Schuster (aus Fassatal-Vallarsa)
38. Die Königin von den drei goldenen Bergen (aus Rovereto)
39. Der Sohn der Eselin (aus Fassatal, ferner Nonsberg, Vallarsa, Ledrotal)

Die Vergleichsmuster aus den Märchen- und Sagenbereich des alten Trentino zur Eckenlied-König-Laurin-Synthese beweisen auch, dass sich mehrere Versionen aus den Urüberlieferungen der (deutschen) Dietrichsagen ebenso im heute vorwiegend italienischsprachigen Raum bis ins 20. Jahrhundert erhalten haben. Diese bisher unentdeckte Verbindung unterstützt nebenbei das Argument, ihre Überlieferung sei aus dem frühmittelalterlichem Sagengut dieses Gebietes hervorgegangen (ebenso wie die hochmittelalterlichen Dietrichsagen) und habe sich unabhängig von den Dietrichsagen weiterentwickelt. Dafür sprechen auch sehr eigenständige, vorchristliche Urmotive, die noch in jenen Erzählungen des alten Trentino vorkommen, in den entsprechenden Dietrichsagen hingegen nicht mehr berücksichtigt worden sind (etwa die drei Marternächte, das Stier-Motiv und das Adlerflug-Motiv sind sogar schamanischen Ursprungs).

Die vergleichbaren Motive der obigen Erzählungen 35.-38.

·         Aufgabe ist es ein verzaubertes Schloss (im Berg) aufzusuchen und dort drei Marternächte zu überleben, was die dort gefangengehaltenen Jungfrauen oder Prinzessinnen befreien würde. (König-Laurin-Bezug)

·         Der Held überlebt die drei Marternächte - oft mit Hilfe einer Wundersalbe, die von einer der Jungfrauen stammt (Babehild-Bezug), die er schließlich befreit. (Eckenlied-König-Laurin-Bezug)

·         Als Widersacher treten Riesen, Zauberer und Hexen auf. (Eckenlied-Bezug).

·         Als Belohnung erhält er die schönste Prinzessin zur Frau. (Eckenlied-König-Laurin-Bezug)

·         Bei einer "Schuster"-Version kommt die Kreuzzugsthematik vor, wie sie in den Dietrichsagen ebenso auftaucht. (Waldebaran-Bezug)


Die auffälligsten Vergleichsmuster zur Eckenlied-König-Laurin-Synthese sind noch in der Überlieferung 39 "Der Sohn der Eselin" vorzufinden. Das ursprünglichste Sagengebiet dazu soll der Raum Fassatal-Vallarsa sein, also erhielt sich die Überlieferung interessanterweise eher in den Randgebieten der betroffenen Gebiete: Valsugana, Cembratal und Fleimstal:

Der Held ist ein ausgesetztes Kind und wird mit Eselsmilch großgezogen (In einer anderen Version wird er von einer Bärin großgezogen oder stammt von einem Bären ab und wird Johann vom Bären bzw. Johann von Bern genannt. Bern-Bezug). Er lernt bei einem Meisterschmied die Schmiedekunst und schafft sich am Ende der Lehrzeit ein besonderes Schwert. (Wieland-Witege-Bezug)
Er kommt in einem finsteren Wald, wo ein Bäume ausreißender Riese haust (Ecke-Bezug). Er besiegt ihn. Der Riese verspricht ihm seine Gefolgschaft. Zwei weitere Riesen, ein mühlenantreibender und ein wettermachender Riese (Vasolt-Bezug) folgen ihm ebenso. (Eckenlied-Bezug)
Sie kommen zu einer großen Ebene, Bergwiese (Rosengarten-Bezug), wo die Riesen einen Stier (Erze) erlegen und braten (Schmelzen) müssen (in einer anderen Version geht es um goldene Nüsse). Daran werden sie nacheinander von einem alten Zwerg (Laurin-Bezug) gehindert, der sie mit gewaltiger Kraft niederschlägt. Dem Schmied gelingt es jedoch den Zwerg zu besiegen, der in den Berg verschwindet. (König-Laurin-Bezug)
Der Schmied lässt sich von den Riesen durchs Loch hinabseilen. Im Berg befreit er aus drei Palästen (von Glas, Silber und Gold) drei Prinzessinnen (Drei-Königinnen-Bezug und Künhilde-Bezug), die von Drachen (in einer anderen Version von Zauberern) bewacht werden. Die Riesen rauben ihm die Prinzessinnen und lassen den Schmied im Berg zurück. Über den Rat des alten Zwerges (in einer anderen Version über einen Zauberring - König-Laurin-Bezug) gelingt es dem Schmied sich mit Hilfe eines Adlers aus dem Berg zu befreien. Dann kommt er in die Königsstadt (Dietrich-Bern-Verona-Bezug), wo die drei Riesen gerade die drei Prinzessinnen heiraten. Durch Vorlage der Drachenzungen (Widga-Bezug), kann er beweisen, dass er die Prinzessinnen befreit hat und Anspruch auf die Prinzessinnen hat. Daraufhin kommt es zu einem heftigen Kampf mit den Riesen (in einer anderen Version ist der Schmied ein Prinz und die Riesen sind seine älteren Brüder, die eingekerkert werden), die der Schmied allesamt erschlägt. Schließlich heiratet er die schönste der drei Prinzessinnen. (Eckenlied-König-Laurin-Bezug)
Im Eckenlied-Teil schlägt der Held das Heiratsangebot der befreiten Königin (Seburg) hingegen ab, im König-Laurin-Teil wird nicht darauf eingegangen.

Aus der altnordischen Sagenversion "Thidrek von Bern"

In der Episode "Thidreks Zug ins Bertangenland" (Damit dürfte das Berta-Sagenland Tirol-Trentino gemeint sein. Man nimmt aber allg. Britannien als mögliche Übersetzung an) wird eine zusammenfassende Version von Eckenlied und König Laurin beschrieben. Dort tötet Widga den Riesen Etgeir im Bertangenwald. König Laurin tretet dort als König Isung auf, der in einer Stadt auf einem Berg (bei Jochgrimm-Lavazé) residiert. Thidreks Feldlager wird in einer weiten Ebene (Lavazè) vor einem Felsen (Rosengarten-Latemar-Gebirgskette) aufgeschlagen. Anstelle einer Schlacht werden die Helden zu Zweikämpfen herausgefordert. In der mhd. Dietrichfassung entspricht diese Kampf-Episode dem Epos "Der Rosengarten zu Worms" der auch bezeichnenderweise als "Der kleine Rosengarten" bekannt ist. Dort lädt Kriemhild die Recken zum ritterlichen Reihenzweikampf nach Worms ein. Da wie dort siegt am Ende Thidrecks-Dietrichs Partei. Thidrecks Ritter Amlung erhält König Isungs Tochter Fallborg zur Frau und man trennt sich versöhnt.
 

5. Die Rekonstruktionsanalyse zum "Eckenlied" und zum "König Laurin" 

5.1. Die zeitlichen und räumlichen Grundlagen

Die entscheidendsten historischen Phasen des Eckenlied-König-Laurin-Raumes (siehe Karte unten) zwischen Antike und Frühmittelalter dürften die Form der erhaltenen Liedgut-Übertragungen am stärksten beeinflußt haben, welche da sind:

A       15 v. Chr.: Vernichtende Hauptschlacht der Römer unter Drusus gegen die Räter beim heutigen Mezzocorona. Es folgt eine Phase römischer Unterdrückung, Ausbeutung und Expansion. Die Via Claudia Augusta mit den dazugehörigen Wachstationen und Römerlagern wird aufgrund bestehender rätischer Infrastruktur ausgebaut. Davon namentlich genannt sind hier Pons Drusi und Endidae, die bis heute nicht definitiv geortet werden konnten. Das sumpfige Etschtal gilt hier hauptsächlich als Transitstrecke ins nördliche Rätien und Germanien.

B       5. Jh.: Das römische Imperium ist in zwei Teile gespalten. Anstelle des heruntergekommenen, alten Roms gilt seit 403 n. Chr. Ravenna als kaiserliche Hauptstadt des weströmischen Kaiserreiches. Dieses schrumpft zunehmend aufgrund germanischer Reichsbildungen. Auch der Großteil der militärischen Macht befindet sich im damals strategisch wichtigeren Oberitalien (Mailand-Verona) und ist ab Mitte des 5. Jh. ebenso in germanischer Hand. Vorerst unter dem Kaisermacher Rikimer, dann unter Odoaker wird hier ein besonderer alpiner Limes aufgebaut, dessen Hauptteil in der Karte schematisch abgebildet ist. Die zumeist alpinen Lager machen die germanischen Truppen hier unabhängiger und somit selbstbewusster, da sie sich von der Jagd, Weide und den Waldfrüchten selbst erhalten können und nicht von der Ausbeutung der Bevölkerung im Tal. 476 fordert Odoaker für die Truppen in den südlichen Ebenen ein Drittel der Äcker, damit diese ebenso unabhängig für ihre eigene Versorgung aufkommen können. Die Forderung wurde ihm jedoch verweigert. Das Heer ruft Odoaker zum König aus, stürmt Ticinum/Pavia, enthauptet den Verweigerer Orestes in Placentia/Piacenza und schickt seinen Sohn den letzten Schattenkaiser Romulus Augustulus am 28. August 476 als Kind in Pension. So endet das weströmische Kaiserreich offiziell. Der Germane Odoaker wird erster König von Italien in Ravenna. Der zentrale Alpenlimes hat sich bewährt, während der östlich der Poebene gelegene Limes bereits mehrfach durchbrochen wurde und das weströmische Reich bedrohte. So auch Ende des 5. Jh., wo ab 488 die Ostgoten unter Theoderich d. Großen Italien von dieser Seite her angreifen. Nach dreijähriger Belagerung Ravennas (Dietrichs Rabenschlacht) und anschließendem Friedensabkommen zwischen Odoaker und Theoderich ermordet Theoderich 493 Odoaker und übernimmt die Alleinherrschaft.

C       6.-7. Jh.: Oströmische Heere unter Belisar und Narses durchdringen wieder den Ostlimes und erobern 552 das italische Ostgotenreich. Die byzantinische Herrschaft ist hier von noch kurzerer Dauer. Die Langobarden erobern ab 568 wieder über den Ostlimes einbrechend das Land. Die Byzantiner müssen sich aus weiten Teilen zurückziehen. Der zentrale Alpenlimes bewährt sich hingegen auch unter den Langobarden weiterhin gegen den Invasionsdruck aus dem Norden und Westen. In wiederholten Fällen versuchen hier die Franken, von Norden (über Eppan) und aus dem Westen (übers Nonstal-Mezzocorona) einzudringen. Die von den Franken überrannten Limeslager werden später von Paulus Diaconus namentlich dokumentiert. Die angreifenden Franken erleiden dabei eine vernichtende Niederlage bei Salurn(is).

D       8. Jh.: Inzwischen hat sich ein schwieriges Bündnissystem zwischen den Franken, Langobarden und Baiern ausgebildet, das schließlich Karl d. Große nach der Beseitigung seines Bruders samt Familie hintergeht. Zuerst erobert er das Langobardenreich im Süden. 784 lässt er diesen bairischen Raum seinen jugendlichen Sohn Pippin (ähnlich des jungen Dietrich in den Sagen) mit einem Heer von Trient kommend angreifen. Möglicherweise gelingt ihm ein Durchbruch bei Mezzocorona (wie im Eckenlied), dürfte jedoch in der nächsten Talsperre Tramin-Montan nicht weiter gekommen sein und sich wieder bis Mezzocorona zurückgezogen haben. Karl d. Große bringt dann 788 die Baiern unter Tassilo III. durch eine hinterhältige Einladung zu Fall (klassisches Thema der Dietrichsagen). Die Tassilo-Familie wird gefangen genommen. Tassilo wird in Ingelheim ein falscher Schauprozess gemacht, verurteilt und geblendet in ein fränkisches Kloster gesteckt. Die übrigen Tassilo-Getreuen werden gejagd und ermordet (Ähnliches spielt sich wieder im Eckenlied und im König Laurin ab). Die darauf bezogenen fränkischen Dokumentationen werden für die Nachwelt natürlich gefälscht.

Hinweis: Wer (von der) Geschichte gelernt hat, weiß, ihre Muster wiederholen sich. So bieten sich zur obigen Reihe inzwischen auch neuzeitliche Erweiterungen E, F, an. Sie würden vor allem den napoleonischen und den faschistischen Überfall auf Südtirol betreffen. Auch hier hätte man vergleichbare Muster zur Verfügung, die an die römische Eroberung der Räter unter Drusus erinnern (Mezzocorona/Salurn-Durchbruch, Pons-Drusi/Bozen-Hauptstation, …).


Die folgende Übersichtskarte zur Rekonstruktionsortung veranschaulicht den ermittelten räumlichen Zusammenhang zwischen Eckenlied und König Laurin hauptsächlich nach der Überlagerungsphase B. Die Graphik setzt bei den ersten Kämpfen im Eckenlied (links unten) an und reicht zu den vernichtenden Kämpfen im inneren Herrschaftzentrum des König Laurin - einem Bergbaubezirk im Latemar (Rosengarten B). Der Rosengarten A würde sich hingegen ebenso auf ein bedeutendes, rätisches Kultzentrum beziehen lassen, das bereits bei der ersten römischen Eroberung unter Drusus vernichtet worden sein könnte und seither auch als verzauberter Rosengarten herumgeistert. Auf der linken Kartenhälfte - im Trichterhals des Etschtales - ist der Hauptabschnitt des zentralen Alpenlimes zu finden, der im Eckenlied der Phase B-D eine geheim gehaltene Hauptrolle spielt. Ecke wird zwar auf das Schwert (ahd. Egin, Eckesax) und seinem mythischen Träger zurückgeführt, es bestünde jedoch auch die ergänzende Möglichkeit diesen Begriff als höher gelegene Burg zu deuten und in der Mehrzahl Ecken(lied) auf die Burgenkette und Befestigungsanlagen eines strategisch wichtigen Alpenlimes, der in den Mythen symbolisch mit einem bedeutsamen Schwert gleichgesetzt werden konnte. Ähnliche Befestigungsanlagen sind/waren im Eggegebirge Norddeutschlands auszumachen, wo der Begriff auf "Berggrat" zurückgeführt wird, aber ebenso auf die Schwertklinge und die militärische Bedeutung hinweisen könnte, also auf einen befestigten Bergkamm. Diese schlüssige Assoziation macht das Eckenlied zu einem speziellen Burgen- oder Limeslied, deren Ursprung möglicherweise auf die Varusschlacht zurückzuführen ist, die vermutlich im Eggegebirge südl. des Teutoburgerwald geschlagen wurde. Der Hauptabschnitt des hiesigen Alpenlimes kann in den Dietrichsagen als Lurawald identifiziert werden und in der altnordischen Thidrecksaga als Lyrawald. Noch heute heißt einer dieser Berge Lira (Beachte: Mit "Wald" wurden dazu Gebirge bezeichnet, mit "Tann" die Wälder). Im Gegensatz zu den bekannten auffällig frontal gerichteten Limes der Römer (z.B. obergermanisch-rätischer Limes) handelte es sich hierbei um einen einzigartigen, unauffällig offenen Flankenlimes, der großteils an den natürlichen Gegebenheiten angepasst war. Fremde Heere konnten dadurch kontrolliert eindringen und an strategisch entscheidenden Bereichen eingekesselt werden (Ein ähnliches Schema wurde von den Germanen für die "Varusschlacht" vermutlich im Eggegebirge angelegt.). Derartige Kesselzonen befanden sich vermutlich im Bozner Talkessel, um Tramin-Auer-Montan-Neumarkt, zwischen Salurn und Zambana. Alle diese drei gefährlichen Kampfzonen kommen in den Dietrichsagen vor. Zumeist spielt dabei der Held Witege die Hauptrolle. Im Eckenlied wird einleitend die südliche Kampfzone zwischen Salurn und Zambana vorgestellt. Endidae - Castra Vetera - Montanis könnte das Hauptlager dieses zentralen Alpenlimes im Hauptabschnitt dargestellt haben und befand sich in der zentralen Kampfzone. Von besonderem kulturhistorischem Interesse dürfte die aus diesem Limes-Hauptabschnitt entstandene Südtiroler Bärenpranke (grüne Grenzlinienform) sein, ein bis heute kulturell stark deutsch-tirolerisch orientiertes Gebiet, das ohne diesen Hauptlimes nicht zustande gekommen wäre. Denn unter Rikimer und Odoaker (ab ca. 455) könnte hier dazu eine massive Ansiedlung germanischer Söldner eingeführt worden sein, die das römische Reich von Norden her abriegeln mussten. Nach den Überresten dieser Limesstrukturen zu urteilen, dürfte das hier über 90% Bevölkerungsanteile ausgemacht haben. Die ursprüngliche Bedeutung und Effizienz dieser besonderen Limeseinrichtung (Beachte: Das römische Reich wurde ständig von Osten erobert, wo die Fronten-Limes nicht standhielten, während hier kein entscheidender oder nennenswerter Durchbruch gelang.) scheint also bis heute nachgewirkt zu haben, wo die starke deutsch-kulturelle Ausrichtung nicht bei Bozen endet, sondern noch einen Großteil des Hauptlimesbereiches gen Süden einnimmt (Bärenpranke der Südtiroler Grenzform). Damit gehöre dieser bis heute aktuelle Grenzlandbereich Südtirol-Trentino zu den ältesten und kulturgeschichtlich interessantesten Grenzbereiche Europas.

Die Gelehrten Arbogast von Plawenn und Friedrich Tessmann haben schon vor einem halben Jahrhundert den zuständigen Forschern nahegelegt, nach Limesstrukturen zu suchen, da man in Südtirol bereits damals gegenüber anderen Gebieten weit im Rückstand lag (Schlern-Schriften 1948, S.315 und 1954, S.210) - leider ohne Auswirkung. Der obergermanisch-rätische Limes kann beispielsweise auf eine nahezu 150 jährige Forschungsgeschichte zurückblicken und gehört inzwischen zum UNESCO-Weltkulturerbe.

 

5.2. Die Ergebnisse in mehrfach-vergleichender Darstellung

Zur einfacheren Unterscheidung werden in der linken Spalte der nachfolgenden Tabelle aufs Wesentlichste zusammengefasste Primärdarstellungen des Eckenlieds und des König Laurin eingesetzt. Einfache Parallelhinweise zum Artus- und Nibelungenlied werden mit dem Pfeil-Zeichen => gekennzeichnet. In der rechten Spalte sind die vorläufig georteten komplexeren Realbezüge zu den möglichen geographischen und historischen Entsprechungen nach der jeweils dominanten Übertragungsphase (A, B, C, D) eingeordnet. Sie verstehen sich als Annäherungsversuche zu den realen Hintergründen der überlieferten Darstellungen.

Die tradierten Primär- und ermittelten Realbezüge werden so mehrfach-vergleichbar dargestellt, um dichterische Widersprüche und politisch motivierte Verfälschungen leichter erkennbar zu machen. Dabei läßt sich anhand der Primärliteratur die Entwicklung hin zur letzten Übertragung noch deutlicher unter Einfluß fränkisch-karolingischer Propaganda stehend enttarnen, welche sich gegen die Besiegten und Unterdrückten gerichtet hat (Das gilt besonders fürs Eckenlied, da dieses in den erhaltenen Teilen noch in einer ursprünglicheren Übertragungsform erhalten ist, als der König Laurin.). Karl der Große hat damit eben nicht viel anders verfahren, wie das bekanntermaßen schon Caesar in "De Bello Gallico" (Gallischer Krieg) gemacht hat oder später Hitler in "Mein Kampf", nämlich Kultisches und Historisches für eigene machtpolitische Interessen mit Unwahrheiten zu vermengen. Daher ist anzunehmen, dass diese Propaganda-Methode in den sogenannten Mythen noch viel älter ist und immer noch in irgendeiner Form angewendet wird, um möglichst viele unkritische Leser und Zuhörer im eigenen Volk für sich zu gewinnen und gegen andere aufzuwiegeln bzw. für dumm zu verkaufen. So dürfte bereits in der Einleitung zum Eckenlied dem damaligen fränkischen Publikum schlagwortartig klar geworden sein, wer in Tyrol (vormals Hztm. Baiern) hinter den bösen Ecken-Ritter steckt (= Tassilo-Getreue) und damit wer für den guten jugendhaften Dietrich steht (nämlich einer der ihren, wenn nicht gleich Karl der Große oder sein jugendlicher Sohn Pippin). Dem heutigen Leser verschließen sich diese effektartigen Zuordnungsfähigkeiten des damaligen Zielpublikums, für die die Parodien und Pointen der Primärliteratur jeweils zugeschnitten wurden - so wie es heute mit den Kabarettstücken gemacht wird. Die in der Tabelle eingesetzte vergleichende Mehrfach-Gegenüberstellung soll dazu möglichst vereinfacht gehaltene Einblicke in die musterhafte Übertragung real-mythischer Zusammenhänge über mehrere Jahrhunderte hinweg freilegen.

Dazu eine erste, einführende Zusammenstellung von Ungereimtheiten und Widerspruchshäufungen gleich im Auftakt des Eckenlieds, die sich einerseits aus verschiedenen Unkenntnissen und propagandistischen Interessen ableiten lassen und anderseits aus besonderen Limesfunktionen: 

Ecke sucht und trifft Dietrich nicht in seiner Stadt Bern an, kehrt um und trifft ihn dann anscheinend unvermutet in Eckes Territorium selbst, was nach einem listigen Überraschungsangriff gleichkäme, obwohl in der Dichtung Ecke als Aggressor hingestellt wird. Nun will aber Dietrich zunächst weder den Königinnen einen friedlichen Besuch abstatten, noch Eckes wunderbare Kampfausrüstung und auch nicht mit ihm kämpfen. Dietrichs Position fehlt es hier anscheinend an Motiven und Orientierung. Das widerspricht sowohl der Logik, als auch dem Verhalten eines Heerführers. Dietrich will dem Kampf ausweichen, geht aber letztlich dennoch kriegerisch vor, als einfach Eckes Einladung zu folgen. Hier wirft sich die Frage auf: Verstellt sich der aufgedeckte Dietrich oder wird er vom Dichter verstellt? Da dem Erzähler die richtigen Motive abhanden gekommen sind oder er diese verschweigt, muß er Ecke den Dietrich solange töricht reizen lassen, bis es endlich zum tödlichen Kampf kommt... Dabei entfernt der Dichter alle Aggressor-Elemente an der historischen Dietrich-Person, um diese als vollkommen edlen Ritter darstellen zu können, während er Ecke als jungen Teufel hinstellt. Der ursprünglichere vermutlich auch siegreiche Held Ecke könnte hiermit in den noch übriggebliebenen bekannten Eckenlied-Versionen auf Dietrich übertragen worden sein.

 

Durch die Aufdeckung besonderer Limesstrukturen der letzten Jahre kann nun ein Anteil dieser sonderbaren Widersprüchlichkeiten auf folgende effektive militärische Strategie zurückgeführt werden, die die (letzten) Dichter aus obgenannten Gründen im Dunkeln beließen: Signalisierung eines herannahenden feindlichen Heereszugs, Verfolgung und Einkesselung des eindringenden Heeres, Belagerung und Verhandlungen mit dem umzingelten Heer, Entscheidung ob unterordnende Aufnahme der Eindringlinge möglich ist, ansonsten erfolgt ihre vollständige Vernichtung. Nur so konnte die Struktur und Funktion dieses Alpenlimes auch über lange Zeit geheim gehalten werden. Leider beschränkte sich die bisherige Forschung aber hauptsächlich auf die Interpretation sprachlich-textlicher Strukturen derartiger Überlieferungen und vernachlässigte mögliche historisch-geographische Strukturen fast vollständig, womit etwaigen Zusammenhängen auf den Grund hätte gegangen werden können.

 

Die möglichen geographischen Bezüge oder solche mit geographischem Hintergrund sind übersichtshalber unterstrichen.

Zusammenfassung der Primärdarstellungen:

Das Eckenlied 
=> mit musterhaften Parallelhinweisen zur Laurin-, Gral- und Artussage
1
Der Rat einer Herrscherfamilie (drei Riesen/Ritter und drei Königinnen) im Gebirge Tirols*1 (Gripiar-Grippenland) ehrt Dietrich von Bern als mächtigsten Helden, aber man will sich ihm deshalb nicht unterwerfen.
Der junge, ehrgeizige Ecke erklärt, sich mit Dietrich im Kampf zu messen. Die Königin Seburg in Jochgrimm verspricht Ecke zu heiraten, falls er Dietrich lebend zu ihr bringt. Sie rüstet Ecke mit König Ortnit allerbesten Brünne (Brustpanzer) aus und mit dem berühmten Schwert Eckesax. Die Brünne trug zuletzt Wolfdietrich - zu Tischen er sein Ende fand.
=> Laurins Kampf-Ausrüstung

=> Ausrüstung der Gralsritter

=> Das Schwert Excalibur
=> Der Konflikt der Kelten gegen die eindringenden Angeln und Sachsen. 

 

 

  

  

 


2
Ecke läuft dann ohne Pferd*3 mit Getöse in großen Schritten gegen Süden nach Bern. Vor Bern angelangt, erntet er nur Spott.

=> Laurins Auftritt im Rosengarten trifft auf Spott.

=> Parzivals erster Auftritt in der Welt trifft auf Spott.

 

 

3

Dann erfährt er, dass Dietrich bereits in Tirol ist. Er eilt sogleich nach Norden zurück. In Trient angekommen, sagt man Dietrich sei am Berg Nones. Auf dem Weg dorthin schlägt Ecke zuerst ein Meerwunder (Beschreibung eines Kentaur). Dann trifft er den von Dietrich geschlagenen Helferich von Lune, der ihm von einer verlustreichen Schlacht mit Dietrich berichtet und weitere Informationen erhält, um Dietrich schneller aufzuspüren. 
 

 

 

4

Er findet ihn und verfolgt Dietrich im Wald. Es folgen längere Verhandlungen um Kampf und Vernichtung abzuwenden, doch man wird sich nicht einig. Ein schwieriger Kampf, indem Bäume fallen, endet mit dem Tod Eckes. Dietrich ist auch lebensgefährlich verletzt. Er köpft Ecke, übernimmt seine wunderbare Kampfausrüstung und sucht Schutz.
=> Laurins Rosengarten-Kampf, ursprünglich ein Kultplatz dessen Tabubruch bestraft werden muß. Der Rosengarten, das Sinnbild des Paradieses und Ort des Friedens wird somit zum Kampfplatz.

=> Parzival erschlägt den roten Ritter Ither und übernimmt seine Ausrüstung.

=> Artus letzter Kampf gegen Sir Mordred, der stirbt. Artus wird tödlich verletzt.
 

 

5
In einem schönen Gebiet mit Wiesen und Wäldern erreicht Dietrich eine herrliche Quelle, wo er die Meerfee Babehilt tief schlafend entdeckt. Er weckt sie und lässt sich von ihr seine tödlichen Wunden heilen.
=> Laurins Rosengarten entspricht ursprünglich der jenseitigen Gralswelt.

=> Parsival besucht die keltische Gralswelt in einer Seen- und Sumpflandschaft (Totenkult).

=> Artus wird zur Heilung an einen heiligen See gebracht. Nimue, die Dame vom See nimmt Artur auf ihr Boot und verspricht seinen Gefährten Heilung, die mehrere hundert Jahre Schlaf bedarf. Aber Artus wird niemals sterben. Er wird nach Avalon gefahren. In diesem Zusammenhang werden ebenso drei Könniginnen genannt.
 

 

6
Vasolt macht Jagd auf ein wildes Fräulein (Saelde)*6. Dietrich kommt dazwischen und hilft ihr. Kampf zwischen Dietrich und Vasolt. Vasolt ergibt sich, um nicht von Dietrich durch Eckes Wunderwaffe erschlagen zu werden. Er verspricht ihm Treue und Gefolgschaft. 

=> Laurin entführte nach der Sage ebenso die Dame Künhild (Simhild)

=> Parsivals ursprüngliches Verhalten gegenüber Frauen.

=> Merlin macht Jagd auf Nimue, der Dame vom See (Auch Zeus/Jupiter, Dionysos/Bacchus und andere stehen in dieser mythischen Darstellungs-Tradition: beispielweise entführt Zeus Europa). Nimue überlistet ihn mit einem Zauber, der ihn in eine Berghöhle verbannt.
 

 

7
Vasolt begleitet Dietrich in eine prächtige Burg am Ende der Schlucht, die von einem gekrönten Zwerg geführt wird. Dort werden sie reich bewirtet. Nach den Friedensverhandlungen übergibt Vasolt offiziell die Herrschaft und Lehen seines Landes an Dietrich. 

=> Laurins Hofhaltung 

=> Amfortas Hofhaltung in der Gralsburg
=> Artus Hofhaltung
 

 

 

8
Vasolt führt Dietrich am nächsten Tag weiter ins Bergland. Durch einen unheimlichen Wald erreichen sie eine Berghöhle vor die Eggenot steht, der Eckes Tod rächen will. Dietrich tötet auch ihn.
=> Parallele zu Klingsor und Feirefiz

=> Parallele zu Merlins Ende
 

 

9
Sie reiten durch einen wilden Wald und erreichen eine schöne Blumenwiese mit drei kühlen Quellen in der Nähe, etlichen Sitzgelegenheiten und eigenartigen Gerätschaften. Auf diesem Platz sollen Freudenspiele stattgefunden haben. Vasolts prächtige Burg erhebt sich dort in sehr kunstvoller Gestaltung.
=> Laurins Rosengarten und Burg 

=> Amfortas keltische Gralswelt und Gralsburg
=> Artus Burg Camelot
 

 

10
Auf dem Weg nach Jochgrimm kommt ihnen Vasolts Mutter Birkhilt entgegen. Sie erfährt von Eckes Todschlag durch Dietrich, der jetzt auch seine Kampfausrüstung trägt. Sie greift Dietrich an. Dietrich tötet sie. Ihre Tochter Udelgart hört ihren letzten Schrei und will sie rächen. Dietrich schlägt auch sie entzwei. 
=> Laurins Burg und Reich wird beraubt und vernichtet. 

=> Die keltische Gralswelt wird beraubt und geht verloren.  

=> Morgan wird als Schlange von einem Soldaten durch einen Schwerthieb getötet. Ihr Tod soll auf den Tod aller Beteiligten hindeuten.
  

Hinweis:

Hier endet die Eckenlied-Version E2 aufgrund von Verlust oder Vernichtung.

Folgende Ergänzungen können entnommen werden aus dem Werk: 

"Das deutsche Götter- und Heldenbuch - IV. Band"

und teilweise aus der aldnordischen Version:

"Die Geschichte Thidreks von Bern"

 

 

11
Auf dem Weg zum Sitz der drei Königinnen muß Dietrich ein weiteres Hindernis überwinden: die sogenannten Bildautomaten, die mit zwei Eisenstangen ausgerüstet sind und Dietrich in einem weiteren Kampf verwickeln, in dem nun auch Vasolt einschreitet um Dietrich daran zu hindern. Dietrich besiegt alle.
=> Gawan auf dem Weg zur Gralsburg Marveile

12
Nun kommt Dietrich zum Drachenfels. Über eine Brücke erreicht er die Burg der Königinnen, von wo aus die Königin Seburg den letzten Kampf Dietrichs verfolgt hat. Sie ergibt sich dem siegreichen Dietrich und beehrt ihn mit reicher Bewirtung und wertvollen Geschenken. Dietrich zieht ab.

=> Wiederholung: Laurins Burg und Reich wird besiegt und beraubt. 

=> Wiederholung: Die keltische Gralswelt wird beraubt und besiegt.

=> Gawan erreicht die Gralsburg Marveile und besteht alle Prüfungen.

13

Dietrich kehrt über Altensal nach Bern zurück.

Im Wald Rimslo besiegt er einen Elefanten,

dann einen fliegenden Drachen, der dabei ist einen Ritter zu verschlingen.

Aus dem Wald gekommen erreichen sie Schloss Altenfels.

Von dort geht es nach Bern.

 

 

 

König Laurin
=> mit musterhaften Parallelhinweise zum Nibelungenlied/Artussage
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

1
Dietrich und sein Gefolge erreichen den Zwergenkönig Laurins Rosengarten in Tirol, welcher auch eine königliche Jungfrau namens Künhild entführt haben soll. Der Held Witege greift diesen Rosengarten sogleich an. König Laurin schlägt ihn mit Hilfe seiner Zauberkräfte zurück. Daraufhin nimmt Dietrich den Kampf gegen Laurin auf. Mit Unterstützung seines Waffen- und Lehrmeisters Hildebrand gelingt es ihm schließlich Laurin zu überwältigen. Laurin ergibt sich und verspricht Dietrich die Treue.
=> Siegfried besiegt den mit Zauberwaffen gerüsteten Zwergenkönig Alberich/Reginn. Durch die Drachentötung kommt er in den Besitz des Nibelungenschatzes.
=> Merlin entführt die Dame vom See in eine Berghöhle, ähnlich wie Laurin die Jungfrau in den Berg entführt.
=> Artus entführte Frau Ginever ist Anlass einer ähnlichen Auseinandersetzung.
 

2
Er lädt die Helden zu sich ins Bergesinnere ein. Witege traut ihm nicht. Hildebrand rät die Einladung anzunehmen, da man sie später der Feigheit verspotten würde. Dietrich gibt Hildebrand Recht. So geht es einen Tagesritt auf die andere Bergseite zu einer wunderbaren Almwiese, wo sie prächtig empfangen werden. Im Bergesinneren ("im hohlen Berge") findet ein großes Festmahl statt. Bis tief in die Nacht wird gezecht. Schließlich werden die durch Trunkenheit betäubten Eroberer überwältigt und eingekerkert.
=> Das letzte Fest im Nibelungenlied endet im Gemetzel.
=> Das letzte Friedensfest im Artuslied endet im Gemetzel.
 

3
Von seiner Lage erzürnt, gelingt Dietrich schließlich die Befreiung. Von der entführten, Jungfrau Künhild erhalten die Helden Zauberringe*9, damit die getarnten*10 Zwerge für sie wieder sichtbar gemacht werden können. Um König Laurins Reich beginnt ein fürchterliches Schlachten. Schließlich mischen sich noch einige (fünf) Riesen ein, die auch Dank Künhild bezwungen werden können. König Laurins Reich fällt. Künhild bittet Gnade um Laurin, da er sie anständig behandelt hat. Laurin überlebt daraufhin und wird gefangen nach Bern gebracht.
=> Schlacht zwischen Hunnen und Burgunder. Kriemhild und Künhild sind in einer Opferbeziehung verwickelt. Kriemhild reagiert mit Rache, Künhild geschickt mit Gnade.
=> Bei der Artussage verursacht ebenso die Fee/Hexe Morigan die letzte Schlacht bei Camlann.

 

Späterer Anhang
Später gelingt es Laurin wieder in seine Heimat zurückzukehren. Im Anblick des Rosengartens, der Verwüstungen, seiner Toten, sieht er, dass es nicht mehr so sein werden kann, wie es einmal war. So beschließt er den Rosengarten nur mehr als bloßen Stein zu belassen. 
=> Nibelungenklage
=> Artus wird nach Avalon gefahren - zur "Insel der Äpfel"

Ätiologischer Zusatz
Da aber Laurin in seinem Zauberbann nur an den Tag und die Nacht dachte, aber die Dämmerung dazwischen vergaß, kann die Glut der Rosen da noch durch den Stein scheinen und bewundert werden. Das nennt man heute Alpenglühen.
 
Zur Interpretation des ätiologischen Zusatzes
Der Zauber jener Zeit ging damit für immer der Nachwelt verloren. Was blieb, ist die Sehnsucht danach, die im Glanz des Alpenglühens uralter Steinriesen für eine kurze Zeit zwischen Tag und Nacht, wie zwischen Bewusstsein und Unterbewusstem durchzuscheinen vermag.
 
 

Ergebnisse der Rekonstruktionsanalyse:
 

Das Eckenlied
1
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

A  Ein rätischer Stammesrat in Tirol kommt zusammen: Die römische Übermacht im Süden soll es jetzt auch auf die Eroberung ihres Landes abgesehen haben. Man will sich nicht unterwerfen lassen und rüstet sich zum Kampf.

B  Einige germanische Schutzherren des Alpenlimes, die hier gegen Eindringlinge aus dem Norden stationiert sind, beraten sich, ob dem verbündeten Räterstamm im Gebirge beizustehen ist, da ihr neuer römischer Feldherr und Kaisermacher Orestes im Süden ihnen bei Kriegsandrohung noch mehr Alpenerz abfordert, die er für seinen eigenen Machausbau benötigt. Man ist geteilter Meinung. Ein junger Ritter Ecke*2 aus Reggelberg (Grippenland als Verballhornung), der in die rätische Prinzessin verliebt ist, ist jedoch fest entschlossen gegen diese Ungerechtigkeit etwas zu unternehmen. Sie rüstet ihn mit Wolfdietrichs Brünne (örtlicher Sagenbezug von Starkwölfel-Reggelberg), der am Titschen (Stadlegg) bei Bozen fiel.

C  Aufregung im langobardischen Kriegsrat am Tiroler Alpenlimes: Ein merowingisches Heer versucht von hier aus ins Langobardenreich einzudringen.

D  Die Herren in Tirol sind Getreue ihres Baiernherzog Tassilo III, dem letzten Agilolfinger. Sie ehren zwar Karl den Großen offiziell, der nun auch König über die Langobarden im Süden (Bern) geworden ist, aber unterwerfen will man sich seinen unbändigen Machtgelüsten deshalb nicht. Das wäre Verrat an ihrem Herren, der hier immer noch ihr Herzog und ihr König ist. Daher rüstet man sich zum Kampf.

2

A  Ein rätischer Botschafter wird noch um letzte Friedensverhandlungen zu den Römern nach Süden entsandt und erntet Spott.

B  In Verona angekommen ist man verärgert, über die Eigeninitiativen den widerspenstigen Gebirgsrätern zu helfen, und wird abgewiesen.

C  Die Nachricht wird entlang des Alpenlimes mittels Lautzeichen schnell nach Verona signalisiert.

D  Die Baiern lassen ihre Absicht den Franken in Süden ausrichten, wo man sich darüber verärgert zeigt und ihren Übermut verspottet. 

3  

A  Dabei erfährt er, dass das römische Heer bereits durchs Etschtal zieht. Er eilt zurück. Im Bereich der Nocemündung in die Etsch ist es zur vernichtenden Entscheidungsschlacht gekommen.

B  Witege*4 (anstelle Dietrich), ein neuer, vielversprechender junger Söldnerführer aus dem hohen Norden, dem man inzwischen das Kommando des Lagers in Ausugum*5 übertragen hat, ist bereits mit der entsprechenden Strafexpedition beauftragt worden. Ecke eilt zurück. Im Bereich der Nocemündung trifft er auf das erste Schlachtfeld.

C  Verona wird alarmiert. Das merowingische Heer ist bereits in Tirol eingedrungen. Trient hat sich auf einen Ansturm vorbereitet. Ein Teil des merowingisches Heeres schlug sich bereits durchs Nonstal und über die Etsch, vernichtete dort eine langobardische Einheit (Ortshinweis: Helferich von Lune - Roverè della Luna - Aich von Lune). Der Heeresteil, der durchs Etschtal kommen sollte, kommt nicht. So ziehen sie vorerst nicht nach Trient, sondern östlich übers Gebirge weiter. 

D  Karl der Große läßt den Feldzug zum Spott gegen die Baiern seinen jungen Sohn Pippin durchführen. Er zieht mit einem Heer von Trient aus gen Norden. Der erste bairische Widerstand bei Kronmetz (Mezzocorona) wird niedergeschlagen und der Vorstoß wird weiter fortgesetzt.

4

A  Er folgt den Verwüstungsspuren des römischen Heeres zur nächsten Schlacht und fällt im Kampf.  

B  Ecke holt Witege ein. Er versucht dem Neuankömmling die ganze Situation zu erklären, dass dieser Feldzug ungerecht und sinnlos sei und ihn aufgeben sollte, da er nur dem machtgierigen Orestes nütze. Würde jetzt aber Witege seinen Kampfauftrag abbrechen, würde seine Ehre und sein Leben dahin sein. Also gibt es für ihn ohnehin keine Alternative. Bei Cembra kommt es zur vernichtenden Schlacht, in der Ecke fällt und Witege siegreich hervorgeht.

C  Auf der anderen Seite überraschte und eroberte man das Lager Cembra. Die Nachricht vom Ende des anderen Heeresteiles trifft ein: Dieser durchbrach zwar den nördlichen Limesabschnitt bei Eppan und eroberte einige Lager, wurde aber schließlich auf dem Weg nach Süden in Tramin eingekesselt. Ein Durchbruch über die Etschsümpfe gegen Castra Vetera Montanis war aussichtslos. Im Süden warteten ihre Waffenbrüder vergebens. Eine Kapitulation kam also nicht in Frage. Beim Versuch die Palisadenbäume der Befestigungsanlage zu fällen wird dieser Heeresteil aufgerieben.

D  Die Sperren bei Tramin und Montanis gestalten sich auch für dieses Frankenheer undurchdringbar. Um der drohenden Vernichtung zu entgehen, zieht man sich wieder rechtzeitig zurück. 

5

A  In heiligen Bezirken werden die Gefallenen bestattet (Kalterer See, Montiggler Seen). Die Verwundeten werden gepflegt, darunter auch Drusus. 

B  In einem heiligen Bezirk (heiliger See - Lago Santo) werden die Verwundeten gepflegt und die Gefallenen bestattet.

C  Bestattung der Gefallenen von Tramin in den nahen Etschsümpfen, die von Cembra am heiligen See und an anderen Kultorten. 

D  Bestattung der Gefallenen und Versorgung der Verwundeten.

6

A  Unterwerfung: Restliche Widerstände Etsch aufwärts werden niedergemacht.

B  Weitere Widerstände im Cembratal werden niedergemacht.

C  Für den restlichen Verband geht der Feldzug weiter Richtung Valsugana, Gardasee und Verona: --- Gegen Ende des Eckenlieds wird dieser Strang C wieder mit der Gardasee-Richtung eingeblendet. ---> 

D  --- Karl der Große gelingt die Eroberung Baierns schließlich durch einen politisch hinterhältigen Schachzug, der in den Dietrichsagen-Muster als "verräterische Einladung" bekannt ist. Diese Einladung ist im Eckenlied durch Stolz und Niederlage verhindert, wird aber im König Laurin nachgeholt. --->

7

A  Friedens- bzw. Siegesverhandlungen auf einer rätischen Burg (bei Sigmundskron): Drusus diktiert den Rätern die ausbeuterischen Friedensbedingungen, die sie akzeptieren müssen. Dabei verbietet er die rätischen Götter und Bräuche, die durch Römische ersetzt werden müssen. Die Burg wird römisches Lager und erhält den Namen Pons Drusi.

B  Auf der Burg am Ende der Cembraschlucht (Castello di Fiemme - Fleimstal - am Dos Zelor) finden die Friedensverhandlungen statt. Dort muß man sich mit den neuen Bedingungen einverstanden erklären.

8

A  Um seinen Forderungen auch den nötigen Nachdruck zu verleihen, setzt Drusus seinen Eroberungsfeldzug gegen die Räter und ihre Kultur fort. Dabei vernichtet er sogleich den Kultbezirk oberhalb Bozens Stadlegg-Titschen ("Eggenots"). Siehe auch den Bezugspunkt 1B.

B  Bald scheint durch, dass nicht alle im Gebirge den Forderungen nachkommen wollen. Witege beschließt die Kontrolle über das Bergland selbst zu übernehmen und stößt weiter ins Hochgebirge vor, ins Reich der Erzlager und Metallproduktion. Am Fuße des ersten großen rätischen Kultberges Schwarzhorns ("Eggenots"), wird versucht das Eindringen in den geweihten Bezirk zu verhindern. Es kommt zum Gefecht, der schnell niedergeschlagen wird. 

9

A  Über wilde Wälder erreicht er mit seinem Heer den schönen Kultbezirk mit den drei Völser Weihern, der dem Fruchtbarkeitskult geweiht ist. Darüber erhebt sich der großartige Kultberg des Schlerns mit dazugehöriger Burganlage.

B  Durch steiles Hochwaldgelände erreichen sie auf der Anhöhe unterhalb des Schwarzhorns (heute Pozzi genannt, übers. Brunnen, Schächte) einen festlichen Kultplatz mit Quellen der dem Fruchtbarkeitskult geweiht ist. Auf dem Schwarzhorn selbst befindet sich die dazugehörige Kultburg ("Vasolts" prächtige Burg).

10

A  Dort und auf dem Weg zum höheren Kultbezirk im Schlern-Gebiet schlägt er den Widerstand der Einheimischen nieder (Sage der Schlernhexen)

B  Auf dem Weg nach Jochgrimm kommt es am Osthang des Schwarzhorns zu Gefechten mit Müttern, Frauen, Schwestern und Töchtern gefallener Krieger, die ihre Helden rächen und ihnen in den Tod folgen wollen (Sage der Jochgrimmhexen). Die heidnischen Kultstätten des Schwarzhorns werden zerstört.

11

A  Die rätischen Bild- und Kultobjekte werden vernichtet.

B  Auf dem Weg zum anderen großen Kultberg Weißhorn gegenüber des Schwarzhorns, werden weitere heidnische Kultobjekte niedergemacht (weitere versteckte Bedeutungskombinationen von "Bildautomaten": Kampfmaschinen bzw. fallenartige Attrappen fürs Kampftraining, und dazu assoziative Bezeichnung für das letzte zurückgelassene Wachpersonal, die keine richtigen Kämpfer mehr sind, also nur als Attrappen zum Kampftraining taugen würden und hier daher stilgemäß bloß als namenlose Spielfiguren auftreten dürfen. Denn für ranghohe "Helden" wäre es unwürdig sich mit ihnen zu schlagen oder gar zu messen - außer, man lässt es wie hier als Notwehr gelten. Ansonsten wäre es Mord, den ein vorbildlicher Dietrich-Held natürlich nicht begehen darf.), die dort zur Abwehr böser Geister und unbefugter Eindringlinge aufgestellt worden sind.

12

A  Drusus erreicht die Schlern-Burg ("Seburg"), wo sich ihm auch die rätische Königin und ihre Begleiterinnen unterwerfen müssen.

B  Sie überqueren den Abhang zur Bletterbachschlucht und gelangen so zur Kultburg der "Seburg" am Weißhorn (Drachenfels, ein alter Saurier-Fundort). Die Königin und ihre Begleiterinnen müssen sich ihnen unterwerfen und sie bewirten. Dann ziehen die Eroberer weiter.

13

C  Hier wird wieder ein fränkischer Heereszug Richtung Bern-Verona eingeblendet:

Altensal könnte eine Verballhornung von Salurn sein. Paulus Diaconus erwähnt eine vernichtende Schlacht in Salurn, die die Langobarden gegen die Franken führten, als sie Verona (Bern) erobern wollten. Unter Wald Rimslo ist ein Gebirge gemeint, vermutlich im Gardasee-Gebiet (Rimslo: Riva-Ledro?). Bei der Bezwingung eines Elefanten und eines fliegenden Drachen handelt es sich höchstwahrscheinlich um Eroberungen von Grafschaften, deren Herren im Wappen jeweils einen Elefanten und einen entsprechenden Drachen als Wappentier tragen. Hier handelt es sich also um eine heraldische Darstellung und nicht um eine märchenhafte. Das Schloss Altenfels befindet sich bereits außerhalb des Berglandes im Gardaseeumfeld.

          

 

König Laurin

1

A  Als nächstes Ziel hat sich Drusus den in östlicher Richtung gelegenen Rosengarten (A)*7 vorgenommen, von dem er gehört hat, dass dort auf der anderen Seite das höchste rätische Kultzentrum sei: der Garten ins Jenseits. Nachdem er auch diesen schändet und niedermacht, glaubt er den rätischen Widerstand entgültig gebrochen zu haben.

B  Als nächstes Ziel hat sich Witege die in östlicher Richtung gelegenen Erzlager am Fuße des Latemars vorgenommen - den sogenannten Rosengarten (B)*7 - das Hauptziel der Militäroperation. Die Verteidigung um den Rosengarten wird niedergemacht. Der rätische Stammeskönig "Laurin"*8 des Gebietes muß sich endgültig ergeben und sich mit den geforderten Bedingungen einverstanden erklären. Der Räterkönig nimmt an. 

D  Karl der Große hat nun eine bessere Idee, wie dem kleinen Möchtegernkönig Tassilo sein kleines Steinreich am einfachsten zu nehmen ist. Karl denkt sich ein Vergehen für das die Todesstrafe steht. Er will dem Tassilo eine weit zurückliegende Fahnenflucht anhängen. 


2 

A  Er kehrt zur Schlern-Burg zurück, wo er veranlasst diese wilden Felsgebiete zu räumen. Das Leben und die Kultur hat sich künftig in den Tälern zu entwickeln -  entsprechend der römischen Gepflogenheiten.

B  Er lädt die Eindringlinge in seine natürliche Gebirgsfestung ein - in den Latemar-Gebirgskessel. Man traut den listenreichen Rätern nicht mehr so recht, aber schließlich sagen sie zu. Es geht über das Hochgebirge weiter auf die andere Seite des Latemars, wo sie auf einer schönen Almwiese zu einer großen, rätischen Hochburg gelangen, in der sie freundlich empfangen werden. Von dort treten sie in ein verborgenes Grottensystem ein, wo sie in einem Saal ein festliches Gastmahl erwartet. Die Zecherei geht tief in die Nacht hinein. In der Trunkenheit kommt es jedoch zu Beleidigungen und Randalen. In der daraus entstehenden Verwirrung vermutet man in einen Hinterhalt geraten zu sein. Im daraus entstehenden Gefecht können die Räter ihre Geländekenntnisse bestens nutzen und setzen Witege und sein Gefolge fest.
D  Karl der Große ladet Tassilo und seine Familie freundlich in seine Königspfalz Ingelheim ein. Dann setzt er alle gefangen. Die Baiern, die hinter Tassilo stehen, läßt er töten.
3 

A  Doch noch sind nicht alle Räter besiegt. Drusus erhält Truppennachschub und setzt seine Eroberungen weiter Richtung Brenner, Inn und Donau fort.

B  Der Nachschub an weiteren germanisch-römischen Truppen lässt jedoch nicht lange auf sich warten. Nun mischen sich auch andere germanische Schutzherren vermittelnd ein. Dabei erliegt der rätische Stamm und mit seinen wenigen verbündeten Schutztruppen der fremden Übermacht. "Laurin" wird am Leben gelassen und wird als Kriegsbeute aus seinem Reich verbannt.

D  Karl macht Tassilo den geplanten Prozess, will sich jedoch gnädig erweisen, läßt ihn nur blenden und in ein fränkisches Kloster verbannen. Er besetzt Baiern und lässt restliche Tassilo-Getreue verfolgen und töten - auch im heutigen Tirol.
 

Rekonstruktion der historischen Weiterentwicklung

A  Mit der römischen Eroberung wird auch die rätische Kultur stark von der römischen verdrängt und schließlich ausgelöscht. Heute ist beinahe nichts mehr darüber bekannt.

B  Der Weg zur willkürlichen Ausbeutung der rätischen Erzlager hilft Orestes seine Macht zu halten und seinen unmündigen Sohn zum römischen Kaiser zu machen. Aber ein Jahr später schon beseitigt Odoaker dieses seltsame Herrscherpaar und krönt sich zum ersten König von Italien. Der Räterkönig geht frei und die Zwangsausbeutung wird aufgehoben. Witege kommt nun unter Odoakers Befehlsgewalt. Im Eroberungsfeldzug des Ostgotenkönigs Theoderichs d. Großen gegen Odoaker kämpft Witege noch auf Seite Odoakers zuletzt um die Stadt Ravenna. Nach den Verhandlungen wird Odoaker beseitigt und Witege wechselt auf die Seite Theoderichs (Dietrich v. Bern). Witege wird dann vermutlich Herzog in Verona (Bern)*11 - 'Dietrichs' legendärer Herrscherschaftsbereich.

C  Den Franken gelingt vorerst keine Eroberung des Langobardenreichs. Diese wird erst dem listenreichen Karl d. Großen ermöglicht.

D  Schließlich erobert Karl d. Große das Herzogtum Baiern ebenso mittels hinterhältigen Methoden und verfälscht dazu die historischen Überlieferungen, damit ihm auch nachträglich niemand auf die Schliche kommen kann und somit auch vor der Geschichte künftig gut da stehen wird können, was ihm bis heute gelungen scheint:

Inzwischen gibt es sogar einen Karlspreis für besondere Verdienste um Europa.

Bemerkungen

*1  Gebirge Tirol:  der ursprüngliche, frühmittelalterliche Landesnamen Tirols lautete "Land im Gebirge (und an der Etsch)"

*2 Ein weiteres Ecke-Grundmuster A könnte hierzu vom Umfeld Arminius-Varus hergeleitet werden, das in der bekannten Varus-Schlacht am Teutoburgerwald endete. (9 n.Chr. Aus Platzgründen wird auf diesen Strang bloß hingewiesen.) Es ist zu vermuten, dass die Hauptschlacht sich sogar südlich davon, also im nördlichen Bereich des Eggegebirges zugetragen hat. Eine erste mündliche Sagenüberlieferung zu dieser entscheidenden Vernichtungsschlacht ist naheliegend und könnte sich vielleicht auf den Ort bezogen haben: Eggensage. Diese könnte dann von den hierher ausgewanderten Germanen auf ähnliche Ereignisse dieses Umfeldes übertragen worden sein. In der vernichtenden Varusschlacht wurde von den Germanen dieselbe Flanken-Taktik angewandt, die hier für den Alpenlimes übernommen wurde.

*3  Eckes Fußmarsch wurde im Epos degradierend eingesetzt, da Ritter oder Krieger ohne Pferd nicht viel gegolten haben. Die Größe Eckes sollte diese Entwertung zusätzlich verstärken. Die Darstellung lässt aber auch durchblicken, dass es sich hier ursprünglich um eine Signalisierung gehandelt haben muß, die ohne Fußmarsch und ohne Pferd mit Klang oder Feuerschein in Windeseile das Ziel erreichen konnte. Anderseits kam die hier stationierte Limesbesatzung überwiegend ohne Pferde aus. Bei Alarmierung mussten sie die steilen, engen und felsigen Bergsteige talwärts stürmten und hinter Palisaden Stellung nehmen. Wenn dann ankommende feindliche Reiterheere an diesen Bollwerken scheiterten, musste das für diese frustierend gewesen sein. Gelang dann nach über zwei Jahrhunderten endlich die Überwindung dieser hauptsächlich auf Fußtruppen gestützten Barriere, dann versteht sich der hier getriebene Spott gegen der einst effektiv gehaltenen Grenzlinie.

*4 Witege (ahd. Weißes Schwert), Witeger, Wittich: In der germanischen Sage wird er als Sohn des Meisterschmieds Wieland und Träger des Sagenschwerts Mimung dargestellt. Dort wird er zuerst Schildgenosse Dietrich von Bern, dann als Herzog von Raben (Ravenna) sein Gegner. In der vorliegenden Rekonstruktion betritt Witege jedoch viel früher die historische Bühne, wirkt also schon lange vor Theoderich (Dietrich) in Italien, ist hier zuerst sein Feind, bevor er nach der Ermordung Odoakers, schließlich Dietrichs Herzog in Verona (Bern) wird. Nach Theoderich tritt ein Witigi die Thron-Nachfolge in Ravenna an, der in einer Verwandtschaftsbeziehung (Neffe?) zum Witege-Dietrich-Helden stehen könnte.
Ein weiterer Hinweis, zu Witege im Eckenlied aus der norwegischen 'Thidreksaga': Dort ist es auch nicht Thidrek (Dietrich), sondern Widga (Witege), der den Riesen Etgeir (Ecke) im Bertangenwald besiegt, wo er sein Land bewacht.

*5 Ausugum, das mitlitärische Hauptlager des Valsuganer-Tales wird in dieser Rekonstruktionsortung bei Caldonazzo lokalisiert. Bisher plädieren Historiker dafür, dass Ausugum im heutigen Hauptort Borgo Valsugana gelegen haben müsse. Caldonazzo würde strategisch auch günstiger als Borgo liegen.

*6 Die "Jungfrauenjagd" als Hinweis/Attribut auf den (hier obersten) "Zauberer", eventuell auch Jahreszeitenhinweis (Frühling, Walpurgisnacht, ...) - vergleichbar auch mit Bacchus-Dionysos jagender Verehrerinnen/Priesterinnen, den Bacchantinnen. Das Christentum verurteilte später derartige Fruchtbarkeitskulte als heidnische Hexereien.

*7

A  Der Rosengarten A in seiner ursprünglicheren Bedeutung könnte ein bedeutendes, rätisches Kultzentrum im Rosengarten-Gebiet sein - ein geschütztes, für Uneingeweihte verbotenes Paradies, wo Zugang zur jenseitigen Parallelwelt gefunden werden konnte. Nach der römischen Eroberung und Vernichtung ging diese schamanische Kultur Rätiens verloren.   

B  Der Rosengarten B: Nachdem die schamanische Kultur Rätiens von den Römern vernichtet wurde, ging die Bedeutung des okkulten Rosengartens verstärkt auf die oft ebenso geheim gehaltenen, materiellen Rosengarten über: die Erzlager. Das ergiebigste und wichtigste Erzlager könnte sich an der Westflanke des Latemars befunden haben, am Fuße der sogen. Erzlahnspitze, gelegen zwischen der Rotlahnscharte und dem Eggentaler Horn. Hier beginnt übrigens das Eggental, auf das sich indirekt das "Eckenlied" bezieht. Im Eggental endet das "Eckenlied" geographisch und beginnt der "König Laurin". Begriffliche Zusammenhänge:

 

Bisher bekannte Lokalisierung zum "Rosengarten" von Ignaz Vinzenz Zingerle im 19. Jhdt.:

*8 Etymologisches zum Namen Laurin:

rätisch: Lawrin, Lawaren - Steinhalde, dazu Lawine, Lavazè - Stein-See

lat: Laurentius, Laureatus: der Lorbeergeschmückte

lat: L-aurin - aus Gold, goldhaltig, goldreich, - dazu passende Parallelsage: "Goldemar" mit gleicher Endung wie Latemar

griech. Laurium: griechische Silbermünze aus den reichsten Silbergruben Attikas - in der Antike daher bezeichnend für Geld und Reichtum.

Etruskischer Kriegsgott: Lavran

*9 Künhilds Übergabe von "Zauberringen" an Dietrichs Mannen könnte - wie oben bereits hingewiesen - auf eine erzwungene Auflösung bestehender Bindungen hindeuten, die anderseits auch als Verrat interpretiert werden könnten.

*10 Die "Tarnkappen" gehen einerseits auf einen enganliegenden Kampfanzug zurück, anderseits könnten auch andere taktische Geländevorteile der Ansässigen gemeint sein, neben der Orientierungslosigkeit der fremden Angreifer. Eine militärische Degradierung der mächtigeren Seite, die ihre Ehre sodann wiederherstellt, indem sie der anderen Seite unehrenhafte Zaubermittel im Kampf vorwirft (im heutigen Sinne: feige, hinterhältige Partisanentaktiken), denen sie dann letztlich aufgrund ihrer heldenhaften Stärke doch gewachsen sind. Diese Schwäche wird so dichterisch-mythisch in eine Tugend umgewandelt.                 

*11 Diese Entwicklung um "Witege" macht es schließlich nachvollziehbarer, dass hier ein "Herzog Witege" den eigentlichen Dietrich-Agitator stellen konnte, der im Laufe seines Kriegerlebens unter einer längeren, germanischen Herrscherreihe gedient haben konnte, die oben einleitend als tragende Basis der "Dietrich-Figur" begründet wurde.
 
 

6. Literaturauswahl

Aventiure - märchenhafte Dietrichepik 
5. Pöchlarner Heldenliedgespräch / hrsg. von Klaus Zatloukal 
Wien : Fassbaender, 2000. - 192 S. : Ill.
(Philologica germanica ; 22) 

Das deutsche Götter- und Heldenbuch - IV.
Dietrich und seine Gesellen: 
Walther und Hildegund, Dietrich und Sälde, Virginal, Siegenot, Herbort und Hilde, Jron und Jsolde, Heime, Wittich, Ecke und Fasold, Biterolf und Dietleib, Wildeber und Jlsung, König Jsung 
[1903]. - 363 S.  In Fraktur 
(Primärliteratur)

Das Eckenlied 
Das Eckenlied : mittelhochdt./neuhochdt. / Text, Übers. u. Kommentar von Francis B. Brévart 
Stuttgart : Reclam, 1986. - 333 S. (Primärliteratur) 

Das Räterproblem in geschichtlicher, sprachlicher und archäologischer Sicht 
Beitr. von Benedikt Frei ... 
Chur, 1984. - 64 S. : Ill., Kt. 
(Schriftenreihe des Rätischen Museums Chur ; 28) 

Deutsche Heldenepik in Tirol : König Laurin und Dietrich von Bern in der Dichtung des Mittelalters ;
Beiträge der Neustifter Tagung 1977 des Südtiroler Kulturinstitutes / in Zsarb. mit Karl H. Vigl hrsg. von Egon Kühebacher
Bozen : Athesia, 1979. - 507 S. : Ill. 
(Schriftenreihe des Südtiroler Kulturinstitutes ; 7) 

Die Etrusker 
Die Etrusker / Franco Falchetti ; Antonella Romualdi. Aus dem Ital. von Helmut Schareika 
Stuttgart : Theiss, 2001. - 208 S. : Ill., Kt. 

Die Lepontier 
Die Lepontier : Grabschätze eines mythischen Alpenvolkes zwischen Kelten und Etruskern / hrsg. vom Schweizerischen Landesmuseum, Zürich. [Red.: Simona Canevascini ...] 
Zürich : Chronos-Verl., 2001. - 151 S. : Ill., Kt. 
(Collectio Archaeologica ; 1) 

Die Räter 
Die Räter = I Reti / ... red. von Ingrid R. Metzger... 
Bozen : Verl.-Anstalt Athesia, 1992. - 762 S. : Ill. 
(Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer ; [N.F., 5]) 
Beitr. dt. und ital. 

Doel, Fran: 
König Artus und seine Welt : ein Streifzug durch Geschichte, Mythologie und Literatur 
Erfurt : Sutton, 2000. 1. Aufl. - 160 S. : Ill. 
(Edition Tempus) 

Ensslin, Wilhelm: 
Theoderich der Große / Wilhelm Ensslin ( /Ensslin, Wilhelm). - 2. Aufl. 
München : Bruckmann, 1959. - 406 S. 

Gleirscher, Paul: 
Die Räter / Paul Gleirscher ( /Gleirscher, Paul) 
Chur : Rätisches Museum, 1991. - 62 S. : Ill., Kt.

Heinzle, Joachim:
Einführung in die mittelhochdeutsche Dietrichepik
Berlin [u.a.] : de Gruyter, 1998. - XI, 221, 11 S. : Ill. 
(De-Gruyter-Studienbuch) 

Kindl, Ulrike: 
Die umstrittenen Rosen : Laurins Rosengarten zwischen mittelalterlicher Spielmannsethik und
deutsch-ladinischer Volkserzählung. In „Ir sult sprechen willekomen“ ; 1998. S. 567 - 579.

König Artus und seine Tafelrunde
Europäische Dichtung des Mittelalters / neuhochdt. hrsg. von Karl Langosch
Stuttgart : Reclam, 1982. - 760 S. 

Menapace, Werner: 
400 Jahre Egetmann-Umzug 
Tramin : Egetmannverein, 1991. - 15 S. : Ill. 

Meyer, Matthias: 
Die Verfügbarkeit der Fiktion : Interpretationen und poetologische Untersuchungen zum Artusroman und zur aventiurehaften Dietrichepik des 13. Jahrhunderts / Matthias Meyer ( /Meyer, Matthias) 
Heidelberg : Winter, 1994. - 311 S. 

Pannwitz, Rudolf: 
König Laurin : ein episches Gedicht 
Nürnberg : Carl, 1956. - 87 S.
 (Primärliteratur)

Pfiffig, Ambros Josef: 
Religio etrusca : sakrale Stätten, Götter, Kulte, Rituale
Wiesbaden : VMA-Verl., 1998. - VII, 426 S. : Ill., Kt. 

Ritter-Schaumburg, Heinz: 
Dietrich von Bern : König zu Bonn
München [u.a.] : Herbig, 1982. - 432 S. : Ill. (z.T. farb.), Kt. 

Schneller, Christian:
Märchen und Sagen aus Wälschtirol
Ein Beitrag zur deutschen Sagenkunde gesammelt von Christian Schneller 
Verlag der Wagner’schen Universitäts-Buchhandlung, 1867. - 258 S.

Wisniewski, Roswitha: 
Mittelalterliche Dietrichdichtung
Stuttgart : Metzler, 1986. - XI, 281 S. 
(Sammlung Metzler ; 205 : Realien zur Literatur) 

Wolff, Karl Felix: 
König Laurin und sein Rosengarten : (höfische Märe aus den Dolomiten) ; nach den
mittelalterlichen Dichtungen und nach verschiedenen Volkssagen in freier Bearbeitung
wiedergegeben. 
Bozen : Athesia-Verlag, 1978. - 8. Aufl. - 106 S. : Ill. 
 
 

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